" versetzte er, dem kräftigen Burschen auf die Schulter klopfend, "dann will ich Dir alle hände voll zu tun geben."
"Schicken Sie mich in's wildeste Wetter; jagen Sie mich wie ein Courierpferd durch dick und dünn, von Ort zu Ort, nur sperren Sie mich nicht länger in diese Zimmer und verlangen, dass ich fein sanft und gelassen sein soll wie ein duckmäusriger Seminarist von der altluterischen Secte! Ich muss leben und handeln oder – ich mache die ärgsten Dummheiten!"
"Kannst Du Dich gar nicht mehr mässigen, guter Junge, so gehe in den Garten und baue einen Rutschberg. Das unterhält und gibt späterhin gelegenheit beim Rutschen Hals und Beine zu brechen, wenn man's recht toll und verkehrt anfängt."
"Im Ernst?" fragte Gilbert und seine schwarzen Augen erglänzten lebhafter.
"Du hast meine erlaubnis."
"Danke, Kapitän! Sie sollen mit mir zufrieden sein, und Ihre verehrte Tante soll mir bezeugen, dass ich der geschickteste Mensch bin, der ihr noch je ein Compliment gemacht hat! Paul soll mir helfen. Gute Nacht, Gräfin! Gute Nacht, Kapitän!"
"Tollkopf! So warte doch, bis man Dir erlaubt, Dich zu heurlauben."
"Zu Befehl, Herr Kapitän!"
"Ist Sloboda zurück aus dem dorf?"
"Er kauderwälschte seine Muttersprache schon vor einer halben Stunde mit dem Verwalter."
In diesem Augenblicke hörte man das Zusammenschlagen von Stahl und Stein auf der Gartenseite, denn die Luft war ganz still und Herta hatte einen Fensterflügel geöffnet, um das unterhaltende Spiel der Sternschnuppen zu beobachten, die in grosser Menge durch den glänzend gestirnten Himmel flogen.
"Da kommt Pink-Heinrich," sagte sie, das Fenster wieder schliessend. "Man erkennt ihn an seiner Gewohnheit, sich während des Gehens häufig Feuer anzuschlagen, heute noch eben so sicher, wie vor vierzig Jahren."
"Eile ihm entgegen, Gilbert," befahl Aurel, "und schicke ihn sogleich zu mir! Und damit Du für morgen eine Abwechselung hast, so trage diese Briefe nach Görlitz."
Dankend nahm der abenteuerlustige Jüngling diesen Auftrag hin, empfahl sich nochmals und schickte den ihm an der grossen Eingangstüre zum Zeiselhofe begegnenden Maulwurffänger sogleich zu Aurel.
Heinrich empfing den wunderlich adressirten Brief mit gewohnter Gleichgiltigkeit. Er kannte weder Petschaft, noch Handschrift und konnte durchaus nicht erraten, woher er kommen, noch wer der Schreiber desselben sein könne. Dass er in seiner Heimat richtig abgegeben worden sei, ging aus der Nennung Schlenkers hervor, der in seiner gutmütigen gefälligkeit trotz Schnee und Kälte doch einen Weg von mehr als zwei Stunden zurückgelegt hatte, um das Eile heischende Schreiben sobald wie möglich in die hände des Adressaten zu bringen.
Erst nach Durchlesung des Briefes sprang die Gleichgiltigkeit des Maulwurffängers in die lebhafteste Teilnahme über. Seine kleinen grauen Augen mit verschmitztem Blinzeln zu Aurel aufschlagend, sagte er:
"Herr Kapitän, ich wette so viel Taler, als ich in meinem ruhelosen Leben Maulwürfe gefangen habe, dass dieser ungeleckte Brief eine Tonne Goldes wert ist! Halten Sie die Wette?"
"Ernstaft, ernstaft, alter Freund! Jetzt ist gar keine Zeit zu unnützen Scherzen!"
"Sie kennen den alten Pink-Heinrich noch lange nicht aus, gnädiger Herr! – Sonst ermahnten Sie ihn nicht zum Ernste, wo er es von Grund der Seele schon durch und durch ist!"
"Aber was steht denn in dem Briefe?" forschte der ungeduldige Aurel.
"Viel und nichts, wenn Sie wollen, Herr Kapitän! Es kommt Alles darauf an, ob Einer richtig lesen gelernt hat. Denn der Landmann ist just bei den wichtigsten Dingen am kürzesten. Und eigentlich geht mich der Brief auch gar nichts an, sondern Sie und Ihre Familie, oder, um auf ebener Strasse zu bleiben, den alten Jan!"
"Ihr werdet mich noch ganz ärgerlich machen mit Euerm peinlichen Zögern."
"Gut Ding will Weile haben, mein bester Herr Kapitän, und gut geschmierte Räder laufen am besten! Darum übereile ich mich nie und nirgend. Es ist das so Sitte bei uns Lausitzern von undenklichen zeiten her. Aber wieder auf das Brieflein zu kommen, so schreibt der Haidekretschamwirt Jürge, dass es ihm ein grausam lieber Gefallen sein würde und eine särgliche1 Ehre, wenn ich den Jan Sloboda mit seinem Enkel Paul zu ihm schicken könne! Der Friede, vielleicht die ewige Seligkeit seiner alten sterbenskranken Mutter hinge davon ab. Sie hätte dem alten Wenden eine Entdeckung von äusserster Wichtigkeit zu machen und seufze nach dem Augenblicke, wo Sloboda oder sein Enkelsohn an ihr Schmerzenslager treten und ihr die abgemagerte Hand zum letzten Lebewohl vergebend und vergessend drücken werde!"
"Was haltet Ihr davon? Glaubt Ihr, dass Sloboda der Aufforderung Folge zu leisten habe?"
"Solche Bitten eines schlichten Landmannes haben jederzeit Grund, Herr Kapitän! Und obschon ich nicht ahnen kann, was eine alte sterbende Mutter dem Wenden zu offenbaren hat, bleibe ich doch bei meinem Satze und bestehe, wenn Sie wollen, auf meiner Wette."
"Ihr seid gewiss ein guter Freund des Haidekretschamwirtes?"
"Wird nicht gar arg sein, Herr Kapitän! kennen mag ich ihn wohl, denn wen kennte ich nicht im Umkreise von zehn Meilen! Aber so recht besinnen kann ich mich zur Zeit noch nicht. Indess wird sich das Gedächtniss schon wieder ermuntern, wenn ich ihn erst sehe,