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lassen, mit sicherem Pinsel die

Zerrissen- und Zerfahrenheiten des Lebens im ei

gentlichen Sinne des Worts auf die Leinwand zu

zaubern!

Gestehe ich's immerhin, dass vielleicht grade die

ser capriciöse Hang mich zu Deinem treuesten

Bundesgenossen macht. Etwas und zwar nicht ganz

wenig, trägt er bei, Deinem Systeme zu huldigen! –

Es ist so schwer in unserer unkünstlerischen, nur

auf grob Materielles gerichteten Zeit, gute Kunst

werke zu erhalten. An Künstlern, die sich so nen

nen, fehlt es freilich nicht, solche aber, die es wirk

lich sind, in deren Producten man Seele, sprossen

des Leben, zündenden Geist findet, solche wollen

mit hundert Laternen gesucht sein.

Da unterhält es mich denn ungemein und bildet

mein Urteil, wie meinen Kunstsinn zu einiger

Meisterschaft aus, wenn ich künstlich ein Leben

um mich her entstehen lasse, das mir, bisweilen al

lerdings etwas zu naturgetreu, jene Genrebilder aus

den niedrigen und gemeinen Lebenskreisen unmit

telbar vor's Auge führt. Um dasselbe besser aus der

Ferne geniessen zu können und mir einen wirkli

chen Kunstgenuss, also zugleich Bild und Leben, zu

verschaffen, habe ich mir von meiner letzten Reise

nach England einen vortrefflichen Dollond mitge

bracht, der sehr weit trägt, die Gegengenstände au

sserordentlich rein und scharf und mit zauberischer

klarheit festält. Mit diesem bewaffnet bringe ich

Stundenlang an den Fenstern meines Schlosses zu

und schwelge in den Genüssen, die er mir aus der

dumpfen Gemeinheit des in Schmutz und Schande

sich wälzenden Volkes zuträgt. Grösseren Reiz im

Genuss und dauerndere Befriedigung daran habe ich

noch auf keiner Bildergallerie gehabt; meine Art,

das Leben in der Kunst zu goutiren und auch vom

Schmutz und Elend die unsichtbare Schicht fein

sten Aroms, die sie umwebt, mit Behagen einzu

schlürfen, ist die vorzüglichste und wird gewiss fa

shionable, wenn ich einmal in die Laune komme,

die vertrauten Freunde zu verraten!

Aus diesen Andeutungen kannst Du entnehmen,

dass ich keineswegs müssig gewesen bin. Meine

Macht wächst täglich, der Untertan neigt sich ge

horsam vor mir und ist sehr zufrieden, wenn ich

ihm nicht das Ohr kneipe. Ich herrsche vollkom

men unumschränkt über Bauern und Weber. Es

gibt fast kein Haus mehr in den nächsten drei Dör

fern, das mir nicht angehört, und ich halte sehr

streng auf pünktliche Zinszahlung! Enfin ich bin

sehr zufrieden! Uebrigens sind meine Leute friedli

cher gesinnt, als Deine Fabrikarbeiter. Hier denkt

Niemand an Empörung oder gar an Petition. Gott

Lob, der Landmann und der blosse Lohnweber ge

hören noch der alten Zeit an, die sich mit Lesen

nicht viel abgab! Vortrefflich arbeiten auch meine

Pastoren uns in die hände, und ich danke Gott

wirklich, dass er mich so kostbare Wahlen hat tref

fen lassen. Es sind musterhaft gute, fromme, mir

treu ergebene Herren, diese beiden Pastoren, aber

Teologen vom Scheitel zur Zeh! Aber auch bloss

Teologen, sag' ich Dir! Sie halten mit eifersüchti

gegen Blicken auf Befolgung des geschriebenen Wor

tes. Was geschrieben steht, steht geschrieben! heisst

ihr Gott, ihr Glaube, ihre Seligkeit!

Du kannst Dir vorstellen, was sich mit solchen

gelehrten Büffeln anfangen lässt! Sie wollen nichts

hören von Volksaufklärung, was ich nur billigen

muss, und verleiden meinen Bauern und Webern

alle Zeitungen und Bücher durch ihr fanatisches Ei

fern gegen die Presse. Ihnen ist Alles schlecht und

verdammenswert, was nicht in der Vulgata und

etwa in einer geistlosen Postille steht. Kann ich

etwas Besseres tun, als diese Ehrenmänner in

ihrem Amtseifer unterstützen und bestärken? Wäh

rend sie meine Untertanen geistlich und selig ma

chen, bringen sie ihnen den herrlichen Glauben bei,

dass irdisches Glück und Wohlsein dem Himmel

abwendig mache und Niemand zukomme, als den

Auserwählten! Unter diese gehören natürlich die

Herren und alle Obrigkeiten, und ich bin gar nicht

böse, dass meine sehr unteologische überzeugung

trotzdem Allem mit dieser banalen Teologie vor

trefflich harmonirt!

Gesteh' es, lieber Bruder, dass ich Glück habe!

Was Andere in einem ganzen Leben voll Mühen

nicht erreichen, das fällt mir von selbst in den

Schooss. Es erfolgt, was ich wünsche, nur dadurch,

dass ich es wünsche. Höchstens gehe ich meinen

guten Seelsorger um ein passendes Kirchengebet

oder eine eindringliche Predigt an. Und nun sage

Einer noch, dass die Interpretation des Lebens wie

der Bücher nicht die Hauptsache sei! Dass man

nicht Alles in das liebe Leben hinein- und auch

wieder aus ihm herauserklären kann, wenn es

tig ist!

Viel Glück zu der beabsichtigten Unterredung!

Führt sie zum Ziele, so geb' ich ihr meinen Segen!

Nur sei jetzt doppelt vorsichtig! Wenn Du es doch

so einrichten könntest, dass Martell einen Ort be

suchte, in deren Nähe sich die Cholera gezeigt oder

schon einige Opfer gefordert hat! Sollte sich das

nicht tun lassen? Glück, Schicksal und Teufel

pflegen alle drei auf ein Ausstrecken des kleinen

Fingers zu warten. Darauf muss man achten!

Eine Haushälterin brauchst Du? Hm, es ist fatal,

dass wir mit Aurel so übel stehen! Der gute lebens

lustige Bruder hat ein paar hübsche Mädchen als

Dienerinnen für Herta bei sich, die sehr gut erzogen

sein sollen, wie ich in Erfahrung gebracht habe.

Auf Umwegen liesse sich die eine oder andere doch

vielleicht gewinnen! Ich werde mich erkundigen

lassen und Dir später Antwort geben.

Meine Frau erwiedert Deine ehrfurchtsvollen

Grüsse sehr angelegentlich.

Ganz

Dein Adalbert"

Der vornehme Herr übertrieb in seiner Schilderung