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Hin- und Herlaufen eigentlich gar nicht Arbeit nennen kann. Es ist eine blosse müssiggängerische Spielerei, für die ein Trinkgeld hinlänglicher Lohn wäre. Doch bei Ihnen wird solche Aufsätzlichkeit, wie hier, nicht vorkommen. Sie besitzen zum Glück Leibeigene, die Sie für jede Klage mit Knutenhieben belohnen können, eine Einrichtung, die sehr vernünftig und practisch ist und die auch bei uns bestehen sollte! Glauben Sie mir, man hat unsäglichen Aerger mit diesem widerhaarigen Arbeitervolk!"

Sie hatten die verschiedenen Säle durchschritten, stiegen in das zweite Stockwerk hinauf und traten in die Räume der Grobspinnmaschinen. Auch hier flutete dieselbe schwere, ölige das freie Atmen hemmende Atmosphäre durch alle Säle, und die Luft war ebenfalls, wenn auch nicht in so hohem Grade, mit Millionen feiner Wollenteilchen geschwängert, die als weissgrauer Niederschlag an den Kleidern sich anlegten und bei vielen Arbeitern Augenentzündungen verursacht hatten. Die Heftigkeit, mit welcher der feine Wollstaub von den schwirrenden Würteln und Spillen abflog und die darüber Gebeugten traf, mochte viel dazu beitragen. Sloboda und Heinrich bemerkten dasselbe trockene Hüsteln, das freilich aus dem schmetternden Lärm der Räder und Spindeln nur ein achtsames Ohr heraushörte.

Als unsere Bekannten auch diese Räume ihrer ganzen Ausdehnung nach durchwandert waren, kamen sie im dritten Gestock in ein Vorgemach, wo mehrere Aufseher versammelt waren. Achtungsvoll grüssten diese die Eintretenden. Adrian nahm eine sehr vornehme und herrische Miene an und erwiderte den Gruss nur obenhin. Sloboda blieb stehen, um aus den Fenstern einen blick über die unermesslichen Haidestrecken zu werfen, die dunkelblau, wie die Wogen des Meeres, sich bis an den Horizont ausdehnten. Sinnend schüttelte er bei diesem Anblick den Kopf.

"Fällt Ihnen etwas auf?" fragte Adrian, der, stolz auf seine Einrichtungen, keinerlei Tadel gut vertragen konnte.

"Ach nein," versetzte Sloboda, "ich dachte nur der Vergangenheit und was der alte Herr Erasmus, den ich wohl kannte, zu der Veränderung sagen würde. Eine Spinnfabrik auf den Mauern seines Schlosses und dies selbst in fremden Händen, ach das ertrüge der ehrenwerte Herr nicht, wenn er noch lebte! Lieber würde er sich in die tiefste Stelle des Sees gestürzt haben!"

"Wer sagt Ihnen denn, mein Herr, dass die Besitzungen der Boberstein in fremde hände gekommen seien?"

"Sind Sie nicht der Eigentümer dieser Fabrik?" fragte Sloboda.

"Der bin ich."

"Man sagte mir, ein Herr am Stein besitze See und Haide in ziemlicher Ausdehnung."

"Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt, mein Herr, aber man hat vergessen hinzuzufügen, dass die Herren am Stein und die alten Grafen von Boberstein ein und dieselben Personen sind. Mein Stammname ist Adrian Graf von Boberstein, ältester Sohn des erlauchten Grafen Magnus, seiner Zeit unter dem Namen 'Blauhut' wohl bekannt bei Vornehm und Gering."

Sloboda und Heinrich entblössten ehrerbietig ihre Häupter und stellten sich äusserst überrascht. "Herr Graf," sagte der Wende, "es ist Ihre Schuld, wenn wir einigermassen die Ihnen zukommende achtung aus den Augen gesetzt haben. Wir glaubten bloss den reichen, umsichtigen, kühnen und glücklichen Fabrikherrn, Herrn am Stein, zu sprechen, nicht den Enkel des Grafen Erasmus von Boberstein! Doch muss ich bekennen, dass mir diese Entdeckung von hohem Wert ist, da Sie mir Aufschluss über eine Angelegenheit geben können, die mich zum teil auch veranlasst hat, diese Gegend zu besuchen. Sie werden lächeln, Herr Graf, wenn ich mich Ihnen als Ihren Verwandten vorstelle!"

"Sie und in diesem Rock?" sagte Adrian verwundert und empört zugleich.

"Lassen Sie sich den Rock nicht stören! Er deckt ein grades, ehrliches Herz, das die Gerechtigkeit über Alles liebt! Ich kannte Ihren Herrn Vater, Graf Magnus. Schade, dass ihn der Tod schon abgerufen hat!"

"Ich muss wirklich bitten," fiel Adrian etwas ungeduldig ein, "dieses Gespräch abzubrechen, oder mir auf der Stelle die bündigsten Beweise zu liefern, dass ich in Ihnen einen Verwandten meiner Familie vor mir habe, sonst möchte ich mich genötigt sehen, Ihnen den Weg aus der Burg zeigen zu lassen."

"Verzeihung, verehrter Herr Graf!" erwiderte Sloboda. "Ihre Burg ist gegenwärtig eine moderne Spinnfabrik, weshalb es Ihnen schwer fallen möchte, Ihr Wort wahr zu machen. Die gewünschten Beweise sollen Sie erhalten. Heinrich, zeige doch dem Herrn Grafen das Papier."

Der Maulwurffänger holte hierauf mit grosser Ruhe die bewusste Verschreibung hervor und reichte sie dem Wenden. Dieser entrollte sie so weit, dass Unterschrift und Wappen des Grafen Magnus sichtbar wurden, und hielt sie Adrian vor.

"kennen Sie dies Wappen, diese Handschrift?"

"Wie sollte ich nicht?" versetzte arglos der Graf. "Es ist mein Familienwappen und die Handschrift meines verstorbenen Herrn Vaters."

"Darf ich die Herren ersuchen," wandte sich Sloboda an die umstehenden Aufseher, "mir zu bezeugen, dass der Herr Graf Adrian von Boberstein diese Schriftzüge als die seines verstorbenen Herrn Vaters anerkannt hat?"

"Sie dürfen es, mein Herr," erwiderte der Aelteste, in dem wir den Buchhalter Vollbrecht wieder erkennen. "Die Schrift des Grafen Magnus kann Niemand verkennen!"

Die Uebrigen stimmten schweigend bei und verbeugten sich.

"Ich danke Ihnen, meine Herren," sagte Sloboda, die Schrift wieder zusammenrollend und an Heinrich zurückgebend.

"Aber, mein Herr, was soll