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gekäutelt werde! Geschähe dies nicht, so würde durch die Concurrenz einer andern bedeutenden Spinnfabrik Sachsens der Markt früher mit dem nötigen Bedarf überfüllt und dadurch der Firma am Stein und Compagnie nicht nur der diesmalige, sondern auch jeder ferner noch zu hoffende Gewinn verloren gehen. Haltet Euch also jetzt nicht auf, sondern begebt Euch sogleich an die Maschinen! Später, etwa um die zehnte Morgenstunde, will Euch Herr am Stein als zum ersten Tage im Jahre den Lohn selbst auszahlen."

Viele murrten über diese Neuerung und machten Miene zu bleiben und durch Drohungen die ohnehin so lange verzögerte Auszahlung auf der Stelle zu erzwingen. Martell aber erkannte schnell den Vorteil, der ihnen aus geschäftiger Willfährigkeit grade in diesem Augenblicke erwachsen musste, und forderte die vereinzelten Truppen gebieterisch auf, ihm zu folgen. Da Viele gar nicht die Veranlassung der sofortigen Ersteigung der Fabrik kannten, schloss sich die ganze sehr zahlreiche Masse aus reiner Neugier an. In zehn Minuten wimmelte der Fabrikbof, der ein grosses Fünfeck bildete, von dem Summen der in die verschiedenen Säle und Stockwerke sich verteilenden Arbeiter.

Das pfeifende Gezisch des gefesselten Dampfes, das bisweilen aus einem der Sicherheitsventile erklang, und eine schneeweisse wirbelnde Dunstsäule in die kalte Luft entsendete, zeigte an, dass Alles in Bereitschaft sei, um die Maschinen ohne Verzug in gang zu setzen.

Vollbrecht öffnete die einzelnen Säle, bald entzündeten sich die Lampen an Wänden und Decken, die Arbeiter nahmen ihre Plätze ein und das Zeichen, die Maschinen wirken zu lassen, ward gegeben.

Martell und Simson arbeiteten in demselben saal an den feinen Spinnmaschinen. Hier waren auch ihre nunmehr verstorbenen beiden Kinder Flockenzupfer unter den hin und wieder rollenden Spindelwagen gewesen.

In seinen Kummer vertieft, auf nichts um sich her achtend, trat der halbverhungerte Mann an seinen Ort, ergriff mechanisch die Feder, durch deren Druck sein Spindelwagen mit der allgemeinen Maschinerie in Verbindung gesetzt ward, und liess, als das dumpfe Stampfen der eisernen Gestänge verkündigte, dass sich die Dampfmaschine in Bewegung setze, seinen klirrenden Stahlwagen in das rollende Kammrad greifen. In diesem Augenblick hörte er von wohl zehn seiner mitarbeitenden Nachbarn einen grässlichen gemeinsamen Aufschrei, sah eben so rasch ein Aushängen ihrer Spindelfluchten und ein geisterartiges Hinstieren nach ihm und seiner Maschinenabteilung. Bestürzt liess auch Simson die Feder wieder einschnappen, folgte den Blicken seiner Mitspinner und sahsah mit stokkendem Herzen, mit blutleeren Wangen, mit fiebernder Lippe und verzerrten Zügen den Körper seiner verstorbenen Tochter unter den Kämmen am Boden sitzen, in einer Stellung, als wolle sie die abfallenden Wollflocken einsammeln! – Fast zu gleicher Zeit wiederhallten noch mehrere Säle von ähnlichen Entsetzenstönen. Ueberall wurden die Maschinen gehemmt, überall die Arbeit sofort eingestellt.

Adrians Wunsch ging wirklich in Erfüllung. Die unglücklichen älteren, die ihre verhungerten Kinder in der stürmischen Sylvesternacht dem Despoten als Neujahrsgabe vor die Tür gelegt hatten, trugen die Wiedergefundenen auf ihren Armen heim in ihre Hütten. Die Freude, die dem Gesammtwillen der Darbenden dahingegebenen Opfer jetzt wieder zu besitzen, unterdrückte jede andere Herzensregung bei sämmtlichen älteren, und ohne den boshaften Hohn zu empfinden oder zu ahnen, der sich in dieser Wiederbescheerung kund gab, verliessen die Trauernden, die Kinderleichen im Arm, die Fabrik. Wie sie in die Maschinensäle gekommen und dass nur Adrian der Veranstalter dieser Ueberraschung sein konnte, darüber dachten die Beteiligten nicht nach.

Um desto grösser und anhaltender war das Grauen aller Uebrigen. Die Hand jedes Einzelnen erlahmte, seine Pulse stockten, Schwindel erfasste Alle, als stünden sie dicht an einem unergründlichen, höllentiefen Abgrunde, in den eine finstere Gewalt sie hohnlachend hinabstossen wolle. Diesem allgemeinen Grauen und Entsetzen folgte ein Moment unbeschreiblicher Aufregung. Man dachte zwar nicht, was doch nahe gelegen und worin der rohe Sinn der Menge die sicherste Genugtuung für die ihr angetane Beleidigung ohne Zweifel gefunden hätte, an Zerstörung, Aufruhr, Brand und Mord, aber man fühlte das unabweisbare Bedürfniss, jetzt unmittelbar etwas Gemeinsames, etwas Wohlüberlegtes zu unternehmen.

Zuvörderst ward die Arbeit eingestellt. Vollbrecht selbst, der nicht weniger erschüttert und empört war, als die Arbeiter, liess die Maschinen hemmen und befahl, den Dampf auszulassen. Als dies geschehen war, versammelte man sich im grössten der Säle. Dieser fasste ungefähr die Zahl der anwesenden stimm- und beratungsfähigen Männer. Die Kinder und Frauen wurden heimzugehen bedeutet oder mussten sich ruhig verhalten. Sie zogen sammt und sonders das Letztere vor und blieben.

Diese über drei Stunden dauernde Arbeiterberatung hier zu schildern, kann nicht unsere Absicht sein. Sie würde den gang der begebenheiten nur unnötig aufhalten und unsere Leser vielleicht langweilen. Auch würde sie ihres Zweckes in so fern verfehlen, als die während jener Versammlung gefassten Beschlüsse an diesem Tage, wie auch später nicht sogleich zur Ausführung kamen, indem andere Ereignisse dazwischen traten und Allem eine andere Wendung gaben.

Tiefer in seinem Wesen als Martell konnte Niemand erschüttert sein. Dennoch wusste er sich zu mässigen und erhielt, wie er wünschte, im Namen seiner Mitgenossen zum zweiten Male den Ehrenposten eines Sprechers.

In der zehnten Stunde endlich verliessen sämmtliche Arbeiter die Fabrik, um von Adrian den Lohn in Empfang zu nehmen. Vollbrecht eilte ihnen der Abrede gemäss voraus, um die Ankommenden dem Herrn zu melden. Damit kein nutzloser, nur störender Zudrang entstehen möge, war beschlossen worden, dass bis auf die zehn Abgeordneten, die man erwählt hatte, Niemand an der Verhandlung mit Adrian teil nehmen sollte. Es schieden sich daher die Nichtbeteiligten einstweilen in einzelne Gruppen, die müssig teils in der