Nähe des Hauses, teils auf dem See hin und wieder gingen.
Martell war sehr bleich, als er an das Schiebefenster trat, aus welchem der Millionair an drei tausend seiner Sclaven mit zögernder Hand den kargen Zehrpfennig für wenige Tage mit verdriesslicher Miene und falschem Auge reichen wollte. Die scharfkantige, hohe Stirn, der feste Mund mit dem ironischen Schmerzenszuge, das düstere Auge und der starke schwarze Haarwuchs, dessen natürliches Gelock ihm finster und drohend in die Stirn hing, gaben Martell das Ansehen eines entschlossenen Richters, der im Begriff steht, ein unwiderrufliches Todesurteil zu fällen.
Nach kurzem Zögern klang das Fenster und Adrian, in einem Morgenrocke von kostbarem Seidenstoff gekleidet, nahm Platz auf dem Lehnsessel, den ihm ein Bedienter an das Fenster schieben musste. Auch Adrian war bleich und um seinen Mund spielte ebenfalls ein seltsames ironisches Lächeln. Sein kleines boshaftes Auge funkelte unter den stark hervorspringenden Stirnknochen wie das einer giftigen Schlange. Die Blicke Martells und Adrians berührten sich und Beide erbebten innerlich, Jeder vor dem Andern. Wer in diesem Augenblicke den beiden sich tödtlich hassenden Männern einen Spiegel hätte vorhalten können, würde wahrscheinlich ein noch grösseres Wunder bewirkt haben, denn nie sahen sich zwei Menschen einander ähnlicher.
"Du bist pünktlich, Martell," sagte Adrian mit erkünsteltem Lächeln, indem er sich von Vollbrecht eine Schwinge mit Silbergeld reichen liess und diese vor sich hin stellte. "Das freut mich, denn ich liebe pünktliche Arbeiter."
Martell schwieg, seine Brust hob sich in wildem Kampf. Er rang vergeblich nach der ihm so nötigen Ruhe. Inzwischen suchte Adrian auf einer langen Tabelle den Namen Martells, um zu sehen, wie viel Lohn der Feinspinner zu fordern habe.
"Hier, Martell, nimm!" sagte er vornehm kalt. "Du verdienst es zwar nicht, dass ich so freundlich mit Dir verkehre, denn Du hast mich letztin an den Feiertagen, wo ich Dein so väterlich gedachte, durch Deine harte und lieblose Antwort recht sehr beleidigt. Aber ich will Nachsicht haben und Dir Dein Unrecht nicht weiter nachtragen."
Adrian hielt das Geld aus dem Fenster, doch Martell rührte keine Hand, um es in Empfang zu nehmen. Langsam erhob er seinen strafenden blick zu dem Grafen, und indem ein schreckliches Lächeln seine todtenbleichen Züge überzitterte, versetzte er:
"Lassen Sie uns erst Ahrechnung halten mit einander, Herr am Stein, ehe Sie mich ablohnen. Sie wissen nicht, was ich zu fordern habe."
"Das steht genau verzeichnet auf der Liste."
"Mein Verdienst an der Maschine, ja, gnädiger Herr, was Sie mir aber ausserdem noch schuldig sind, das weiss nur ich allein!"
Adrian warf einen sonderbar stechenden blick auf den Spinner im zerrissenen Kittel, doch schwieg er.
"Zuvörderst," fuhr Martell ruhig fort, "zuvörderst haben Sie mir das Entsetzen zu vergüten, das Ihr schreckliches Erfindungstalent nicht mir allein, sondern Ihren sämmtlichen Arbeitern bereitet hat."
"Eine Liebe ist der andern wert," sagte Adrian teuflisch lächelnd.
"Das meine ich auch," entgegnete Martell. "Sie haben uns schon so viel ähnliche Liebe geschenkt, dass wir wirklich, ohne ungerecht zu sein, dies nicht mehr stillschweigend mit ansehen können. Darum werden Sie die Güte haben, nicht nur die in Ihrem Dienst verhungerten Kinder ehrlich und anständig auf Ihre Kosten begraben zu lassen, sondern uns auch eine Summe, die wir später näher bestimmen wollen, auszuzahlen, wenn Sie wünschen, dass diese geschichte nicht mit zur Sprache kommen soll in dem Prozesse, der gegen Sie anhängig ist und der Ihnen vielleicht noch einige ruhelose Nächte verursacht! Ich fordere dies ganz ruhig von Ihnen, Herr am Stein, als Ihr Arbeiter; machen Sie aber Umstände, so werfe ich das Arbeiterkleid ab und trete als Verwandter vor Sie, und diese Verwandlung, denke' ich, wird Ihnen nicht ganz gleichgiltig sein; denn alsdann fordere ich noch besonders Abrechnung für mich!"
Bei dieser fast spöttisch gegebenen Antwort fühlte Adrian, wie sich sein Herz zusammenzog und erkaltete. Seine Abneigung, sein Hass und seine Furcht, die er immer gegen Martell empfunden hatte, fanden plötzlich die vollkommenste Erklärung. Er ward noch bleicher, seine Augen schienen den armen Spinner durchbohren zu wollen, und die Geldstücken in seiner zitternden Hand, die auf dem Rahmen des geöffneten Fensters ruhte, begannen zu klingen und entglitten eins nach dem andern.
Die Gruppen, welche sich unmittelbar vor dem haus gebildet hatten, drängten jetzt herein, indem die Vordersten mit drohend ausgestreckten Armen schrien:
"So ist's, Herr am Stein! Er sagt die Wahrheit! Martell ist Ihr Vetter und könnte Graf sein, so gut wie Sie!"
"Das könnte er auch und das soll er!" rief lautschallend dazwischen die stimme des Maulwurffängers, der in dem Augenblicke, als Martell dem Grafen mit der erwähnten Verwandlung drohte, die Insel erreicht hatte. Sich jetzt an das gaffende Volk der Arbeiter wendend, fuhr er fort, indem er Martells Hand erfasste und ihn mitten in's volle Tageslicht führte, so dass von gleich hellem Sonnenschein der Kopf des Grafen und der des Spinners grell beleuchtet wurden:
"Seht her, Ihr Armen, Hungernden und Darbenden! Das ist Adrian, Graf von Boberstein, und hier steht Martell, Graf von Boberstein, sein älterer Bruder! Können zwei Brüder einander körperlich mehr gleichen?"
Die Aehnlichkeit war, wie wir bereits anduteten, auffallend