und ich rechne, das muss unverweilt geschehen. Begleiten Sie uns, Herr Kapitän?"
"Wenn Ihr glaubt, dass ich nicht störe, bin ich dabei."
"Ein Wort ein Mann!" rief Heinrich, seine schwielige Rechte dem Grafen darhaltend. "Jetzt gehe ich zum Sloboda, und Morgen nach dem zweiten Hahnschrei sausen wir allesammt im Galopp durch die Haide!"
Aurel schlug ein, und am nächsten Tage verliessen zwei sogenannte Rennschlitten den Zeiselhof. Der Kapitän und der Maulwurffänger sassen in dem ersten, den zweiten nahmen Sloboda und Paul ein.
Fussnoten
1 särglich. Lausitzisch für: schrecklich.
Zweites Kapitel.
Ein Sterbebett.
Unsere Leser werden sich erinnern, dass Jan Sloboda und sein Enkelsohn bei ihrer Rückkehr aus Polen in einem einsam gelegenen Haidekretscham übernachteten und von dem Wirte desselben die ersten Erkundigungen über den Maulwurffänger einzogen. Sie werden ferner noch der greisen blödsinnigen Spinnerin gedenken, die mehrmals das Gespräch der Männer durch Absingung von Volksliedern unterbrach, die keinerlei Zusammenhang unter einander hatten.
Diese hochbejahrte Frau, die Mutter des gegenwärtigen Kretschamhalters, war seit Wochen schon krank und bettlägrig. Wie es jedoch unter den Landleuten zu gehen pflegt, wenn nicht augenfällige Todesgefahr vorhanden ist, dass sich die Angehörigen wenig in ihren täglichen Geschäften dadurch stören lassen, so ging es auch hier. Man bebalf sich mit Hausmitteln oder bekümmerte sich auch zuweilen gar nicht um die Kranke. An übermässige Pflege nicht gewöhnt, fühlte sich die alte Maja durch solche scheinbare Vernachlässigung keineswegs beleidigt. Sie vertrieb sich die langen endlosen Stunden mit Absingung ihrer Liederbruchstücke oder mit Hersagung von Volksmährchen, die sie sich unermüdlich selbst vorerzählte und sich dabei vortrefflich unterhielt. Da sie ausserdem keine Schmerzen litt, sondern eigentlich bloss in Folge langsam hinschwindender Körperkräfte nicht mehr aufdauern konnte, so war ihr Zustand weder für sie selbst, noch für die Hausgenossen störend.
Auf die wunderlichen Reden, auf das heimliche, nicht selten unheimliche lachen und auf das heftige Gezänk, das sie mit Personen führte, die sie gegenwärtig glaubte, achtete Niemand, da man die Wunderlichkeiten der alten Mutter sattsam kannte und ihre Worte für eben so schuldlos als verworrenen Einbildungen entsprungen hielt, und so konnte denn Maja Tage und Nächte lang nach Herzenslust die tollsten Geschichten erzählen und die entsetzlichsten Schmähund Schimpfreden ausstossen, ohne dass es Jemandem einfiel, sie mit Bitten zur Ruhe zu verweisen.
Jürge, Maja's Sohn, hatte die Mutter immer tiefsinnig, zu stiller Melancholie hinneigend, gekannt. Später nach seines Vaters tod war sie geistesschwach, endlich vollkommen blödsinnig geworden, wenigstens nannte man sie so, da sie seitdem aus ihrer schauerlichen Schweigsamkeit erwachte und die erwähnten Lieder zu singen begann. Wir wissen, dass Jürge diesen betrübenden Zustand seiner Mutter dem Herzeleid zuschrieb, welches ihr eine unglückliche Tochter zugefügt hatte.
Landleute sind selten empfindsam, obwohl sie häufig mehr Herz besitzen, als die höchstgebildeten Bewohner der Städte. Fromm und strenggläubig wissen sie sich mit stiller Ergebenheit in alles Unabänderliche und Notwendige zu fügen. Zu dem Unabwendbarsten aber rechnen sie den Tod bejahrter Personen. Wo dieser späte und ernste Gast an einem haus anklopft, da empfängt man ihn eben so ernst und pflegt sich männlich zu fassen. Zuweilen kommt es wohl auch vor, dass man der Stunde des Abscheidens einer geliebten person erwartungs-, ja sehnsuchtsvoll entgegen sieht und kein Hehl daraus macht, weil man sich in vollkommener Ruhe gestehen muss, dass der Tod eine Wohltat für den Sterbenden wie für die Ueberlebenden sein würde.
In diesem Falle war Jürge. Maja's hohes Alter erlaubte nicht die Annahme, dass sie wieder genesen werde, und die Geistesnacht, in die versunken sie nur noch vegetirte, musste eine baldige Auflösung wünschenswert machen. Als ein umsichtiger, praktischer Hausvater von unverwüstlich derber, aber durchaus gutmütiger natur, sorgte er für Alles, was zu einer stattlichen Beerdigung nötig war, im Voraus. Er bestellte nicht nur in zeiten den Sarg, sondern er ging sogar so weit, zu den bereits vorrätigen zwei Schweinen, die in seinem Koben grunzten, noch ein fettes dickes, eine "Bachune" zu erhandeln, so genannt, weil sie von Viehhändlern aus dem Bakonyer wald in Ungarn bis in diese Haidestrecken in kleinen Heerden herumgetrieben werden. Es wird Leute geben, die ein solches durchweg prosaisches Verfahren herzlos finden, diese werden aber ihr vorschnelles Urteil zurücknehmen, wenn sie erwägen, dass dem Gebrauche, dem uralten Herkommen und der Sitte huldigen, dem biederben Landmanne ein eben so heiliges und unantastbares Gesetz ist, als dem gebildeten und ängstlichen Culturmenschen die strenge Beobachtung dessen, was er mit dem Namen Convenienz bezeichnet. Ueberdies wusste Jürge voraus, dass sich bei dem Leichenbegängniss seiner alten Mutter die Bevölkerung der halben Haide einfinden würde, und eine solche Anzahl Leidtragender war nicht leicht zufrieden zu stellen.
Man kann sich nun die Ueberraschung Jürge's denken, als er eines Morgens die greise Mutter aufrecht auf ihrem Lager sitzen fand und Worte von ihr vernahm, die klar und verständig lauteten und ihn anmuteten, als würden sie im Traume gesprochen! Maja's Geistesnacht war plötzlich gewichen, die volle Vernunft war ihr zurückgekehrt und sie kündigte dem Sohne ruhig an, dass sie ihr Ende nahen fühle und nicht mehr über vier Tage werde leben können. Jürge wollte ihr zureden und wagte es, ihre Behauptung zu bestreiten, die alte Mutter ward aber darüber aufgebracht, hiess ihn schweigen und befahl, dass er tun solle, was sie von ihm verlangen werde. Nach dieser wunderlichen Einleitung nannte die lebensmüde Greisin