guten Jahreszeit die Fähre landete, sammelten sich die vereinzelt aus dem dorf hervorschreitenden Gestalten. Es waren fünf Männer und eine Frau. Vereint traten diese sechs schweigenden Menschen den Weg über den See an, der jetzt mit fussdickem Eise bedeckt war und eine gefahrlose brücke bis zur Felseninsel bildete. Vor dem bald auf- bald abwärts treibenden sandfeinen Schnee konnte man die hohen Gebäude der Fabrik nicht erkennen, nur die zwei braunroten Schornsteine schimmerten wie die hohen Masten eines Kriegsschiffes durch das niederfallende Gewölk. Zuweilen, wenn der Sturm über die Häupter der nächtlichen Wanderer dahin fuhr und fern am schwarzen Wall der Haide verbrauste, liess die Glocke auf der Fabrik schrillende Töne hören, die wie das Wimmern Verunglückter in der Einsamkeit der Nacht erklangen.
Nach mehrmaligem Rasten mitten auf dem öden Schneefelde des See's erreichten die sechs Meister endlich sehr erschöpft und trotz der schneidenden Kälte erhitzt das schützende Ufer der Felseninsel. Sie gingen schnurstracks nach dem modernen Wohnhause des Herrn am Stein. Vor der Tür desselben bildeten sie einen Kreis, traten den angehäuften Schnee etwas nieder und legten dann, ohne ein Wort zu wechseln, die Lasten, welche sie trugen, behutsam so auf die Schwelle nieder, dass sie zur Hälfte sich gegen die Tür anlehnen mussten. Wäre die Nacht nicht so finster, der Schneesturm nicht so überaus heftig gewesen, so würde ein heimlicher Zuschauer die starren Leichen von fünf Kindern erkannt haben! – Sie hatten alle mit dem hinsterbenden Jahre ihre Augen für immer geschlossen; sie waren – arme, schuldlose Opfer der Speculation eines herzlosen Tyrannen – vor Hunger gestorben! Ihre bejammernswerten älteren hatten den furchtbaren Entschluss gefasst, ihrem gemeinsamen Peiniger mit den kleinen Leichen der Geopferten ein Neujahrsgeschenk zu machen. Die bleichen, kalten Lippen ihrer Kinder, aus denen noch jetzt die gelblichen Zähne wie um Brod bittend hervorsahen, sollten dem mann des Goldes ein glückliches Neujahr wünschen.
Als die Leichen mit den Gesichtern nach Osten gewandt an die Tür des reichen Fabrikherrn niedergelegt waren, sprachen die Männer ein Vaterunser, wie über dem grab eben Beerdigter. Nur die Frau, die einzige, welche von allen Müttern der übrigen Verhungerten den Mut gehabt hatte, ihr Kind, ein Mädchen von sieben Jahren, auf diesem Schmerzenswege zu begleiten, brach jetzt in lautes Schluchzen aus. Der Kälte und des tiefen Schnees nicht achtend, stürzte sie nieder auf ihre Knie, umschloss nochmals mit mütterlichem Arm den entschlafenen Liebling und drückte Kuss auf Kuss auf seine kalten Lippen. Bald ging ihr Schluchzen in ein lautes Weinen und Stöhnen über. Ausrufe des Schmerzes, Worte des Zornes und der Verzweiflung, endlich ein erschütterndes Gebet um Erbarmen stieg von ihrem mund zum stürmenden Himmel auf!
Die Männer schwiegen und liessen die arme gewähren. Erst als der Schnee in dichteren Flocken niederfiel, und die Knieende schon mit weissem Todtenschleier zu bedecken begann, hoben sie die unglückliche Mutter auf und trugen die Widerstrebende fort. Der Schmerz erpresste ihr einen gellenden, die Seele zerreissenden Schrei, der selbst im wald noch einmal wiederhallte.
Diesen grellen, zitternden, langsam verklingenden Jammerruf hörte Adrian auf seinem prunkvollen üppigen Lager.
Der reiche Mann hatte geträumt, anfangs von hohem Glück und süssen Genuss, später von minder ergetzlichen Dingen. Die Wirren der letzten Monate sanken in Gestalt eines Knäuels giftiger Schlangen auf seine brennende Stirn und stachen mit tausend spitzen Zungen nach seinem krampfhaft zitternden blutenden Herzen. Zur Vermehrung seiner Qual hatten diese unerbittlichen hungrigen Schlangen menschliche Gesichter, die er alle kannte und die ihn alle mit versteinertem kalten wahnsinnerzeugenden Lächeln starr ansahen! Da war Martell mit dem dunkeln Zornesauge und den schwarzen, gegen ihn sich erhebenden Locken! – Da streckte sein verstorbener Sohn den bleichen kleinen Kopf hinter dem finstern Vater hervor, und bohrte mit fürchterlicher Ausdauer seine blutrote Zungenspitze wie einen glühenden Dolch gerade in die empfindlichste Stelle seines Herzens! Dort schüttelte Lore mit irren Blicken ihr todtenbleiches Haupt und neben, unter, über ihr drängten sich noch hundert Köpfe, die alle näher kamen, alle ihn mit vernichtenden Blicken ansahen! Sie peinigten ihn mit unaussprechlichen Qualen, doch den höchsten Grad der entsetzlichen Folter erreichte sein Leiden, als fern aus dem finstern Hintergrunde in jähem Sprunge eine schillernde Schlange über all' das ihn umschlingende Gewürm gegen ihn heranschnellte. Sie wiegte auf schlankem Halse einen lieblichen Mädchenkopf mit langen blonden Haaren, die triefend niederhingen bis auf ihren schuppigen Schlangenleib. Statt der giftigen stechenden Zunge erblühten die zartesten, farbenduftigsten Blumen auf ihrem mund. die ein Windhauch abbrach und auf das Herz, auf Stirn und Brust des Träumenden niederfallen liess. Jedes Blatt brannte ihn wie ein Tropfen glühenden Schwefels, und je mehr Blumen dem lächelnden mund entblühten und auf ihn niederfielen, desto unerträglicher ward seine Qual. Er stöhnte und wälzte sich convulsivisch auf seinem Lager; er wehrte sich mit beiden Händen gegen die niederflatternden Blumen, aber sie brannten in brillantenen Flammen durch sie hindurch und stürzten mit vergrösserter Intensität auf seinen gemarterten Körper. Da entrang sich ein Angstschrei der gefolterten Seele und Adrian erwachte! – Fiebernd, in kaltem Schweiss gebadet, erhob er sich auf dem Lager, dem wimmernd verhallenden Tone lauschend, der von der Haide herüberschallte und an den gefrorenen Fenstern auszitterte.
"Gott Lob," sagte er tief aufatmend, "es war em Traum! – Aber ich werde nicht mehr schlafen dürfen, denn immer häufiger wiederholen sich diese grässlichen Träume. Das macht mein krankes Blut, meine Aufregung bei Tage, die vielen Verdriesslichkeiten, die mich verstimmen! – Wäre nur dieser Prozess zu Ende oder die Alten tot