, wenn er das Haus des Herrn besucht hatte. Etwas später erscholl die lähmende Nachricht von dem Hungertodte der fünf Kinder, ihm folgte das Zurückstürzen der Arbeiter von der Insel und jenes furchtbare Schweigen des Entsetzens, das der beredteste Ausdruck tiefster Empörung und grösster Seelenerschütterung ist.
"Nun freue ich mich auf morgen," sagte Martell. "Morgen ist Zahltag für den reichen Herrn, da hat er allemal schlechte Laune. Wir merken das immer an den schlechten Geldsorten, die uns dann für vollgiltig zugeworfen werden. Diesmal jedoch soll das nicht wieder einreissen, das steht fest! Ich appellire."
"Und erhältst den Abschied!" seufzte Traugott. "Ach wenn werde ich Dich demütig, ergeben und in die Zeit Dich fügend sehen!"
"Sobald es besser geworden ist mit den Arbeitern, Vater, nicht eine einzige Stunde früher! –"
Gegen Abend sprach Simson bei Martell ein. Der unglückliche Mann wohnte nur wenige Häuser weit und war unserm heissblutigen Freunde immer ein treuer Helfer in der Not gewesen, so weit dies unter so beschränkten Verhältnissen möglich und denkbar ist. Der Mann war völlig ratlos. Händeringend, den stieren Verzweiflungsblick bald an die schwarzen Dielen heftend, bald zur Decke aufschlagend, ging er in der kleinen stube ruhelos auf und nieder.
"Beim ewigen allbarmherzigen Gott, Martell, ich weiss nicht mehr, was ich anfangen, wie ich die Jammernde besänftigen soll!" rief er aus. "Sie will durchaus ihr Kind wieder haben, um die Leiche noch herzen und küssen zu können, und wir haben uns doch hoch und teuer verschworen, nach Deinem Rat, es nicht eher von des Grafen Schwelle zu heben, als bis er unsere billigen Wünsche genehmigt und erfüllt hat! – Mein Jesus, ich glaube, sie stirbt vor Jammer und Angst noch diese Nacht!"
"Rede ihr zu, Simson, verständig und mild," erwiderte Martell. "Sie wird sich schon wieder fassen und noch ein paar Stunden gedulden. Unser Aller Zukunft in diesem Jahr hängt ja davon ab."
"Was gilt das Alles einer Mutter, die ihr Kind beweint!" entgegnete Simson. "Ein Kind das in ihren Armen vor Hunger gestorben ist! Da hat alle Vernunft ein Ende, Martell! Will es doch unser einem den wüsten Kopf auseinander sprengen!"
"Maja muss sich dennoch gedulden, Leidensgenosse! Es ist der einzige Weg, um dem Unbarmherzigen Zugeständnisse abzunötigen. Wir wollen keinen Aufstand, damit wir in späteren Tagen mit Gottes Hilfe Recht erhalten."
Simson schlich wieder heimwärts, um der klagenden Mutter Tröstungen zuzuflüstern, an die er selbst nicht glaubte, und eine endlose, von unermesslichem Schmerz zur Ewigkeit sich ausdehnende Nacht schlaflos mit ihr zuzubringen. –
Hunderte von Arbeitern floh der Schlaf in dieser langen kalten Winternacht. Diese fanden die Ruhe nicht, weil sie von körperlichen Schmerzen – den Folgen des Hungers gepeinigt wurden, Jene rieb die Seelenqual auf um der Ihrigen Zukunft, wenn nicht binnen kürzester Frist ein totaler Umschwung der Verhältuisse, eine Revolution der Gesellschaft eintreten sollte!
Lange vor Tage und noch länger vor der bestimmten Arbeitszeit ward es lebhaft im dorf am See. Männer, Frauen und Kinder schaarten sich truppweise zusammen, um sich gegenseitig die allgemeine Not zu klagen, die Jeder für sich zur Genüge kannte und doch von dem Dritten mit gespannter Aufmerksamkeit nochmals schildern hörte.
Bald nach fünf Uhr des Morgens setzten sich die Truppen der Arbeiter in Bewegung, still und ohne ein äusseres Zeichen der tiefen inneren Aufregung, die in der Brust fast jedes Einzelnen tobte. Sie beabsichtigten durch diese frühere Ankunft an Adrians Behausung eine Beschleunigung der Lohnauszahlung zu bewirken und dadurch Zeit zur Auseinandersetzung ihrer Forderungen zu gewinnen. Martell war einstimmig zum Wortführer ernannt worden. Auf ihn gründete das ganze Arbeiterdorf seine Zukunft, denn man hielt ihn für besonders geeignet, dem grausamen Fabrikherrn zu imponiren, da man wusste, dass er ein Anverwandter dieses modernen Despoten war, oder doch sein sollte. Auch die älteren der verhungerten fünf Kinder zogen in mitten ihrer Kameraden der hohen Zwingburg auf den Granitfelsen Bobersteins entgegen.
Obwohl es noch tiefe Nacht war, zeigten sich doch in der weisslichen Atmosphäre über den Schornsteinen der Fabrik schon krause dunkle Wölkchen, die von der kalten Luft niedergedrückt wie schwarze Riesenschlangen mit abenteuerlich gehörnten Drachenköpfen an den hohen Schloten abwärts krochen und sich auf den weissen Abhängen der felsigen Insel convulsivisch krümmten und wanden. Die Tätigkeit der Oefen hatte begonnen, da eine Stunde später die ersten Arbeiter wieder antreten sollten.
Erwartungsvoll sammelten sich die Spinner vor dem haus des Fabrikherrn. In diesem war noch kein laut des Lebens zu hören, dennoch unterliessen die schlecht gegen den scharfen Morgenwind Verwahrten jede tumultuarische Bewegung, um nicht zur Unzeit den Zorn Adrians zu reizen. Pünktlich in seinen Anordnungen und Versprechungen, liess dieser die Tür mit dem ersten Glockenschlage sechs öffnen und gestattete je drei Arbeitern auf einmal den Eintritt in den Flur. Martell war der Erste, ihm schloss sich Simson und jener Anton an, der am Weihnachtsabende die Aufgeregten durch besonnenes Zureden zu beruhigen suchte.
Das freundliche Gesicht Vollbrechts lächelte ihnen durch das Schiebefenster entgegen, und ein freundlicher Morgengruss ward ihnen zu teil. Als man diesen eben so herzlich erwiderte, sprach Vollbrecht:
"Es ist der ausdrückliche Wunsch und Befehl des Herrn am Stein, dass die Arbeit nach so langer Rast sogleich wieder ihren Anfang nehme. Die eigentümlichen Handelsconjuncturen gebieten es, damit noch vor Mittag die vor dem Feste angelegte Wolle aufgesponnen, geweift und