versetzte mit erkünstelter Teilnahme der Herr am Stein. "Ich will, dass man die Verunglückten genau untersuche, und wenn sich nur die geringsten Spuren eines verübten Verbrechens zeigen, ihre älteren sogleich gefänglich einziehe!"
"Mit schuldigem Respect, gnädiger Herr, bringe ich Ihnen meinen Glückwunsch zum neuen Jahre," sagte Vollbrecht, der während dem eingetreten war und die letzten Worte des Grafen noch gehört hatte. "Möge Gott ihre Gesundheit von neuem kräftigen und Ihnen in jeder Hinsicht gnädig sein!"
"Ich danke, mein Lieber! Doch lassen wir die Phrasen – ich gebe wenig darauf. Nun was sagen Sie zu der seltsamen Neujahrbescherung?"
"Sie hat mich nicht überrascht, Herr am Stein! Verwundert aber bin ich, dass sie so still, so ganz ohne ein Zeichen laut jammernder Verzweiflung vorübergegangen ist!"
Adrian gedachte des gellenden Notschreis in der Nacht und konnte sich jetzt das Markerschütternde desselben erklären. Dennoch stellte er sich mit consequenter Frechheit unwissend, wie ein neugeborenes Kind.
"Mein lieber Vollbrecht," versetzte er, seine stark vergoldete grosse Tasse von Meissner Porzellan aufs neue mit Chocolade füllend, "man erfriert meines Wissens ganz in der Stille. Die ärzte behaupten, es sei ein angenehmer, schmerzloser Tod."
"Die fünf Kinder, von denen hier die Rede ist, sind nicht erfroren," sagte Vollbrecht finster.
"Also doch nicht erfroren? Also mit Gewalt, mit Willen getödtet?"
"So ist es, Herr am Stein."
"Und wer sind die Täter? Ohne Zweifel diese Feiglinge von älteren, denen es unmöglich dünkt, sich aus Rücksicht und Liebe für ihre Kinder ein wenig zu beschränken! Ich will sie kennen!"
"Davon nachher, Herr am Stein. Der Mörder dieser nunmehr in Frieden ruhenden Kleinen ist – der Hunger."
Adrian behauptete auch jetzt noch seine unerschütterliche Ruhe.
"Wenn sich dies ärztlich beglaubigen lässt," versetzte er, "so wundere ich mich nur, weshalb ich bis heute kein Wort von drohender Hungersnot drüben im dorf vernommen habe. Ich bin nicht allwissend, ich kann auch bei meiner fortdauernden Kränklichkeit, die mir grösste Schonung und Vermeidung jeglicher Aufregung streng zur Pflicht macht, nicht von Haus zu Haus gehen. Man hätte mir das Vorhandensein des allgemeinen oder teilweisen Notstandes anzeigen sollen, dann würde man gesehen haben, dass ich, wo es nötig ist, immer eine offene Hand in Bereitschaft habe. Ich werde sogleich Befehl erteilen, Lebensmittel in das Dorf schaffen und die Dürftigsten reichlichst speisen zu lassen. Was aber soll zuletzt diese affreuse Farce?"
"Mich dünkt, Sie können aus ihr lernen, wie die Arbeiter von Ihnen denken, Herr am Stein, wen sie für den Mörder ihrer Kinder halten!"
"Es schmerzt mich," erwiderte Adrian mit erheuchelter Rührung, eine kalte Träne in sein funkelndes Auge pressend, "dass ich so arg verkannt werde. Diese Elenden sind wirklich zu verwildert, um mit ihnen wie mit vernünftigen Menschen zu reden! Sie wissen es ja, Vollbrecht, wie mein grossmütiges Anerbieten am Weihnachtstage schnöde zurückgewiesen wurde! Solche Beispiele boshafter Herzensverhärtung entmutigen. Hätte Martell vor acht Tagen meine freiwillig dargebotene Unterstützung angenommen, ich würde unverweilt genaue Erkundigungen eingezogen haben über die Angelegenheiten auch anderer Familienväter. Seine lieblose Antwort aber verdross mich und aus gerechtem Aerger darüber unterliess ich jede weitere Nachfrage. Die stolzen Toren haben mitin nur sich, nicht aber mir das Elend zu danken, das nunmehr über sie hereingebrochen ist. Ich sehe darin sogar eine warnende stimme des gerechten Gottes an die Uebermütigen, gegen mich stets aufsätzig Gesinnten ergangen, damit sie zur Besinnung kommen und sich bessern!"
Vollbrecht hielt es für überflüssig, dieser Ansicht des Grafen, dessen innerste teuflische Gesinnung ihm längst kein Rätsel mehr war, zu opponiren. Er fragte kühl, was mit den fünf aufgefundenen Kinderleichen geschehen solle?
"Je nun," versetzte Adrian mit dem eigentümlichen um seinen stolzen Mund aufhüpfenden spöttischen Lächeln, "da wir hier kein so kühles Grabgewölbe besitzen, wie auf dem sankt Gottardt, so glaube ich mein Gewissen hinlänglich zu salviren, wenn ich die Scheuer auf einen Tag zur Morgue erhebe und das ganze Dorf aufrufe, die Leichen zu beschauen. Auf diese Weise kann jeder Vater, jede Mutter ihr Kind am leichtesten erkennen und wir unsererseits haben die Genugtuung, die masslos Frechen ebenfalls kennen zu lernen, die unsere Tür ganz naiv zum Kirchhofe machen wollen. Uebrigens erlaube ich, dass man die so oder so Verstorbenen nach christlichem Gebrauche, doch ohne Leichenspectakel, auf meine Kosten beerdige."
Vollbrecht machte Einwendungen gegen diesen Befehl. Es schien ihm nicht klug zu sein, das ganze Dorf öffentlich zur Todtenschau aufzurufen, er erblickte vielmehr darin von Seiten des Grafen eine versteckte schauerliche Verhöhnung des grenzenlosen Jammers der Armen. Adrian wollte aber dies gerade. Die Hungernden mussten sehen, dass er weder Ohr noch Auge habe für ihre Leiden, so lange sie ihn dazu nötigen wollten. Gehorsam, Unterwerfung, Geduld, Geduld bis zum Hungertode musste er sich bei den Arbeitern erzwingen, eher war sein Sieg kein vollständiger, kein dauernder.
"Sie verzeihen, gnädiger Herr, wenn ich mir noch einen Einwand erlaube," sagte Vollbrecht. "Ich kenne die älteren der Aufgefundenen. Man kann ihnen also ihre Kinder ohne aufsehen still ins Haus schicken."
"Wenn auch, besser ist's immer, sie kommen selbst. Haben sie sich die strapaziöse Mühe gegeben, mitten