schrecklichen Wanderer ein, überall ein Geschenk des Todes, bald sitzend, bald stehend, bald gegen die Erde gepresst, bald über die Flucht der Spindeln gebeugt, zurücklassend. Erst nachdem dies nächtliche Geschäft zu Adriaus Zufriedenheit beendigt war, verliessen sie schweigend, wie sie gekonnnen, die Fabrik und kehrten, von Niemand gesehen, von Niemand in ihrem grauenvollen Tun belauscht, als von Gott, in die wohnung am Ufer des Sees zurück.
"Vergiss nicht zu schweigen!" ermahnte der Graf seinen Kammerdiener mit vertraulichem Lächeln, in dem eine satanische Genugtuung triumphirte, während dieser ihn entkleidete. "Es wird Dich nicht gereuen!" Jean schwieg. Er wünschte dem Grafen schweigend gute Racht, suchte schweigend das Lager und stand am andern Morgen schweigend wieder auf. Er schwieg fortan immer, sein ganzes Leben hindurch. Das Entsetzen der Nacht hatte ihm die Zunge gelähmt und das Vermögen der Spräche genommen! – Die Vorsehung liebt es zuweilen, die grössten Verbrechen am härtesten an denen zu strafen, die nur als blinde Werkzeuge zu deren Vollziehung dienen. –
Siebentes Kapitel.
Die Ablöhnung.
Noch am Neujahrstage war die Kunde von dem Hungertode der fünf Kinder bis auf den Zeiselhof gedrungen. Aurel hielt es für eine schamlose Uebertreibung, um ferne und nahe Untertanen Adrians gegen diesen aufzuhetzen, und wollte durchaus nichts davon hören. Anders dachte der Maulwurffänger, der die gedrückte Lage der Fabrikarbeiter zu genau kannte, um nicht auch einen solchen Fall für möglich zu halten. Er erbot sich, unverweilt nach Boberstein aufzubrechen, um sich von den dortigen Verhältnissen zu unterrichten. Die an sich geringe Entfernung war zu Schlitten in sehr kurzer Zeit zurückzulegen, weshalb Heinrich ein derartiges Fuhrwerk begehrte. Da er selbst kein zuverlässiger Rosselenker war, ergriff Sloboda die Zügel. Diesen trieb es überhaupt wieder in die Haide, an den Ort, wo sein Kind so glückliche Stunden verlebt hatte. Ohnehin wollte es ja scheinen, als bleibe für ihn und seinen Enkelsohn wenig zu hoffen, denn während allerorten, wo Niemand es vermutete, Blutsverwandte des gräflichen Geschlechtes von Boberstein plötzlich und unerwartet austauchten, wollte sich nirgends eine Spur des Kindes zeigen, das Haideröschen auf der Flucht geboren hatte, und um das sie gebracht worden war. Man wusste nur, dass es ein Mädchen gewesen, dass es gelebt hatte und während der tagelangen Ohnmacht der angegriffenen Mutter verschwunden war.
Frühzeitig brachen die Greise am Tage nach Neujahr auf, flogen in leichtem Schlitten über die spiegelnden Schneefelder der Haide entgegen und entdeckten bald in der durchsichtigen Luft die Schornsteine der Fabrik. Zu ihrem grossen Befremden lagen keine Rauchwolken über denselben, obwohl neun Uhr Vormittags schon vorüber war. Der Maulwurffänger trieb Sloboda zu schnellerem Fahren an, da nur ein ungewöhnlicher Vorfall diesen Stillstand der Fabrik veranlasst haben konnte. In gestrecktem Galopp jagten nun die beiden jungen feurigen Tiere mit ihrer leichten Last durch die gewundenen Haidewege, durch phantastisch gewölbte, mit krystallenen Schneebehängen drapirte Eishallen, wie sie der Winter in seiner wunderlichen Launenhaftigkeit in dichten Föhrenwäldern über Nacht voll zauberischer Pracht erbaut. Lange vor Mittag spiegelte ihnen durch den Unterbusch der See entgegen, von hin und wieder gehenden Menschentruppen reich belebt.
Wir haben früher bemerkt, dass Herr am Stein alls Rücksicht auf seine klug berechneten Speculationen die Lohnzahlung an seine Arbeiter bis auf den heutigen Tag verschoben hatte. Obwohl er sehr genau die verzweiflungsvolle Lage des grössten Teils dieser armen, von einem Tage zum andern kümmerlich ihr Leben hinfristenden, Sclaven seines Willens kannte, glaubte er doch nicht an den Ausbruch einer wirklichen Hungersnot. Er hoffte die Mehrzahl werde mit einigem Darben die wenigen Tage überstehen, werde dann hungrig nach Brod und gierig nach einigen Groschen schon vor Tage sein Haus umlagern und ohne Zögern unter den zuletzt aufgestellten Bedingungen lebensgern für ihn fortarbeiten, um nur wieder Geld in die hände, Brod und Torf ins Haus zu bekommen. Wusste er doch aus Erfahrung, was man dem armen volk zumuten kann, wenn man die Macht besitzt, ihm zu helfen und zu schaden.
Diefe Lohnausteilung erfolgte auf Adrians Hausflur durch ein Schiebfenster, das mit dem Comptoir in Verbindung stand. Vollbrecht hatte als vereideter Geschäftsführer die Verteilung zu besorgen. Adrian selbst kümmerte sich nie darum, noch liess er sich vor seinen Arbeitern blicken.
Martell hatte diesem Zahlungstage in einer kaum zu beschreibenden Gemütsaufregung entgegengesehen. Das Wort des Maulwurffängers war wie eine Feuerflamme in seine Seele gefallen. Er, der arme, verachtete, misshandelte Spinner ein Verwandter des reichen allmächtigen Herrn am Stein! Ein Mitglied der Familie, die über fürstliche Besitzungen gebot! Er ein Mann, dem vielleicht gleiche Rechte an diese unermesslichen Ländereien zustanden, wie dem, unter dessen eiserner Zuchtrute er grollend seinen rücken beugte!
Martell bedurfte einiger Tage, um den gewaltigen Eindruck dieser Offenbarung zu überwinden und sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihm em besseres los gebühre, als das unter dem er gegenwärtig sich abmühe. Ein minder kräftiger Charakter wäre vielleicht still, demütig, heiter und zufrieden geworden durch die erwähnte Entdeckung, hätte vielleicht alles ausgestandene Elend schnell vergessen und sich mit der Aussicht auf baldige bessere Tage getröstet. Bei Martell dagegen wuchs der Groll, der Ingrimm, die Lust nach Rache mit der Gewissheit, dass er von Kindes Beinen auf unwürdig ja niederträchtig behandelt worden sei. Die ausgestandene Not, das erlittene Unrecht zu vergessen, war nicht seine Absicht. Er sann Tag und Nacht nur darüber nach, wie er sich recht empfindlich rächen, wie er Wiedervergeltung üben konne! – Traugotts Zuspruch machte ihn noch wilder,