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weniger im Winter! Man muss lange vertraut sein mit jenen endlosen Haiden, um nicht umzukommen in Sumpf und Moorbruch. Nimmst Du mich an zum Führer?"

"Du kannst mir nichts nützen. Hast ja gehört, dass meine Reise ein geheimnis bleiben soll! Dein Gesicht ist gar zu interessant. Wer's einmal gesehen hat, kann's nie mehr vergessen!"

"Ich bin bekannt in jenen Gegenden und mich sehnt's, sie wieder einmal zu betreten. Hier geht's ohnehin mit mir zu Ende. Also, Hans, sei klug –"

"Unter einer Bedingung."

"Sprich!"

"Du wirst mein Knecht und trittst in meine Dienste."

"Bin dabei, topp!"

"Die Kasse führ' ich ganz allein."

"Wenn Du für mich zahlst, was ich brauche, mir gleich."

"Alles was zum Leben gehört."

"Grog so viel ich willAbends Beefsteaküberhaupt gutes Essen. – und ein Taschengeld zu Geschenken für hübsche Dirnengelt?"

"Für den ersten Kuss, den ein Mädel Dir gibt, zahle ich hundert Mark, bei meinen Sünden!"

Klütken-Hannes reichte dem Gauner lachend die Hand über den Tisch und der Pact war geschlossen.

"Wenn brechen wir auf?" fragte Blutrüssel. "Ich gestehe Dir, dass ich aus verschiedenen Gründen Eile habe. Ich halte mich nicht mehr für ganz sicher, seit mir die Mohrentaverne den Schimpf angetan hat, mich eines unfreiwillig gemachten Darlehns wegen vor die Tür zu setzen."

"In drei, vier Tagen. Bis dahin wird mein Trödel verkauft sein und dann bin ich ein freier Mann."

"Das wäre demnach in Ordnung. Nun geht mir aber noch ein Gedanke im kopf herum, der uns Vorsicht empfiehlt."

"Was Gedanke! Sind wir nicht unabhängige reiche Leute? Wer Geld hat, braucht nicht zu denken. Lass uns trinken und lustig sein! Auf das Wohl des unbekannten grossmütigen Wohltäters und auf das Gelingen des Geschäftes, zu dessen Vollführung man mich hundert Meilen weit verschreibt!"

Blutrüssel trank sein Glas aus bis auf die Nagel

probe. Mit lallender Zunge knüpfte er das Gespräch wieder an.

"Alles vortrefflich," sagte er, "aber meinen Gedan

ken lass' ich nur desshalb nicht nehmen! Du hast den Herrn nicht gekannt, der Dir Dein Kind abkaufte. Wenn's nun ein Schuft war, ein Spion? He!"

"Hol' ihn der Teufel oder die Cholera!"

"An den Galgen kann er Dich bringen, ich kenne

das!"

"Geld hilft von Galgen und Rad; undich glaube

nicht dran."

"Für Dolch und Pistolen, alter Molch, lass Dich's

nicht gereuen, viel Geld auszugeben!"

"Du hast mehr Kenntniss davon, sorge Du also

dafür. Hier ist Geld!"

Klütken-Hannes warf sechs Louisdor auf den

Tisch, die Blutrüssel mit zufriedener Miene einsteckte.

"Und ist das Geschäft abgetan," sagte der Tröd

ler, "und es gefällt uns nicht mehr in der Haide, so kehren wir wieder hierher zurück oder gehen in die weite Welt oder –"

"Gründen eine famose Wirtschaft," schloss Blut

rüssel.

"Mit einem Schilde, drauf in ellenlangen Buchstaben geschrieben stehtna was denn?"

"Zum goldenen Wallfisch!" schrie der Gauner.

"Pfui! Verbrauchte Phrasen! – Nein, 'was ganz Neues, 'was Unerhörtes muss drauf gemalt sein, das zugleich verlockt und entsetzt und den Gästen die Haare zu Berge treibt."

"Zum Höllenpfuhl!" grinste Blutrüssel schwankend.

"Zur Rache! klingt besser," lachte Klütken-Hannes.

"Meinetalb auch. Aufs Gedeihen der neuen Sündenwirtschaft: Zur Rache!"

Die beiden verlorenen Söhne der Welt wiederholten, immerfort trinkend, wohl hundertmal diese Worte, bis sie in völlige Bewusstlosigkeit versanken. Als sie mit gläsernen stieren Blicken in dumpfen Schlaf fielen, rauschten wieder die Accorde des Glokkenspieles über Stadt und Strom und verkündeten den noch wachen Bewohnern Hamburgs den Beginn des neuen Jahres.

Sechstes Kapitel.

Neujahrsgeschenke.

Auf den Fittichen des Windes, der die melancholischen Melodien der Glocken Hamburgs nach allen Himmelsgegenden verwehte, enteilen wir abermals in die Haide. Noch ist es tiefe finstere, kalte Nacht, aber der vor Mitternacht klar gestirnte Himmel hat sich über diesen unermesslichen Wäldern jetzt mit schweren grauen Wolken bedeckt. Auf den fernen dunkleren Schichten der Haide liegt es wie Nebel, der rasch sich verdichtet und gleich einem weissgrauen Mantel von ungeheurer Ausdehnung über die Gegend fortrollt. Ein Schneesturm zieht herauf von Norden und durchrast mit namenloser Wut die Haiden.

Im Spinnerdorfe am See hatten viele Bewohner das neue Jahr unter Seufzern und Tränen erwartet. Es erschien, die erste Stunde dieses Jahres verging, aber das Geschick der Armen blieb dasselbe trostlose, verzweiflungsvolle.

Wir wollen unsere Leser nicht in die Hütten dieser Unglücklichen führen, nur eine Scene wollen wir schildern, die in jener Nacht sich dort zutrug.

Bald nach Mitternacht waren die ersten Zeichen des nahenden Schneesturmes wahrgenommen worden. Dennoch sah man um diese Stunde mehrere Bewohner des Dorfes ihre baufälligen Hütten verlassen und dem See zueilen. Sie trugen alle etwas auf ihren Armen, das, in Lumpen gehüllt oder mit einem Mantelfetzen umwickelt, in den Wirbeln des rieselnden Schnees sich nicht erkennen liess. Am Ufer des Sees, da, wo in der