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durchaus nicht. Die Lage seiner Untertanen war erbarmungswürdig, war es vorzugsweise durch Adalberts kalte und eiserne Consequenz. Wie immer, wo kluge Verderbteit und kühler Verstand herrschen, der minder begabte gutmütige Mensch sich gutwillig gängeln lässt, so verstand auch Adrian die Schwächen derer zu missbrauchen, die zum Wohltun ihr Leben anwenden sollten. Ohne dass die Kurzsichtigen es ahnten, trugen sie zur Vermehrung der Unwissenheit bei, welche in der Masse des Volkes herrschte, und leisteten willenlos und unabsichtlich dem Elende Vorschub, während sie des Paradies auf Erden auszubreiten glaubten. berts Untertanen eingerissen war und an deren entsetzlichen Ausbrüchen sein Auge sich weidete, gewährte der Hausstand unsers alten Bekannten Leberecht. Der Mangel hatte ihn vor Weihnachten in die traurige notwendigkeit versetzt, sein Haus verkaufen zu müssen. Er bot es anfangs einer Menge Bekannten an, allein diese waren teils fast in derselben Lage, teils besassen sie auch nicht so viel, um selbst einen billigen Kauf eingehen zu können. Und Leberecht brauchte Geld, Geld um jeden Preis!

So blieb ihm zuletzt nichts übrig, als sein Haus an Adalbert selbst für einen Spottpreis abzutreten, unter der Bedingung, es bis zu seinem tod ungestört bewohnen zu dürfen und ein paar Aecker in Pacht zu erhalten.

Nun sass der arme bejahrte Mann, der sich sein ganzes Leben lang geplagt hatte, um sich ein paar Taler auf seine alten Tage zusammen zu sparen, verlassen da, und musste wieder anfangen, für kargen Lohn Tagarbeiterdienste zu tun! Mit Dreschflegel und Schüttegabel auf der Schulter ging er alle Morgen vor Sonnenaufgang eine volle halbe Stunde über Feld, oft in schauerlichem Stöberwetter, oder bei einem Kältegrade, der das Blut in den Adern gerinnen machte, um in zugiger Scheune mit leerem Magen bis in die sinkende Nacht hinein zu dreschen! Und für so schwere Arbeit ward noch dazu kein Pfennig Geld verabreicht! Die Arbeiter erhielten Korn, je nach dem Belieben des Herrn bald aller acht, bald auch aller vierzehn Tage! In dieses Korn, das für ein ausgegedroschenes Schock aus einem Viertelscheffel dresdner Mass bestand, hatten sich sämmtliche Drescher zu teilen. Kamen nun auf Leberecht einige Metzen, so musste er sich diesen schwer verdienten Lohn nicht nur selbst den weiten Weg bei Nacht und Sturm nach haus tragen, er hatte auch ausserdem noch die Mühe, entweder das Getreide in Geld zu verwandeln, oder es mahlen zu lassen, um das tägliche Brod davon zu gewinnen. Hatte er nicht Zeit oder konnte er die Nächte nicht opfern, um in die Mühle zu wandern und es selbst aufzuschütten, so zog auch der Müller noch sein bescheiden oder unbescheiden teil ab, und was zu guter Letzt übrigblieb, glich nur noch einem Almosen!

Maria und Eduard, ihr Sohn, führten kein beneidenswerteres Leben. Sie schafften von früh vier Uhr bis häufig nach Mitternacht hinter ihren Webstühlen und mussten in dieser Zeit mehr als sechzigtausendmal die Trittbreter niedertreten, um ihren täglichen Arbeitsziel zu fertigen! Aus Sparsamkeit brannten sie nur eine einzige Lampe, die zwischen beiden Stühlen in der Mitte hing und ihren trüben Lichtschein gar spärlich auf die graublauen Köper fallen liess, die Mutter und Sohn webten. Nur langer Gewohnheit war es möglich, bei dieser unvollkommenen Beleuchtung jeden zerrissenen Faden im dunkeln Gewebe sogleich zu entdecken und wieder auszuknüpfen; die Augen der unermüdlich fleissigen Weber aber litten darunter. Sie fingen an zu brennen, entzündeten sich später, wozu am Tage noch der blendend weisse Schnee beitrug auf dem die Sonne funkelte, und wurden, namentlich bei Marieen, immer röter und trüber. Schon zu Weihnachten vermochte sie kaum noch das Gewebe zu erkennen, sie musste sich ganz auf ihr Gefühl verlassen. Schlichten konnte sie gar nicht mehr, weil sie dabei den etwa reissenden Faden nicht bemerkt und beim Fortarbeiten das ganze Gewebe verdorben haben würde.

Leberecht und Eduard redeten der armen Frau wiederholt zu, sie solle sich eine Zeit lang schonen, sich ausruhen und pfegen und einen Arzt befragen, Marie aber achtete nicht auf ihre Bitten. Sie kannte den Mangel, die Not am besten und sah wohl voraus, dass zwei feiernde hände diese zu einem Grade vermehren würden, aus dem Rettung nicht mehr denkbar sei. Darum arbeitete sie unverdrossen Tag und Nacht fort, ohne zu murren, noch zu klagen! Ein frisches Krautblatt, das sie unter ihr Kopftuch band, so dass es kühlend über das Auge berabhing, war die einzige einfache Medicin, der sie sich bediente.

Oft beschlich die beiden rastlosen Weber der Schlaf. Konnten sie sich gar nicht mehr retten, so gestattete sich Mutter und Sohn abwechselnd einen kurzen viertelstündlichen Schlummer, damit sie der Mattigkeit nicht zu lange oder wohl gar die ganze Nacht erlagen. Traf nun Eduard die Reihe des Wachens, so strengte er alle seine Kräfte an, um durch schnelleres arbeiten wo möglich den Verulst an Zeit wieder einigermassen auszugleichen. Oder er stand wohl auch auf, wenn er die Mutter fest schlafend wusste, schlich sich an ihren Webstuhl, hinter dem die sehr gealterte, abgemagerte Frau nickend sass, die arme frostig über die Brust verschlungen, und träufelte behutsam ein wohltuendes Augenwasser auf ihre Lider, das er sich zu verschaffen gewusst und von dem er sich viel versprach, da es nicht allein ihm selbst gute Dienste geleistet, sondern auch Marieen einige Linderung brachte, seit er es ihr heimlich im Schlafe auf die entzündeten Lider goss.

Schade, dass Adalberts Dollond nicht bis in diese Hütte darbender und arbeitender Armut dringen konnte! Vielleicht hätte eine einzige Nacht, inmitten dieses zärtlichen Sohnes und dieser