Tränenschleier auf Herta sendend. "Kapitän Aurel hat es Ihnen gesagt?"
"Wie kann Dir das wunderbar oder nur überraschend vorkommen?" erwiderte Herta. "Ein Zufall oder der Finger Gottes, die allwaltende Vorsehung liess ihn Dich finden. Er wollte nur ein Werk der Humanität üben, nichts weiter. Er freute sich, ein leidendes hilfloses junges Mädchen den Misshandlungen herzloser und tief in den Sumpf der Lasterhaftigkeit versunkener Menschen entreissen zu können. Ohne Absicht, ohne allen Plan handelte er fast nur instinktmässig. Da erblickte er jenen Ring, von dem Du wissen wolltest, dass ihn Dein Vater einem wüsten Menschen im Spiele abgewonnen habe! Du erinnerst Dich, dass Aurel sogleich von diesem Funde bestürzt wurde, dass er Dir kein geheimnis daraus machte. Er suchte den Mann auf, welcher diesen Ring früher besessen haben sollte. Was er in einer wüsten Nacht unter Menschen, die mehr der Hölle als der Erde anzugehören schienen, erfuhr, liess ihn nicht länger zweifeln, dass ich noch am Leben sein müsse, die man allgemein für tot hielt oder tot wissen wollte! Aurel fand mich, zeigte mir den Ring und ich musste ihn für Denjenigen erkennen, den mein verlorener Sohn vor seinem Verschwinden trug! Dein unglücklicher, tief gesunkener Vater – ich kann nicht länger daran zweifeln – ist mein verschollener Sohn Johannes, jener Schreckliche aber, mit dem Du ihn zuweilen verkehren sahst, der mit ihm spielte und trank, und Dich Deiner Schönheit wegen hasste, armes Kind, er ist der Mörder meines Vaters, der Räuber meines Sohnes! – Aurels Bemühungen, Nachfragen und Scharfsinn haben wir diese düstern und doch beglückenden Aufschlüsse zu danken und Gott sei Lob, Aurel ist der Mann dazu, durch seine Energie endlich ein finsteres Verhängniss von uns Allen abzuwenden! Schon jetzt handelt er, schnell, mit Umsicht und Kraft! Dein Vater, mein armer, elender Sohn, soll sich und uns wiedergegeben werden und der wackere Kapitän ist's, der dafür sorgt! Möge nur der Himmel seine Schritte segnen und unsre stillen Gebete erhören!"
Eine durchsichtige Röte hatte während dieser letzten lobpreisenden Worte die Wangen Elwirens überzogen. Ihre Tränen hörten auf zu fliessen, zärtlich, liebevoll, dankerglühend hingen die Augen der Enkelin an dem mund der Grossmutter, und als diese endigte, konnte sich Elwire nicht entalten, sie zu umarmen und heisse Küsse auf ihre Lippen zu drücken. Stürmisch klopfte dabei ihr voller Busen und die glühenden Wangen, die sich immer höher röteten, schmiegten sich fest und lange an die Stirn Herta's.
"Grossmutter! Liebe, gute Grossmutter!" flüsterte sie ihr zu. "Darf ich es denn glauben? Darf ich mich der Wonne hingeben, ein geliebtes Wesen an mich zu drücken, dem ich den süssen heiligen Namen Mutter geben darf? O ich verlor die Mutter fo früh! Ich kannte sie kaum anders als leidend! Und später war ich recht unglücklich! Immer einsam, immer im Wege, von Niemand mehr geliebt!"
Sie begann von Neuem heftig zu weinen und wollte sich weder durch Zureden noch durch die Liebkosungen Herta's beruhigen lassen.
"Du wirst desto inniger geliebt werden von jetzt an, mein Kind," sagte Herta zutraulich. "Du bist keine Fremde mehr in diesem haus, Du gehörst zu uns, Du hast teil an unsern Leiden und Freuden, und der schwere Kampf, welchen Aurel mit seinen harterzigen Brüdern begonnen hat, wird auch Dich erschüttern, entzücken, begeistern! Oder solltest Du nicht eben so lebhaft empfinden, wie ich, Deine alte Grossmutter?"
Mit unbeschreiblichem Liebreiz sah Herta der über sie gebeugten schlanken Enkelin in die glänzenden Augen. In diesem tiefen, seligen blick erkannten sich die Seelen Beider. Ein Wonneruf des Entzückens entglitt Elwirens mund, dann brannte ihr Kuss auf den bleichen Lippen der teuern Grossmutter und die wiederholt mit bebendem mund und stürmisch klopfendem Herzen getane Aeusserung: "Ja, Grossmutter, ich bin glücklich, ich werde immer glücklich sein!" klang wie Sphärenmusik zu Herta's tiefbewegtem Herzen.
Lange hielten sich Grossmutter und Enkelin umschlungen. Immer von Neuem suchten sich wieder ihre Augen, in deren feuchtem Glanz sie tausend Geheimnisse, tausend Einverständnisse lasen. Alles Elend, aller Druck, alle Schrecknisse der Vergangenheit waren vergessen in diesem höchsten Erdengenuss der Gegenwart. Sie bedurften keiner Worte, um sich zu verstehen, blick, Händedruck, Kuss und Umarmung sagten tausend Mal mehr, als Worte! –
In diesem seligen Rausch des Entzückens störte sie die Rückkunft Aurels, der, ein paar gesiegelte Briefe in der Hand, unangemeldet ins Zimmer trat. Als er Elwire sah, grüsste er sie mit feurigem blick, vor dem das junge Mädchen schüchtern die Augen niederschlug.
"Weiss sie es?" fragte er Herta. Diese hejahte mit leisem Kopfnicken.
Rasch trat nun Aurel auf Elwire zu und ergriff ihre Hand.
"Gestatten Sie mir, teure Cousine," sagte er feurig, indem sein zärtlicher blick das Auge des lieblich befangenen Mädchens suchte, "gestatten Sie mir, dass ich der Erste sein darf, der Sie als Verwandte willkommen heisst in diesem haus! Als mich Gott zu Ihnen führte – und nur Gott, der Allsehende und Allgütige, hiess mich jene Wege gehen – damals glaubte ich bloss ein armes verlassenes Mädchen der Schande und dem Verderben zu entreissen; dass ich meiner Verwandten diesen geringen Dienst der Menschlichkeit leisten würde, ahnte ich nicht! Elwire, finden Sie nicht auch eine