in stürmischer Nacht mir die toten Würmer herzuschaffen, so mögen sie sich ihre Bälger jetzt am Tage, wo die Sonne recht hübsch warm scheint, auch wieder abholen. Sonst müsste ich sie ihnen am Ende noch in meine Staatskarosse heimfahren lassen!"
"Und wenn sie trotz des Aufrufes nicht erscheinen, Herr am Stein? Wenn der Aufruf das ganze Dorf in Gährung versetzt?"
"Ich lasse es darauf ankommen, lieber Vollbrecht. Im Winter geschehen keine gefährlichen Revolten. Kälte und Regen sind die besten Gemütsbesänftiger. Erlassen Sie daher in Goltes Namen den Aufruf! Finden sich die betreffenden älteren wirklich nicht ein, so weiss ich schon, was ich zu tun babe. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass diese fünf toten Kinder Niemand als ihre leiblichen Väter oder Mütter auf ihren Armen heimtragen sollen!"
Adrians Befehl wurde vollzogen. Die Bekanntmachung lief schnell von Mund zu Mund, von Haus zu Haus, und schon gegen Mittag zogen Männer, Frauen und Kinder schaarenweise über den gefrorenen See, um die gefundenen fünf Kiuder zu betrachten. Diese hatte der Graf aus Vorsicht in eine Art vergitterten Käfig, der ursprünglich als Gänsestall diente, neben einander legen lassen, um alles Betasten und allzugrossen Andrang zu verhindern. In vollem Sonnenlicht mitten auf der Tenne stand diese wunderliche und erschütternde Morgue von vier Bedienten des Fabrikherrn bewacht, die auf Ordnung und Schicklichkeit zu sehen hatten.
Der martervolle Tod hatte die Unglücklichen nicht so sehr entstellt, dass sie für Bekannte und Freunde unkenntlich gewesen wären. Man hörte daher von fast jedem an den Gitterkasten Herantretenden bald laut bald leise ihre Namen nennen und ihre älteren beklagen. Mancher mochte sich wohl auch wundern, dass unter so vielen hundert Neugierigen nur allein die Beteiligten fehlten, denn von dem eigentlichen Hergang der Sache war noch Keiner unterrichtet. Wie es nun aber überall geschäftige Seelen gibt, die jedes Ereigniss, sei es erfreulich oder betrübend, sogleich weiter tragen müssen, so fanden sich auch unter den herbeieilenden Fabrikarbeitern sehr bald einige Händeringende, die jammernd rückwärts nach dem dorf stürzten, um den betreffenden älteren das entsetzliche Unglück ihrer Kinder zu melden. Bei dieser Botschaft musste nun die eigentliche Todesart an den Tag kommen, die wo möglich von denselben Dienstbeflissenen noch schnellere Verbreitung fand.
Hatte man bisher bloss die Verstorbenen und ihre armen älteren beklagt, so verwandelte sich nach Verbreitung dieses neuen Gerüchts, an dessen Wahrheit man nicht lange zweifeln konnte, das Bedauern in ein dumpfes Entsetzen. Der Plan vor der Tenne, so eben noch von Hunderten erfüllt, ward leerer und immer leerer. Viele wandten sich mit bestürzten Mienen, mit vor die Augen gehaltenen Händen von dem Gitter, und eilten, als wäre ihnen ein Geist erschienen, nach dem See, dessen Eisdecke sie in vollem Laufe überschritten. Das Entsetzen, der Abscheu, das innere moralische Grauen, welches man empfand, war so allgemein, dass Alle instinktmässig einen Ort flohen, der von Gott als ein verfluchter bezeichnet zu sein schien. Man wollte der Nähe des Mannes entfliehen, der so fürchterliche Verantwortung auf sich geladen und trotzdem noch den wahrhaft dämonischen Mut besass, das Ergebniss seiner Grausamkeit zu einem Schauspiel zu benutzen.
Mit eigentümlichem Lächeln beobachtete Adrian von seinem Zimmer aus unbemerkt das Benehmen seiner Arbeiter bei diesem ihnen bereiteten Schauspiele. Nichts dabei schien ihn zu überraschen, denn er wiegte zufrieden das stolze Haupt, als sich die Zuschauer so plötzlich verloren und keine neuen vor dem Gitter mehr erscheinen wollten. Die älteren der Verhungerten hatten sich wirklich nicht blicken lassen. Unberührt blieben die Leichen der armen Kinder dem grausamen Gebieter als Neujahrsgeschenk der Verzweifelten. –
Vollbrecht erstattete, wie es von ihm verlangt ward, Bericht über den Hergang und erbat sich fernere Verhaltungsbefehle. Adrian hielt diese nicht für nötig. Kalt und entschieden, wie immer, liess er sich jetzt die Namen der älteren nennen, die ihrer Kinder auf so entsetzliche Weise beraubt worden waren. Er notirte sich dieselben in seine Schreibtafel. Dann erkundigte er sich nach den Arbeitsstellen der Väter und Mütter der Verstorbenen in der Fabrik, fragte, auf welche Weise diese selbst beschäftigt gewesen wären und wie man ihre Stellen werde besetzen können? Auf all' diese fragen gab Vollbrecht genau Antwort, da sie das Geschäft und dessen ungestörten Fortgang betrafen. Es fiel ihm nicht auf, dass Adrian auch darüber einige Bemerkungen in seine Schreibtafel machte. Zuletzt, als der Geschäftsführer sich noch die Frage erlaubte, wohin man die fünf Leichname schaffen solle, versetzte Adrian, als verstünde sich dies von selbst, er werde die älteren derselben bedeuten lassen, dass sie im Lauf der Nacht, um alles unnötige Aufsehn zu vermeiden, die Abholung der Leichen ohne Widerrede zu besorgen hätten. –
Diese Nacht kam heran, sternenklar, still und kalt. Ebenso still und kalt lag das Dorf jenseits des Sees, nur die leuchtenden Sterne des Glückes, der Liebe, der Hoffnung, des Glaubens waren über ihm und seinen trauernden Bewohnern erloschen. Von der Insel aus sah man kein Licht mehr in den Hütten der Arbeiter schimmern. Ausser dem Bellen einiger Hunde lag das Schweigen einer kalten toten Winternacht rings auf der waldbedeckten Gegend.
Auch im haus des Fabrikherrn war es ruhig geworden. Nur Adrian wachte noch in seinem Zimmer und durchschritt es wiederholt mit grossen Schritten. Endlich zog er die Klingel. Der Kammerdiener erschien und rieb sich schlaftrunken die Augen.
"So müde, Jean?" fragte der Graf mit ungemeiner Freundlichkeit. "Das ist mir unlieb. Ich hatte Dir noch ein spätes Geschäft