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zugedacht."

Jean war durch diese Anrede vollkommen munter geworden. Er verbeugte sich und antwortete:

"Der gnädigste Herr Graf dürfen nur befehlen."

"Ich hätte eine Bitte an Dich, lieber Jean. Aber Du musst verschwiegen sein!"

"Wie das Grab, gnädigster Herr Graf!"

"Auch gegen Vollbrecht!"

"Gegen mich selbst, wenn Ew. Gnaden befehlen!"

"Wenn Du mein Vertrauen, das ich Dir in diesem Augenblicke schenken will, rechtfertigst, werde ich Deinen Sohnstill, still, ich kenne Deine kleinen verliebten Abenteuer, ohne Dich deshalb zu schelten! – Deinen Sohn also werde ich erziehen lassen und Dir eine lebenslängliche Pension von dreihundert Talern aussetzen. Was meinst Du?"

"Der gnädigste Herr Graf sind der grossmütigste Mann auf Erden!"

"Ich werde es sein, wenn Du schweigst!" sagte Adrian nochmals mit einem bedeutenden, eben so freundlichen als drohenden blick. "Zünde jetzt die Blendlaterne an und hole die Schlüssel zur Fabrik."

"Jetzt? Ew. Gnaden wollten –"

"Gehorche und schweige!" raunte ihm der Graf befehlshaberisch zu.

Jean verfärbte sich, schlich auf den Zehen ins Comptoir und überbrachte Adrian, der sinnend in das kleine Flämmchen der Blendlaterne sah, die Schlüssel mit zitternder Hand.

"Meinen Wolfspelz!"

Jean holte auch diesen und warf ihn seinem Gebieter um. "Es ist sehr kalt, gnädiger Herr," sagte er, "der Doktor würde einen so späten Ausgang gewiss nicht gestatten."

"Jetzt nimm den grossen Henkelkorb, der die neuen Garnproben entält. Leere ihn und bringe ihn an die Tenne."

Adrian schritt schon die Treppe hinunter, entriegelte die Haustür und ging auf die Tenne zu, wo die Leichen der Kinder, die in seinem Dienst umgekommen waren, den Schlummer des ewigen Friedens schliefen. Auf den bleichen Gesichtern der Kleinen spielte der Schimmer der silbernen Gestirne, die am dunkeln Nachtimmel flammten.

"Wollen Ew. Gnaden die armen Würmer begraben oder sie eigenhändig ihren älteren vor die Haustüren legen?" stotterte der Kammerdiener, dem die Zähne vor Frost und Furcht klapperten und der seine Zusage längst schon bereute.

"Lege die Leichen in den Korb, Jean," befahl der Graf, "und schlage dann die graue Deckleinwand sorgfältig über sie zusammen!"

Jean musste trotz seines namenlosen Grauens das grässliche Geschäft verrichten, dem Adrian mit verschränkten Armen, still und ernst wie ein Todtenrichter zusah. Dann nahmen Beide den Korb auf, Adrian stellte die kleine Blendlaterne auf die verhüllten Kinderleichen und schlug den Felsenpfad nach der Fabrik ein. Dem Kammerdiener rieselte kalter Schweiss in Bächen über sein Gesicht. Er sprach kein Wort. Keuchend half er dem marmorbleichen, wie eine lebendig gewordene Statue neben ihm fortwandelnden Grafen die schreckliche Last nach den hochgelegenen Fabrikgebäuden tragen.

Das Entsetzen des armen Kammerdieners erreichte seinen höchsten Grad, als sie die Maschinensäle betraten. Diese unermesslichen Räume, sonst mit erstikkendem Oeldunst und dem heissen Broden von mehr als hundert Arbeitern erfüllt, jetzt kalt und von einem seltsam pfeifenden Luftzug durchweht, der aus den geöffneten Wärmeröhren drang und an den blaugrauen oder schwarzen Stahlschenkeln und Armen der Maschinen wie der Atem eines hier festgebannten bösen Geistes flüsterte, säuselte, wimmerte und heultediese endlosen Räume hatten etwas unbeschreiblich Grauenvolles. Durch die hohen, tausendscheibigen Fenster, jetzt mit beinahe fingerdicken Eis- und Schneeblumen bedeckt, fiel kein Schimmer des bläulichen Sternendämmers, der die Nacht der Haide matt erleuchtete. Nur das einzige dünne und trübe Flämmchen der Blendlaterne in Adrians Hand sandte seinen gaukelnden Irrlichtglanz hüpfend über die hundert Werkstätten der modernen Industrie, durch die grässliche mitleidslose Folterkammer der zivilisation des neunzehnten Jahrhunderts! –

"Oeffne den Korb, Jean," befahl Adrian, "und folge mir mit dem kleinen toten Schlingel, der das Pfeilmaal auf der linken Wange hat!"

Mechanisch hob der Kammerdiener, jetzt in sein Schicksal still ergeben, die Leiche aus dem Korbe und trug sie dem vorausschreitenden Grafen nach. In der Mitte des Saales blieb er an einer der grössten Spinnmaschinen stehen, deren nackte Spindeln im Schein der Leuchte mattrot erglühten.

"Das ist der Ort," sagte Adrian spöttisch lächelnd. "Drücke dem kalten Schelm die steifen Glieder zusammen, dass er in eine sitzende Stellung kommt, und schiebe ihn unter die Kämme. Er hat da geschafft bei Lebzeiten, er mag sich noch einmal im tod die ungelenken Finger von den stählernen Rechen krumm biegen lassen. Wenn ihn morgen früh der Herr Papa hier nicken sieht, wird er sich wohl nicht mehr weigern, ihn als redlicher Vater nach haus zu tragen. Man muss diese pflichtvergessenen Menschen mit der Nase auf das stossen, was sich schickt, und was sie zu tun haben."

Jean starrte den Grafen mit offenem mund, mit schlotternden Knieen und klappernden Zähnen an. Sein Auge schwamm in Tränen, er vermochte nicht zu reden. Nur stammelnd lallte er:

"Aber, gnädigster Herr Graf! – Gnade! Gnade!"

"Gehorsam verhilft zu Gnade!" versetzte Adrian schneidend. "Weil sie mir nicht gehorchen, bin ich ihnen ungnädig gesinnt und bestrafe sie jetzt. Tue also, was ich Dir heisse!"

Jean drückte die Leiche zaudernd in die klirrenden Stähle. Heisse Tränen fielen auf das Gesicht des toten und blieben an seinen gesenkten Wimpern hängen.

Adrian schritt weiter, beim trüben Schein der Laterne mit Mühe die Notizen in seiner Schreibtafel durchfliegend. In mehrere Säle kehrten die