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kann, will ich mit Euch reden."

Diese Worte sagte Maja eintönig, hohl, mit einer erschütternden Grabesstimme.

"Ihr hattet eine Tochter, Röschen?" begann sie nach einer Weile abermals. "Man nannte sie ihrer Lieblichkeit wegen Haideröschen. Sie ist tot, ich weiss es. Die stimme, die mich so oft drohend rief, dass ich zusammenschauderte in mir selbst, hat es mir gesagt!"

"Möge der Friede Gottes auf ihrem grab weilen!" sagte Sloboda mit gegen Himmel erhobenen tränenden Augen. "Sie schläft schon lange mond in fremder Erde und ruht aus von den Qualen dieses Lebens."

"O sie war immer fromm und gut, darum ging es ihr auch so schlecht! Aber ich war eine wilde, sinnliche Dirne, der Tanzboden war meine Kirche und lustige Lieder auf meiner losen Zunge spottete ich dem Himmel. Mir fehlte es an nichts, so lange ich nichts wissen mochte von Gott und seinen Geboten!"

"Versündigt Euch nicht, Mutter!" bat Jürge. "Der Tod sitzt Euch auf der Zunge und Ihr lästert!"

"Still, still mein Sohn! Ich muss beichten, wenn ich Gnade finden will vor dem Herrn. – Jan Sloboda, ich sprach Eure Tochter nach dem grossen Haidebrande. – Als Ihr vorausgingt in das fremde Land mit Eurem Schwiegersohne, kam ich zu ihr, nannte mich ihre Freundin und wollte ihr beistehen in der schweren Stunde, der sie entgegensah."

"Unglückliche!" rief Sloboda aus. Aurel und der Maulwurffänger beugten sich horchend über das Lager. Auf ihren bleichen Gesichtern spielten die Schatten des flackernden Heerdfeuers.

"Ha!" fuhr Maja auf und hielt die zitternden hände schirmend über ihre Augen, die mit wahnsinnigem Ausdruck auf Aurels Antlitze ruhten. "Das ist sein Geistder Geist des bösen Grafender mir Gold gab, so viel Gold als Tage im Jahreder mich zu der Freveltat verführte!"

"Sie hält mich für Magnus," flüsterte Aurel dem Maulwurffänger zu. "So straft Gott die Sünden der Väter an ihren Kindern!"

"Geh! Geh! Ich komme schonich entfliehe Dir nicht!" fuhr Maja fort. Dann ergriff sie abermals die Hand des Wenden, sah ihn mit grausamen Lächeln an und sagte kalt: "Ich entband Haideröschen von einem Mädchen und raubte es ihr in der Stunde des bitteren Schmerzes. – Graf Magnus wollle es erziehen lassenim Gemeindehause! Ha, ha, ha, war das nicht lustig von dem vornehmen Schalke?"

Die Kranke fiel jetzt in ein so krampfhaftes Gelächter, dass alle Umstehenden glaubten, ste würde daran ersticken. Aber sie erholte sich wieder und blickte ruhig um sich, als habe sie eine ganz alltägliche unschuldige geschichte erzählt.

Sloboda klapperten die Zähne, er konnte nicht sprechen. Der Maulwurffänger, dessen scharfes Auge keine Secunde die Sterbende zu beobachten aufgehört hatte, ergriff anstatt des Wenden das Wort.

"In welches Gemeindehaus brachtet Ihr das Kind Haideröschens?" fragte Pink-Heinrich.

Maja nannte den Ort. Er gehörte noch zu den Besitzungen der Grafen Boberstein.

"Ward das Kind getauft, arme Mutter?"

"Es erhielt meinen Namendie Zeugnisse liegendort in dem Kastenunterdem Ofen –"

Mit ungestümer Hast bemächtigte sich Paul des Kastens, dessen Deckel seinen Faustschlägen nicht lange widerstehen konnte. Er entielt das Taufzeugniss von Haideröschens Tochter.

"Also doch eine Tochter!" sagte der Maulwurffänger. "Eine Tochter, wie die Sage ging unter dem volk. Sie hat ein Mal?"

"Einen purpurnen Stern an derlinken Schläfevon der Grösse eines Hirsekorns!"

"Jan Sloboda, Deines Kindes Tochter ist gefunden!" rief der Maulwurffänger. "Sie lebt, in tiefem Weh, aber bald, bald soll sie jauchzen vor Freude, weil der Allmächtige Gericht zu halten beginnt über die Gottlosen!" –

"Und ich, ich soll meine Schwester finden!" lallte Paul schluchzend, während er das Taufzeugniss der Verstossenen Aurel überreichte.

Maja schloss jetzt die Augen, ihr Atem ging langsamer, zuweilen röchelte und stöhnte sie und die Lippen bewegten sich wieder in leisem Gesange.

"Sie stirbt!" rief Jürge, dem salzige Tränen schon längst die Augen füllten. "Sie stirbt, ohne mir die Hand zu drücken, ohne mir Adje zu sagen! – Die gute, alte Mutter!"

"Horch, sie singt!" sagte der Maulwurffänger und bedeutete den Uebrigen, sich schweigend zu verhalten. Sloboda erhob wieder sein auf die Brust gesunkenes Haupt und wendete sich der Sterbenden zu. Diese hielt die Augen fortwährend geschlossen, bewegte wie im Tacte die mageren hände und sang in langsamen melancholischen Weisen folgende Strophen:

"Helf Gott, altes Mütterlein!

Wo ist Euer Aennelein?

Didlomdajom didlomdai,

Wo ist Euer Aennelein?

Nicht zu Haus ist Aennelein,

Scharrten in das Grab sie ein.

Didlomdajom didlomdai,

Scharrten in das Grab sie ein."

Nach diesem Verse riss die Sterbende nochmals die Augen weit auf und blickte sich wie erstaunt um. An dem Ausdruck ihres Gesichtes sah man, dass sie Niemand erkannte. Ihr Geist war wieder umnachtet, wie seit zehn Jahren.Sie lächelte blödsinnig, nickte Allen zu, schlug von Neuem den Tact auf der Decke ihres Lagers und sang abermals, nur matter und immer langsamer:

"Hanka sage, was das ist,

Dass Du mir gestorben