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noch erbitterter. Der arme Spinner in seiner moralischen Entrüstung war furchtbar und erhaben zugleich. Er war ein zürnender Gott in Lumpen!

"Schweigt Vater!" rief er nach einer abermaligen frommen Ermahnung des gottvertrauenden Greises, die am Morgen des Neujahrstages vorfiel, als Martell sich weigerte, den schwächlichen Alten zur Kirche zu begleiten. "Mein Gebet wäre schlimmer als Fluch, denn es käme ja doch aus einem hasserfüllten Herzen! – Und wofür soll ich denn beten und danken? dafür, dass ich vierzig Jahre am Elende mich sattgegessen, dass ich mir an der verschimmelten Brodrinde der Armut das Herz zu Gott und Menschen abgekaut habe? Solch jammervolles Dasein ist keinen Dank wert; man bezahlt es schon viel zu teuer mit den hunderttausend Flüchen, die willenlos unserm mund entgleiten! – Lasst mich also, Vater, und betet Ihr für mich, wenn Ihr könnt, ich will mich rüsten auf die Kämpfe der nächsten Tage."

Betrübt über die Halsstarrigkeit seines Schwiegersohnes ging der alte Spinner von seiner Enkelin geführt zur Kirche. Lore blieb ebenfalls daheim, um das sehr zerrüttete Hauswesen einigermassen in Ordnung zu bringen.

"Mich verlangt es zu erfahren," sagte Martell zu seiner Frau, "was der verfluchte Sünder, mein sehr werter Herr Vetter, zu der Neujahrsbescheerung sagen wird! Ha, ich denke, sie soll ihm ein Zähneklappen verursachen, das er im ganzen Jahre nicht wieder los wird! – Freilich, da sind wir immer noch glücklich zu nennen gegen die armen älteren der Verhungerten! – Unser Hans starb, so zu sagen, wie ein Mensch, wenn auch elendiglich verstümmelt, aber diese Unglücklichen – o Gott, lass mich's nicht denken!"

"Wenn wir fortzögen von hier, was meinst Du? Wir haben jetzt Freunde, die uns gewiss unterstützen werden. Es gehen so Viele nach Amerika –"

"Nein, Lore, jetzt müssen wir bleiben, und wenn man uns die Glieder einzeln abriss!"

"Es tut nicht gut, Martell! Du vertiefst Dich zu sehr in Deine Gedanken und am Ende, wenn Du keinen vernünftigen Ausweg mehr siehst, begehst Du, was nicht recht ist!"

"Glaubst Du, ich werde ihn, den Herrn Vetter ermorden? Bei meiner unsterblichen Seele, das geschieht nicht!"

"Du bist so heftig, so ungestüm! Ach und den frommen Vater kränkst Du damit!"

"Er ist gut, aber er versteht mich nicht. Dächten wir alle, wie er in seiner Einfalt, so schindeten uns die Herren zuletzt lebendig. Ich weiss schon, was ich will!"

"Was, Martell? Sage mir's, ich bitte! Bin ich auch nur ein armes, von Kummer tief gebeugtes Weib, eine trauernde Mutterwas das Rechte ist, das sagt mir mein zitterndes Herz!"

Lore schlang ihre magern arme um den stämmigen Nacken des zürnenden Mannes und strich ihm die verworrenen langen Locken aus der Stirn, die ihre bleichen Lippen in flüchtigem Kusse berührten. Martell sah ihr lange still und ernst in die liebreichen, von Tränen erfüllten blauen Augen.

"Bedanken will ich mich," sagte er nach einer geraumen Pause und sein bisher kaltes Auge blitzte in dunkelm Feuer auf.

"Bedanken? Bei wem und für was?"

"Bei meinem Herrn Vetter für die ausgezeichnete Behandlung, die er mir hat zu teil werden lassen," erwiderte Martell höhnisch lächelnd.

"Das ist es gerade, was ich fürchte," seufzte Lore und liess ihren Arm langsam von der Schulter des geliebten Mannes gleiten. "Das, was Du Dank nennst, wird hart und bitter sein –"

"Ei, mein Schatz, die Wohltaten, die er uns erzeigt hat, waren auch nicht süss, die Lasten, die wir für ihn trugen, nicht leicht! Ich will bloss mit ihm sprechen, wie es ein Vetter darf und soll."

"Und wenn hast Du die Absicht, eine solche Unterredung unt Herrn am Stein Dir zu erbitten?"

"Ich werde gar nicht darum bitten, arme Taube, ich werde warten, bis es Zeit ist und dann sprechen!"

"Wenn er Dich nur zu Worte kommen lässt!"

"Ich besitze, Gott Lob, eine kräftige stimme, wahrscheinlich das einzige, wofür ich ihm mittelbar Dank schuldig bin, da ich als Saalaufseher das Geräusch der Maschinen oft überschreien musste. Andere freilich, deren Lungen nicht kräftig genug waren, bekamen die Schwindsucht und siechten hin. Grade, weil Gott mich erhalten hat, scheint mir, soll ich noch zu etwas Besserem berufen sein, als mein Lebelang bloss an hundert und mehr Spindeln auf und abzulaufen, um die zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen."

Während dieses Zwiegespräch zwischen Martell und seiner Frau stattfand, war der Aufruf zur Todtenschau auf der Insel an vielen Orten erfolgt. Schaaren Neugieriger eilten nach dem See, denn nur Wenige kannten den Hergang der Sache und wussten um die letzten Augenblicke der Verstorbenen.

"Siehst Du?" sagte Martell lächelnd zu Lore und deutete auf die Reihen der schnell dahin eilenden Menschen. "Graf Adrian hat den Neujahrwunsch seiner getreuen Arbeiter empfangen. Er beeilt sich, ihnen pflichtschuldigst seinen gefühltesten Dank abzustattenso ungefähr heisst ja die herzlose Redensart, die alle Vornehmen und Hochgeborenen den Armen und Niedrigen gegenüber süss lächelnd in den Mund zu nehmen pflegen."

Bald nach erfolgtem Aufruf kam Traugott aus der Kirche, zu neuen Leiden ermutigt, wie immer