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an diesem Tage, wo alle Leidenschaften in Martell erregt waren, was bekanntlich die Familienähnlichkeit der Boberstein ungemein erhöhte. Das Volk zweifelte keinen Augenblick. Es stürzte in drängendem Knäuel auf den so unerwartet in den Grafenstand erhobenen Spinner und rief, dass es bis in die fernsten Gruppen auf den See wiederhallte:

"Martell ist des Grafen Bruder! Es lebe Graf Martell!"

Adrian liess den Schieber sinken und stand auf. Man hörte, dass er röchelnd wiederholt "fort! Fort!" rief und schlürfend in seine Zimmer zurückkehrte.

Martell stand mehrere Minuten ohne Bewegung, nur an dem Zittern seiner Oberlippe und dem krampfhaften Zucken der Augenbrauen konnte man sehen, dass er lebte. Die Augen hielt er krampfhaft geschlossen. Als er sie wieder öffnete, fielen sie zuerst auf die stattliche Figur des greisen Wenden.

"Martell," redete ihn dieser an, "Martell, Sohn meiner erschlagenen Schwiegertochter, Dein alter Grossvater, der leibeigene Knecht Deines Vaters, reicht Dir die Hand zum Grusse. Komm an meine Brust, unglücklicher Sohn! Sie kennt den Schmerz und weiss ihn zu tragen mit Andern!"

Martell liess dem Wenden seine kalte, zitternde Hand. Das jetzt wild aufflammende Auge suchte den Maulwurffänger.

"Ist eswahr?" stammelte er und lehnte seine herkulische Gestalt auf die Schultern Sloboda's.

"Du bist Martell, Graf von Boberstein," sagte dieser kurz und rund. "Taufschein und sonstiges Papier liegt schon lange auf dem Landesgericht, und geht der Teufel nicht ganz allein hier herum spazieren, so musst Du binnen Jahr und Tag sein, was der Schalksknecht da drinnen jetzt ist. Straf' ihn Gott!"

"Rache! Rache! Rache!" flüsterte Martell und richtete sich in seiner ganzen wilden Grösse auf.

Indem fiel abermals der Schieber am Fenster herab. Vollbrechts Gesicht grüsste die staunende Gruppe.

"Herr am Stein bietet Euch heute' doppelten Lohn," sagte der Geschäftsführer. "Eine glückliche Chance, von der er so eben Kenntniss erlangt, hat diesen Umschwung des Geschäftes bewirkt."

"Rache!" schrie Martell und schlug sich mit beiden Fäusten an seine mit Lumpen bedeckte Brust.

Ein teil der lohnbegierigen Arbeiter war nahe daran, dem so plötzlich grossmütig geworden Grafen ein Lebehoch zuzuschreien, ein Wink Antons genügte jedoch, dies zu verhindern.

"Komm, fasse Dich, mein Sohn!" sagte Sloboda "Gott ist gerecht und mild; er wird Dich aus den Tagen der Angst und Not in Jahre der Freude führen! Komm! Verkündigen wir die frohe Botschaft Deinem Weib und Deinen Kindern!"

Martell widerstrebte nicht, denn er war seiner selbst kaum mächtig. An Heinrich's und Sloboda's Arm verliess er das Haus des gräflichen Bruders.

"Rache! Rache! Rache!" waren die einzigen Worte, die er bald flüsternd, bald schreiend, bald laut auflachend, zahllose Male wiederholte.

Die Fabrikarbeiter aber drängten sich mit gierigen Blicken um das Glück spendende Fenster und gingen frohlockend von dannen, weil sie wider Erwarten und ohne lange Unterhandlung doppelten Lohn empfingen.

Achtes Buch

Erstes Kapitel.

Entdeckungen.

Im hohen Bogenfenster des Balconzimmers auf dem Zeiselhofe sassen Herta und Aurel einander einsam gegenüber. Das gedämpfte Licht einer Astrallampe mischte sich mit dem bleichen Silberglanz des Mondes, der draussen auf den dicht beschneiten Bäumen des Gartens flimmerte. Die zarten hände Herta's ruhten leicht verschlungen auf ihrem Schoosse. Ihre grossen Augen waren unverwandt auf den Neffen gerichtet und drückten eben sowohl banges Staunen als freudige Ueberraschung aus. Tränen hingen an ihren Wimpern und fielen in grossen Perlen langsam auf die gefalteten hände.

"Vergeben Sie mir, teuerste Tante?" fragte Aurel mit bewegter stimme, die hände der Matrone ergreifend und sie rasch an seine Lippen führend. "Vergeben Sie mir den Schmerz, den ich Ihnen bereitet habe? Verzeihen Sie mir, dass ich Sie dem Frieden des Nichtwissens entriss, der Sie mit sanftem Fittich umfächelte und Ihnen ein stilles Glück gewährte?"

Herta bewegte die Lippen zu einer Antwort, allein sie vermochte nicht zu sprechen, so mächtig war sie erschüttert. Nur ein leiser Druck ihrer kalten hände sagte dem Kapitän, dass ihm vergeben sei.

"Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen von ganzem Herzen, teure Tante!" rief Aurel heftig. "Sie sollen nunmehr auch erfahren, dass ich geschlagene Wunden zu heilen nicht säumig bin."

"Es wird unmöglich sein, mein Freund!" erwiderte Herta bebend. "Ein so tief gesunkener Mensch lässt sich nicht mehr retten. Sein Wille ist gebrochen und mit dem gebrochenen Willen geht alle moralische Kraft, gehen Leib und Seele verloren! O das ist entsetzlich!"

Die arme greise Dame legte still schluchzend die hände über ihre überströmenden Augen und überliess sich ganz ihren schmerzlichen Gefühlen.

"Ich wage noch zu hoffen," versetzte Aurel. "Tun wir wenigstens ohne Säumen unsere Pflicht. Johannes muss vor Allem seinen demoralisirten Verhältnissen entrissen, seinem bisherigen Umgange entfremdet werden. Der Edelstein, den Gott jedem Menschen bei seiner Geburt in das Allerheiligste des Herzens legt, kann noch nicht gänzlich vom Schmutz der Lasterhaftigkeit zermalmt sein. Man muss den Beklagenswerten auf diesen leuchtenden Schatz aufmerksam machen, muss ihn anhalten, dass er wieder danach grab, ihn ans Licht hebe und an seinem magischen Gefunkel Herz und Seele erlabe! Man darf auch nicht unterlassen, auf seinen Ehrgeiz zu wirken! Ahnt er erst, dass er edlen Ursprungs ist, dass