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ihm noch eine verehrungswürdige, tief gebeugte Mutter lebt, die ihn mit bangem Zagen, mit schmerzlichem Sehnen erwartet, so wird er in sich gehen, den Schmutz mit Abscheu von sich werfen und als ein Wiedergeborener reuig zu den Füssen einer frommen Mutter, einer tugendhaften Tochter niedersinken!"

"Ihn wiedersehen!" rief Herta aus. "Meinen Johannes wiedersehen, der als braunlockiger, aufgeweckter, schöner und munterer Knabe vor meinen geistigen Augen steht, jetzt als verwilderten rohen Trunkenbold begrüssen müssen, dem selbst die Ehre seiner Tochter nicht zu heilig war, um sie seinen tierisch-brutalen Neigungen zu opfern? Ach, Aurel, ich fürchte, es wird mir nicht möglich sein, für ein so erniedrigtes geschöpf noch Muttergefühle in meinem Herzen zu finden! – Ich werde sehr, sehr unglücklich sein!"

"hören Sie mich an, teure Tante!" entgegnete Aurel, der mit überraschender Geistesgewandteit einen Plan entworfen hatte. "Meine erprobte Freundin, die würdige Dame Oehler, bei der ihre gerettete Enkelin eine so traute Zufluchtsstätte fand, mag sich ins Mittel schlagen. Ihr teile ich mit, was uns das Zusammentreffen mannigfacher Zufälle entdeckt hat, und fordere sie auf, den Vater Elwirens zu retten. Sie ist befreundet und verwandt mit den einflussreichsten Männern Hamburgs, deren Einschreiten in dieser Angelegenheit notwendig sein wird. Die unmittelbare Verwendung dieser Männer wird Klütken aus seiner Dumpfheit aufrütteln und ihn zur erkenntnis bringen. Mir schien es, als sei er leicht zu rühren, als folge er mit ziemlicher Gelassenheit überlegener Kraft, gebietendem Worte und blick. Die Reue über sein bisheriges unwürdiges Treiben und Leben muss ihn zu Boden werfen. Aus solcher Zerknirschung wird er als ein neuer Mensch wieder aufstehen und uns mit Tränen der Freude und des Dankes umarmen. – Ferner aber ist es nötig, dass man sich seines Räubers und Verführers, jenes entsetzlichen Blutrüssels oder Lugauges, bemächtige, in dessen verderblichen Banden der Unglückliche zu schmachten scheint. Es ist Zeit, dass der Verbrecher endlich zur Verantwortung gezogen wird! Scheint dieser grässliche Mensch doch der Letzte von Allen zu sein, welche teil hatten an den verworrenen begebenheiten, welche das Grab der Jugend, der Unschuld und des Glückes so vieler tugendhafter und braver Menschen wurden!"

Nach einem längern Zwiegespräch, worin es Aurel gelang, die zahlreichen Einwürfe und Bedenklichkeiten Herta's siegreich zu bekämpfen und der Zweifelnden grösseres Vertrauen einzuflössen, trennten sich die beiden vortrefflichen Menschen mit dem Entschlusse, keinen Angenblick Zeit zu verlieren, um KlütkenHanneswie er bei uns nach wie vor heissen magdem Untergange zu entreissen. Herta bat mit kaum hörbarem Flüstern, dass Aurel ihr Elwiren senden möge. Es drängte die bekümmerte, von so widersprechenden Gefühlen und Eindrücken tief erschütterte Greisin, das Kind um sich zu sehen und an ihre Brust zu drücken, dessen Vater sie bebend für einen sittlich untergegangenen Menschen betrachten musste. Auch sollte Elwire von ihrem mund zuerst und allein das neue geheimnis erfahren, das ihr jugendliches Dasein durch neue Freuden und Leiden verklären sollte.

Anfangs war Aurel gesonnen, den lebensfrohen Gilbert als Geschäftsträger nach Hamburg zu schikken, während er aber die erforderlichen Briefe an Madame Oehler und diesmal auch an deren Tochter schrieb, fiel es ihm ein, dass ein so kecker und rücksichtsloser Unterhändler nicht die geeignete person zu glücklicher Lösung dieser mit grossen Schwierigkeiten verknüpften Angelegenheit sei. Weit geeigneter schien ihm grade dazu der peinlich pünktliche und pedantische Dirigent des gemeinsamen Handelshauses am Stein und Compagnie, dem er im Uebrigen seiner allzustrengen Lebensansichten wegen nichts weniger als gewogen war. An diesen Mann schrieb er daher sehr ausführlich, sehr kühl und prosaisch, und trug ihm die ganze Sache, deren eigentlichen Kern er ihm jedoch nicht entülste, bloss als ein zu betreibendes Geschäft auf, wohl wissend, dass er es dann keinen treueren, zuverlässigeren und geschickteren Händen empfehlen könne.

Inzwischen war Elwire von Herta auf die nahe Verwandtschaft vorbereitet worden, die zwischen ihnen bestand. Diese Eröffnung machte das junge Mädchen erblassen. Sie begann krampfhaft zu zittern und es bedurfte der ganzen mütterlichen Zarteit und der sanften tröstenden Worte Herta's, um die Erschrockene nur einigermassen wieder aufzurichten. Erst als ihre heftige Erregung sich in Tränen auflöste, ward sie wieder ruhiger und den Worten der Grossmutter zugänglicher. An die Knie der Matrone geschmiegt und ihr in Tränen gebadetes zartes Gesicht in die seidenen Kleider der Vielgeprüften drückend, weinte sie leise und lange.

"Armes Kind," sagte Herta, mit ihrer feinen Hand Elwiren die schönen weichen Haare, die in langen Locken bis in ihren Nacken herabfielen, streichelnd, "armes Kind, ich fühle mit Dir, was Dich bewegt, was Dich ergreift und erschüttert! Du weinst über Deinen Vater, wie ich über meinen Sohn!"

Elwire richtete sich auf und sah mit unbeschreiblicher Anmut, die ein tiefer Zug des Schmerzes noch erhöhte, mit feuchten Augen die Grossmutter an. "Man hätte es mir eher sagen sollen," stammelte sie, am ganzen Körper erbebend. "Es ist hart, dass ich es erst jetzt erfahre, nun es mich unglücklich macht!"

Und heftiger, anhaltender, erschütternder, als voher, begann sie aufs Neue zu schluchzen.

Immer die glänzend braunen Haare der schönen wiedergefundenen Enkelin mit unverkennbarer Freude liebkosend, versetzte Herta:

"Es war uns ja selbst ein geheimnis bis heute! Seit kaum einer Stunde verriet es mir der gute Kapitän."

"Er? Er?" rief Elwire lebhaft und stand auf, funkelnde Blicke durch den zitternden