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undMartell! – Gewiss, dann würde ich schnell ganz wieder genesen, und Niemand könnte mich mehr anfeinden, denn Aurel fürchte ich nicht. – Und Herta ist ein armes, schwaches, hejahrtes Weib! Sie ist froh, wenn sie ungestört auf den Tod sich vorbereiten kann! – Segne meine Pläne. o Gott, und lass sie mich bald und vollkommen ausführen!"

So sprechend hüllte sich Adrian wieder fester in die weichen Decken und schloss die Augen. Ein zweiter Schrei gleich dem ersten, dessen Wiederhall er nur vernommen hatte, erreichte sein Ohr. Nochmals richtete er sich unter Herzklopfen auf und öffnete weit die matten Augen. Der Sturm peitschte den Schnee an die Fenster, die Fabrikuhr verkündigte die erste Morgenstunde.

"Es wird ein Betrunkener verunglückt sein im Sturmwetter," sagte er sich beruhigend und legte sich zurück in die schwellenden Kissen.

Ein dumpfer unerquicklicher Schlaf fiel auf den armen Reichen. Wir entfernen uns von seinem Lager und begleiten die hungernden Arbeiter auf ihrem traurigen Rückwege in's Dorf.

Die unglückliche Mutter, die Mut genug besessen hatte, ihr verhungertes Kind auf den eigenen Händen bis vor die Tür des Mannes zu tragen, von dem allein so namenloses Elend über Tausende gekommen war, lag jetzt noch ohnmächtig in den Armen der Spinner. Es war ein schlankes, im Anfange der Vierzig stehendes Weib, dessen eingefallene, von Kummer und Nahrungssorgen scharf und eckig gewordenen Züge die Ueberreste ursprünglicher Schönheit doch nicht ganz verwischen konnten. Weiches blondes Haar war in sehr starken Flechten an ihrem Hinterkopfe in einen starken Knoten geschlungen und jetzt von dem grau gewordenen und hin und wieder zerrissenen Regentuche bedeckt. Nur ein paar feine Locken stahlen sich über der Stirn aus der nonnenartigen Umhüllung hervor und fielen, vom Winde bewegt, in verworrenem Gefaser über das marmorkalte Antlitz der Bewusstlosen.

Maja hatte in dieser Nacht ihr zweites Kind, ein Mädchen von sieben Jahren, begraben vor dem Palast des Tyrannen der Armen. Sie besass jetzt nichts mehr, als die Liebe ihres Mannes, der arm wie sie, von der ewigen Arbeit gleich ihr niedergedrückt, weder Zeit uoch Lust hatte, die Gefühle, welche sie einst so ganz beglückten, gegen sie auszusprechen. Das Elend zerstört alles Heilige und Erhabene; es tödtet die Liebe zwar nicht, aber es zieht sie herab in den gemeinen Strudel des Lebens. Im Glück alleinmag diese Behauptung auch noch so oft und eifrig bestritten werdenim Glück allein entfaltet die Wunderblume der Liebe ihren duftenden Kelch, und gewährt denen, die sie finden, in beseligendem Rausch dauerndes Entzükken. Liebe in Not und Mangel schrumpft ein zur dienenden Magd. Ihre Zauber schwinden, die verborgen wohnen im geheimnissvollen Bande; man sieht nur die Fesseln und empfindet ihren Druck. –

An der verschneiten Tür seiner Hütte nahm Simson das halb erstarrte kraftlose Weib auf seine arme, um die Hilfe seiner Begleiter nicht länger anzusprechen.

"Habt Dank, Unglücksgenossen!" sagte er zu den gleich ihm Beraubten und gab Jedem der Reihe nach die Hand. "Unser gemeinsames Gebet in dieser unvergesslichen Nacht wird nicht unerhört bleiben. Gott ist ein gerechter Gott und ein Vater der Armen, wenn es auch bisweilen scheinen will, als habe er uns verlassen. Hoffen wir auf ihn in unserem Drangsal, und der erste Morgensonnenstrahl in diesem schwer begonnenen neuen Jahre wird für uns zur Flamme werden, die aufsteigt vom Altar der Gerechtigkeit! Ein glückseliges neues Jahr!"

Mechanisch, wie es zur Gewohnheit gewordene Sitte mit sich bringt, erwiederten die betrübten, durch unablässige Stösse des Schicksals und die ausgesuchtesten Schmerzen stumpf und fast gleichgiltig gewordenen Arbeiter den angelernten Gruss und verloren sich in den verschneiten todtenstillen Häuserreihen des ärmlichen Dorfes. –

Am Neujahrsmorgen entdeckte einer von den Packknechten beim Wegfegen des Schnees die fünf aufrecht stehenden Kinderleichen. Sein Entsetzen wurde nur noch von dem der übrigen Hausgenossen und Knechte übertroffen, die der Erschrockene mit stammelnder Zunge davon benachrichtigte. Von diesen erfuhr es der Kammerdiener des Grafen, dem es überlassen blieb, seinen kränkelnden Herrn davon zu benachrichtigen.

Wie Alles, was ihn nicht persönlich betraf oder seine Stellung als Grund- und Fabrikherr gefährdete, nahm Adrian auch diese entsetzliche Botschaft mit unglaublicher Gelassenheit auf.

"Wirklich?" sagte er zu dem Kammerdiener, der es sich angelegen sein liess, das Unerhörte möglichst schonend vorzubringen. "Fünf Kinder aufrecht stehend und bis an den Hals verweht hat man heute Morgen vor meiner Tür gefunden? Kennt man sie?"

Während dieser Gegenfrage tauchte er mit Aufmerksamkeit den feinsten weissen Stollen, in der Haide "Christbrod" genannt, in die lieblich duftende starke Chokolade, bis er von dem aromatischen Saft vollkommen durchzogen war.

"Herr Vollbrecht getraut sich, ihre unglücklichen älteren bezeichnen zu können."

"Sehr wohl. Wo hat man die Leichen hingeschafft?"

"Sie liegen im Schuppeneine ganze Hand voll Leichen! Befehlen Sie, dass man die armen Kinder Ihnen zeige?"

"Behüte!" sagte Adrian sehr fein lächelnd. "Ich bin nicht neugierig, und da ich vom Leichenbeschauen wenig verstehe, so überlasse ich die genauere Besichtigung dem Fabrikarzte. Es war unklug von den älteren, die Kinder in so stürmischer Nacht im Freien herumlaufen zu lassen. Wahrscheinlich sollten sie betteln oder stehlen und da hat sie der Finger Gottes berührt."

"Sie scheinen nicht erfroren zu sein," wagte der Kammerdiener schüchtern zu bemerken.

"Nicht? Dann ist wohl gar eine Gewalttat, ein Verbrechen begangen worden?"