Fügung Gottes in diesem Zusammentreffen?"
Langsam und nicht ohne Beben erhob das Mädchen ihre Blicke und liess sie nur eine Secunde lang dem mildglänzenden, forschenden Auge des Kapitäns begegnen. Ein leiser Seufzer entrang sich ihrem Busen, aber sie schwieg und blickte rasch wieder zu Boden.
"Nun wenn Sie auch schweigen, schöne Cousine," fuhr Aurel schon vertraulicher fort und drückte ihre Hand in der seinigen, "das glückliche Lächeln Ihres Auges, das frohe Beben Ihres Mundes und die stumme Sprache im verschlossenen Busen haben es mir doch verraten, dass Sie meine Gefühle, meine Ueberzeugungen teilen. dafür danke ich Ihnen, liebe Elwire! Und nun erlauben Sie, dass ich das Recht der Vetterschaft übe! Oder ziehen Sie es nach Mädchenart vor, nur im Traum einen jungen Mann zu küssen? Dann muss ich Sie von dieser eigennützigen Liebhaberei heilen!"
Und schnell und gewandt schlang Aurel seinen Arm um die Taille Elwirens und pflückte der zwar zart, aber im grund doch nur scheinbar Widerstrebenden ein paar frische Küsse von den rosigen Lippen.
Tief errötend entwand sich das schöne Mädchen den Armen des Kapitäns und hüpfte leichten Schrittes der Tür zu, als habe sie sich der geschwisterlichen Vertraulichkeit, die sie widerstrebend dem Grafen gestattet, zu schämen. Bei dieser Flucht wäre es ihr beinahe noch übel gegangen. Es begegnete ihr nämlich Gilbert unter der Tür, der bekanntlich kein hübsches Mädchen ohne Lösegeld entschlüpfen liess. Nur die Nähe Aurels und eine hohe achtung vor Herta liess ihn diesmal bescheiden zur Seite treten. Er begnügte sich, der schlanken Gestalt eine geraume Zeit nachzusehen, ehe er Herta's Zimmer betrat.
"Hast Du die Wache?" redete Aurel den Jüngling scharf an, denn der Kapitän liebte es mit seinem Pfleglinge im Commandoton zu sprechen, sobald er ihm zu ungelegener Zeit in den Weg trat.
"Nein Kapitän," versetzte Gilbert, indem er sogleich kerzengrade stehen blieb.
"Weshalb störst Du dann meine gnädige Tante?"
"Weil ich Sie hier zu finden hoffte."
"Warst Du auf meinem Arbeitszimmer?"
"Ja, Kapitän."
"Was gibt es?"
"Ich suchte einen Narren."
"Junge!"
"Verzeihen Sie, Kapitän! Ich habe mich etwas unklar ausgedrückt. Mein Narr ist der Maulwurffänger."
"Der brave Mann!" sagte Herta. "Ging es nach Recht und Verdienst, so müsste die Brust dieses Mannes mit den höchsten Orden aller Fürsten geschmückt sein!"
"Er bedarf deren nicht, beste Tante! Der Orden, der ihn mehr ziert, als tausend goldne und silberne Sterne an purpurroten Bändern, diesen trägt er in der Brust. Es ist sein edles, menschenfreundliches, von allem Arg freies und reines Herz! Was hast Du mit dem mann? Du weisst doch von Paul, dass er seit heute Morgen einen seiner wichtigen Wege eingeschlagen hat, um zu hören, wie es dem Volk im Gebirge geht? Ich erwarte ihn erst spät in der Nacht zurück."
"Um so lobenswerter ist es von mir, dass ich mich Ihnen aufdränge, Kapitän! Sie kennen mich als einen beherzten Burschen, Sie wissen aber auch, dass es mich juckt, ein mir anvertrautes versiegeltes geheimnis je eher je lieber zu erforschen. Man sagt, meine zärtliche Mutter habe in hohem Grade an dieser eigentümlichen krankhaften Wissbegierde gelitten und dieselbe mir vererbt."
Lächelnd zog Gilbert bei diesen Worten einen Brief halb aus der Seitentasche seiner Matrosenjacke.
"Ein Brief für unsern alten Freund? Von wem?"
"Die Botenfrau vom nächsten Orte überreichte ihn mir, als ich in der Abenddämmerung unter dem Torwege stand. Dabei erzählte sie mir unaufgefordert, dass der fromme Schlenker – ich bedaure sehr diesen frommen Mann nicht persönlich zu kennen – das Schreiben ihr eigenhändig mit der dringenden Bemerkung übergeben habe, es ja unverweilt an seine Adresse abzuliefern." Diese Adresse lautet wunderlicher Weise: – "An den berühmten Maulwurffänger in B .... genannt Pink-Heinrich. Hochwohledelgeboren. Sonst auf dem toten. In grosser Eile!" – "Sie werden mir zugestehen, Herr Kapitän, dass solch eine pomphafte und mysteriöse Adresse wohl die Neugier eines wissensdurstigen jungen Mannes von Distinction zu einem gelinden Verstoss gegen die Regel verleiten kann!"
"Lass sehen," sagte Aurel und betrachtete sehr aufmerksam die Schriftzüge.
"Es ist eine ungeübte Hand. Der Schreiber scheint bejahrt oder in grosser Aufregung gewesen zu sein. Ich werde das Schreiben aufbewahren."
"Sehr wohl, Herr Kapitän."
"Was hast Du sonst noch auf dem Herzen?"
"Darf ich ganz frei sprechen?"
"Wie ich's immer von Dir verlangt habe."
"Dann erlaube ich mir, Ihnen unumwunden das geständnis abzulegen, dass ich mich unaussprechlich in dieser Untätigkeit langweile! Ich bin durchaus kein Verächter des Nichtstuns, wenn es mich zerstreut und vergnügt, allein in dieser Todtenstille, wo ich kein Abenteuer anknüpfen kann, wo die Mädchen alle so kalt oder grob sind, dass sie einem die schönste Artigkeit mit einer Ohrfeige bezahlen, und wo selbst die allerliebste Bianca, von der ich mir eine vortreffliche Unterhaltung versprach, matronenhaft ernst wird; hier werde ich entweder verrückt oder ich erschiesse mich! geben Sie mir 'was zu tun, Kapitän! Wo möglich 'was recht Tolles, Halsbrecherisches!"
Aurel lächelte über die trotzige Ungeduld seines Lieblings. "Gedulde Dich nur noch eine kurze Zeit, wackrer Ungestüm,