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schlummernden Mutter verlebt, ihm sein Vergnügen an jenen Genrebildern vergällt, die er über Alles liebte! Aber Adalbert sah nur die Not vom Licht der Sonne vergoldet, und diese verliert an Schauerlichkeit, an erschütternder Kraft gegen jene bleichen kalten Nachtgemälde gehalten, die im Silberrahmen des Mondlichtes geisterhaft glänzen! –

Der starke Schneefall und die häufigen anhaltenden Stürme, welche gegen Ende November, namentlich im Gebirge, sich einstellten, erschwerten die Communication zwischen entfernt liegengenden Ortschaften so sehr, dass Wochen vergingen, bevor aus weiterer Ferne Nachrichten einliefen. Unsere Freunde auf dem Zeiselhofe unterrichteten Leberecht und seine Familie von dem, was ihnen in Bezug auf die Bobersteinische Angelegenheit zu wissen nötig war, durch die wöchentlichen Boten, die zwischen den einzelnen Dörfern hin und wieder gehen. Dadurch blieben die Abgeschiedenen ziemlich im Zusammenhange. Nur während des ganzen Decembers und auch in der ersten Hälfte des Januars trat eine Unterbrechung ein, so dass Leberecht seit mehr als fünf Wochen nichts mehr von Sloboda und dem Maulwurffänger gehört hatte. Die eigene Not im haus, die schwere und gefahrdrohende Augenkrankheit Marieens liess den sorgenvollen Mann auch wirklich eine Zeit lang den schwebenden Prozess vergessen oder doch mehr und mehr im Hintergrund seiner Erinnerung verschwinden.

Da kam Leberecht eines Abendses war am Tage vor Pauli Bekehrungin grosser Aufregung nach haus. In der Hast des Eintretens hätte er beinahe Marie umgerannt, deren Augen so schlimm geworden waren, dass sie kein Licht mehr vertragen konnte, ohne vor Schmerz laut aufzuschreien, und die nun mit festverbundenem Kopf tappend in der kleinen engen stube umherschlich.

"Weisst Du's, Maria, und Du, Eduard, was in der Haide passirt ist?"

Eduard hielt die Lade an und legte das kreuzförmige Schnellholz, woran das Weberschiffchen mittelst Bindfaden befestigt ist, auf die Werfte.

"Ich bin nicht hinter'm stuhl vorgekommen, Vater, und an's Fenster hat auch kein Nachbar gepochtwoher soll' ich 'was Neues erfahren haben?"

"Was gibt's denn?" fragte Marie, auf der Ofenbank Platz nehmend und den schmerzenden Kopf in beide hände nehmend.

"Paul Sloboda hat seine Schwester gefunden!" sagte Leberecht. "Die ganze Haide ist lebendig geworden von dem Aufruf, denn es hat in den Blättern gestanden! Die Advocaten, heisst's, sollen vor dem blauäugigen Jungen die Mützen ziehen bis an die Erde, denn es ist ausgemacht, dass er nun Graf wird und die Schwester Gräfin, und dass sie allesammt, der alte Jan nicht ausgenommen, in prächtigen Palästen wohnen werden."

"Wenn's nur Grund hat, Vater!" warf Eduard ein. "Der Lügenkrämer laufen heute' zu Tage gar zu viele herum, und nachher hat's wieder Menschen, die sich eine Lust draus machen, ehrliche Leute anzuführen."

"Warum wird's nicht!" erwiderte etwas ärgerlich Leberecht. "Der erste Bote hat die Nachricht von Pink-Heinrich selber, und der weiss, was er rede't, sonst macht er lieber die Zähne nicht auseinander. Wir aber, Marie, Eduard, wir wollen Gott danken, dass es dahin gekommen ist, denn nun gehen wir gewiss und wahrhaftig besseren zeiten entgegen!"

"Wer's erlebt!" seufzte Marie, den schmerzenden Kopf immer in leise schwingender Bewegung haltend.

"Nur nicht verzagt!" ermahnte Leberecht die Kranke. "Es ist mit der Not wie mit Zahnschmerzen. Auf einmal, wenn's recht entsetzlich gezogen und gestochen hat, hört's von selber auf und man fühlt sich wie neu belebt. So wird's uns gehen, gebt acht! Das Elend hat sein Tun aus, wie wir sagen, und kein Unglück kann uns mehr 'was anhaben. Schon die blosse Nachricht hat mich neu gestärkt und frisch belebt, und da Morgen Pauli Bekehrung ist und unser katolischer Herr da nicht dreschen lässt, will ich mich flugs aufmachen und ein paar Stunden weit laufen, um genauere Kundschaft einzuziehen."

"O Jesus Christus!" wimmerte Marie.

"Was hast Du, Mutter?" fragte Leberecht und setzte sich neben sie, behutsam seinen Arm um die vor Schmerz Zitternde legend.

"Mir ist's, als sollten mir die Augen aus dem kopf springen! Nimm mir das Tuch abes brennt mich wie glühende Kohlen."

Leberecht entfernte die Binde und nahm die brennend heissen Leinwandflecken von den entzündeten Augen. Marie presste die Lider fest zusammen, erst nach einiger Zeit versuchte sie aufzublicken.

"Noch im Finstern?" sagte sie verwundert. "Ich dächte doch, Eduard hätte gewirkt und sich zuvor Feuer angeschlagen."

"Die Lampe brennt, Mutter!"

"Wo denn?"

"Mein Gott, keine drei Schritte von Dir! Das Tuch hat Dich gedrückt."

"Blinzle ein paar Mal," sagte Leberecht, "das wird helfen."

Marie drückte die schmerzenden Augen wieder fest zu und blickte dann mit weit aufgerissenen Lidern um sich.

"Nicht wahr, nun ist's besser, armeTaube?"

"Es ist noch immer finster."

"Die Lampe, Eduard! Geschwind die Lampe!"

Der erschrockene Sohn sprang mit dem helllohenden Docht heran. Leberecht riss sie ihm aus der Hand und hielt sie dicht vor Marien's Augen. Sie waren ganz trocken und ein dicker grauer Schleier überzog die Pupillen.

"Siehst Du jetzt?"