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Namen, die Jürge nie von ihr vernommen hatte, und richtete fragen an ihn, vor denen er erschrak. Sie wollte vor Allem wissen, ob Jan Sloboda noch am Leben sei oder Einer seiner vertrauten Freunde. Als Jürge dies bejahen musste, trug sie ihm mit befehlshaberischem Tone und mit dem unheimlichen glänzenden Auge einer Sterbenden auf, dass er diesen Mann sogleich zu ihr rufen solle. Ehe dies nicht geschehe, ehe sie den alten Wenden nicht gesprochen habe, erklärte sie mit wahrhaft entsetzlichem Nachdruck nicht sterben zu können und zu wollen, da ihr Gott die grosse Gnade erwiesen und ihr den so lange Jahre umnachteten Verstand am Ende ihres sündigen Lebens wieder geschenkt habe. Sie wollte die stimme des Weltenrichters laut in sich vernehmen, die sie aufrief zu einer Unterredung mit dem Wenden!

Anfangs glaubte Jürge in diesem wunderlichen Verlangen ein abermaliges Verlöschen der geistigen Kräfte zu erblicken, allein Maja sprach so zusammenhängend, so ruhig und besonnen auch von andern Dingen, dass diese Annahme an Wahrscheinlichkeit verlor, und gehorsam eilte er, ihrem Verlangen zu entsprechen. So schrieb denn der bestüzte Kretschamhalter jenen Brief an den Maulwurffänger, der unsere alten Freunde zu raschem Aufbruch in die abgelegene Haideschenke veranlasste.

drei Tage waren seitdem vergangen und die Kranke wurde sichtlich schwächer und unruhiger. Mit Einbruch der Nacht verwandelte sich ihr Gesicht und nahm jenen eigentümlichen Ausdruck an, der ein sicheres Zeichen des nahenden Todes zu sein pflegt. Das unruhig flackernde Auge sank tief in die schwarzen Höhlen zurück und leuchtete wie ein Irrlicht auf finsterm Moor. Die Lippen verkürzten sich und entblösten die wenigen verbrochenen Zähne der Sterbenden. Matter und immer matter schlugen die Pulse, und in kurzen Pausen stellte sich ein lebhaftes, ja wildes Phantasiren ein.

Jürge und Lene, die rüstige Hausmagd, sassen wachend an dem Lager der Kranken, die in dunkle Gewänder gehüllt gleich einem Gespenst sich häufig krampfhaft aufrichtete, das Auge durch die kleine kammer schweifen liess, die hände seltsam bewegte und wiederholt eine lauschende Stellung annahm, als horche sie auf ein fernes Geräusch. Entfesselt hingen ihr die langen weissen Haare um die fahlen Wangen, über die runzelvolle Stirn. So verging eine bange Stunde nach der andern. Mitternacht kam heran und noch immer vernahm man keinen andern laut, als das monotone Rauschen der schneebelasteten Haide. Mit jedem Stundenschlag der alten schwarzwälder Uhr, die tickend an der braunen Holzwand hing, vermehrte sich die Unruhe der Alten. Sie wimmerte bald wie von körperlichem Schmerz gepeinigt, bald murmelte sie Gebete vor sich hin. Zuweilen fing sie auch wieder an, ihre melancholischen Liederweisen zu singen. Die Wachenden fürchteten sich vor der Greisin, aber sie wagten nicht, sie zu unterbrechen, noch beunruhigende Worte an sie zu richten.

So brach das fahle Dämmerlicht des Morgens an, das grau und kalt durch die Fensterladen schimmerte. Die Kienspäne brannten düster und krümmten ihre glimmenden Rispen niederwärts. Hoch auf lohte nur manchmal noch das Kienfeuer, dem Lene immer von Frischem neue Nahrung gab. Da klingelten endlich Schellen aus weiter, weiter Ferne! Peitschen klatschten, schnaubende Rosse jagten den Waldweg herein und kläffend schlugen die Hunde an.

"In einer Stunde drückst Du mir die Augen zu, mein Sohn," sagte Maja, indem sie sich lebhaft aufrichtete und ihre kalte, zitternde Hand auf Jürge's Arm legte. "Geh, lasse die Freunden ein; denn sie sind es. Die stimme hat aufgehört, in das Ohr meines Herzens zu schreien!"

Sie legte sich wieder zurück, strich sich die Haare aus dem Gesicht und faltete die abgemagerten hände über die Brust. Ihr blick war ruhig, sanft und matt geworden, die nervöse Spannung ihrer Gesichtsmuskeln wich einer demütigen Ergebung.

Jürge ging bewegt und von eigentümlicher Furcht geschüttelt den frühen Gästen entgegen, in denen er auch wirklich unsere Bekannten begrüsste. Ohne grosse Einleitung führte er sie alle gleich an das Lager seiner sterbenden Mutter.

Maja erkannte Sloboda auf den ersten blick.

"Ihr seid der Vater Haideröschens," sagte sie mit fester stimme und streckte dem Wenden die Hand entgegen, während ein schmerzliches Lächeln über die bleichen Züge lief. "Setzt Euch zu mirund auch Du, junger Bursche, der Du ihr so ähnlich siehst!"

Aurel und dem Maulwurffänger schien sie keine besondere Aufmerksamkeit schenken zu wollen, doch liess sie es geschehen, dass auch sie zu Füssen ihres Sterbelagers Platz nehmen durften. Lene dagegen musste das Zimmer verlassen und ihr Sohn darauf die Tür verriegeln.

Nachdem dies geschehen war, richtete Maja geraume Zeit ihre dunkeln Augen auf Sloboda, ohne das erwartungsvolle bange Schweigen der Anwesenden zu unterbrechen.

"Kennt Ihr mich denn, gute Mutter?" fragte Jan die Alte gerührt. "Ich kann mich Eures Gesichtes nicht entsinnen. Freilich, mit den Jahren wird das Gedächtniss schwach."

Maja nickte düster mit dem kopf, ihre Züge wurden wieder finster, fast abschreckend und mit hohlem Brustton erwiderte sie:

"Wenn Ihr mich kenntet, Jan Sloboda, so würdet Ihr mich verfluchen! Ich habe Euch viel, viel Böses zugefügt!"

Sie begann zu röcheln und schloss auf einige Secunden die Augen.

"Ihr mögt Euch wohl irren, gute Mutter," sagte begütigend der Wende. "Ein kranker Kopf spiegelt uns allerhand schlimme Dinge vor, die wie Nebel vor der Sonne schwinden, wenn die Gesundheit uns wiederkehrt."

"Ich irre nicht, ich weiss, was ich spreche, und damit ich mit ruhigem Gewissen eine reuige Sünderin aus der Welt gehen