Vor
schlag sei jetzt mit Energie aufzunehmen und mit
Schlauheit auszuführen. Deiner Zustimmung gewiss
habe ich nicht angestanden, schon vor der anmuti
gegen Entdeckung des neuen Bruders Anstalten zu
treffen und es ist mir gelungen, em überaus taugli
ches Individuum dazu aufzufinden. Noch heute oder
morgen werde ich persönlich mit diesem Helfer in
der Not zusammenkommen und Alles mündlich
abmachen. Vorsicht ist nötig bei solchen Angele
genheiten und mir wenigstens soll die Welt nicht
nachsagen können, dass ich bei allem Speculalions
geist doch den eigentlichen Kern und die Blüte
des Glückes – List und Verschlagenheit – nicht be
sessen hätte.
Mein Befinden ist wieder ganz erträglich. Die
reine scharfe Winterluft hat mich wunderbar ge
kräftigt. Bis zum Frühjahr denke' ich gesunder als je
zu sein und was dann etwa noch fehlt, wollen wir
zusammen im Seebade von Ostende oder Dieppe
nachholen.
Uebrigens kann ich Dir die tröstliche Versiche
rung geben, dass ich mein System consequent
durchgeführt habe. Man kann viel erreichen, wenn
man klug ist und die Neigungen und Leidenschaf
ten derer zu benutzen weiss, die uns dienstbar ge
worden sind. So habe ich es mit meinen Arbeitern
gemacht, die dabei gutmütig in dem Wahne blei
ben, ich sei auf dem besten Wege mich in Folge
ihrer mir zu Ohren gekommenen Klagen für sie
aufzuopfern! Freilich geben sich nicht Alle diesem
kindlichen Glauben hin, aber doch bei weitem die
Meisten. Und das Alles, weil ich ihnen kürzlich
doppelten Lohn auszahlen liess! Ist das nicht amu
sant? Beweist das nicht, dass derjenige menschlich
genommen immer im Recht ist, der in Wahrheit
vielleicht das grösste Unrecht begeht? Haben es die
Eroberer und Despoten alter und neuer Zeit etwa
anders gemacht? Und lebt ihr Name nicht hochge
priesen in der geschichte fort von Jahrhundert zu
Jahrhundert? Du musst nur siegen, um gross und un
sterblich zu werden, siegen ohne Unterbrechung,
und es ist vollkommen gleichgiltig, ob Du als ein
Solon oder als ein Caligula die Welt in Erstaunen
setzest!
Dass man Lust zu solchen Siegen erhält, ist sehr
natürlich, wenn man längere Zeit unter so herunter
gekommenem volk lebt. Ich weiss in der Tat
nicht, ob ich diese Menschen mehr beklagen oder
verachten soll, denn wer sie so sieht, in Schmutz
und geistige Dumpfheit gleich tief versunken, dem
ist es zu verzeihen, wenn er sich urplötzlich auf
dem ärgerlichen Gedanken ertappt, es möchten
diese prädestinirten Unglücksphysiognomieen wohl
nicht Geschöpfe seines Gleichen sein! – Ich kann
nicht läugnen, dass ich mich selbst einigemale auf
dieser aristokratischen Gedankensünde überrascht
habe ganz wider Willen. Nehmen wir aber an, es
bestünde wirklich ein geheimer Unterschied zwi
schen hoch und niedrig Geborenen, was, ich frage
Dich, was könnte es dann nutzen, wenn wir uns
fruchtlos abmühten, ein von Urfang an minder be
gabtes, geistiger entwicklung unfähigeres Ge
schlecht zu uns heraufzuheben? Kannst Du Dich
ter, Künstler, Fürsten bilden? Nein, sie alle werden
geboren! – Wenn dem aber so ist, woran kein Ver
nünftiger zweifeln kann, dann muss ich sehr bitten,
mich mit allen philantropischen Ideen zur Herauf
bildung der Menschheit auf gleiche Höhe der An
schauung und entwicklung mit uns zufrieden zu
lassen. Dann bleibe Staub, was Staub ist, und jegli
che Creatur begnüge sich mit dem, was ihr Gott in
seiner unergründlichen Weisheit zugeteilt hat!
Ich hoffe, wir verstehen uns und wandeln Hand
in Hand unserm grossen Ziele entgegen. Lass mich
wissen, in wiefern Deine Bemühungen gleichen Er
folg gehabt haben! –
Noch eine sorge hat sich in diesen Tagen zu den
übrigen gesellt. Meme Haushälterin ist aus meinen
Diensten gegangen. Das stört mich mehr, als die
hundert und aber hundert Verwünschungen meiner
ohnmächtigen Arbeiter. Ich muss fast verhungern,
so schlecht wird Alles zubereitet! Solltest Du eine
passende person wissen – wohl zu merken: sie muss
jung, hübsch und heiteren Temperamentes sein – so
setze mich davon in Kenntniss.
Meiner liebenswürdigen Frau Schwägerin die
ehrfurchtsvollsten Grüsse!
Adrian."
Auf diesen Brief, den Adalbert mit grosser Seelenruhe las, ging Tages darauf folgendes Antwortschreiben an Adrian ab.
"Mein lieber Bruder.
Die Empfindungen, welche mir das Lesen Dei
nes interessanten, liebevollen Briefes erregte, kann
ich nur mit dem unbeschreiblich wohltuenden Ge
fühle vergleichen, das unsern Körper nach genom
menem Dampfbade durchrieselt. Ich befinde mich
ganz à mon aise, äusserst behaglich, befriedigt in
jeder Weise und nicht im mindesten aufgelegt,
mich künstlich zu melancholisiren, wie dies jetzt in
der aristokratischen Welt wohl einigermassen Mode
zu werden beginnt. Für dieses Wohlbefinden bin
ich Dir dankbar ergeben, teurer Bruder, und drük
ke Dir par distance die Hand.
Deine Mitteilungen anlangend, so wüsste ich
nicht, was ich darauf zu erwiedern hätte, es müsste
denn das sublimste Lob sein. Da ich nun aber
weiss, dass Du nicht diese plebeje Art von Ehrgeiz
besitzest, die nach faustdickem Lobspruche giert,
so halte ich an mich und werfe Dir nur einige be
scheidene, fein lächelnde Winke zu. Du bist ein
Kenner und weisst den haut goût geistigen Genus
ses zu schätzen.
Eins aber muss ich doch tadeln! Du hast verges
sen, mir eine Beschreibung zu liefern von dem Gra
fen in der Zwillichhose und Kattunjacke! Wie
konntest Du so meinen Geschmack verkennen und
mich eines Genrebildes berauben, wie es wahr
scheinlich vor Deinen Augen nicht zum zweiten
Male auftaucht? Du kennst meine romantischen
Liebhabereien, meinen Entusiasmus für die Nie
derländer, mem Schwärmen für Künstler, die es
sich angelegen sein