Freund der Maulwurffänger. Beide gingen so gekleidet, wie wir sie bereits kennen, nur hatte Sloboda auf Anraten seines Freundes den schmalen Lederriemen, den er für gewöhnlich um Stirn und Haar schlang, abgelegt, um durch ihn nicht Anlass zu Vermutungen zu geben, die er jetzt noch nicht hervorgerufen wissen wollte.
Adrian empfing die beiden alten Männer mit kühler Höflichkeit, indem er nach ihrem Begehr fragte. Sloboda antwortete darauf, er komme aus dem inneren Littauens, um die Fortschritte der Industrie in Deutschland und namentlich die ausserordentlichen Verbesserungen hinsichtlich der Maschinenspinnerei, die bei ihnen noch nirgends eingeführt sei, kennen zu lernen. Er selbst sei von Geburt Deutscher, habe sich von jeher mit dem Manufactur- und Fabrikwesen beschäftigt, und gehe damit um, die grosse Wohltat der Maschinenspinnerei auch seinen jetzigen neuen Landsleuten wo möglich zu teil werden zu lassen. Diese ohne Schüchternheit und Zurückhaltung gegebene Erklärung ihres Besuches ererregte kein Misstrauen in Adrian, sie machte ihn eher etwas freundlicher, da er sich für Russland interessirte, und während er die beiden Männer ihm zu folgen einlud, stellte er manche Frage an den Wenden über die gegenwärtige Lage Polens nach dessen Unterjochung durch die Russen, über die dortigen Aussichten für Industrie und dergleichen, die Sloboda bereitwillig und zu seiner Zufriedenheit beantwortete.
Dabei hatten sie den sich krümmenden Felsenweg zu den Fabrikgebäuden erstiegen und das alte, vollkommen erhaltene Eingangstor des ehemaligen Grafenschlosses erreicht. Sloboda blieb stehen und betrachtete aufmerksam die gotischen Steinschnörkel und das colossale Wappenschild, von zwei Löwen gehalten, in deren geöffneten Rachen Sperlinge ihre Nester gebaut hatten.
"Es fällt Ihnen gewiss auf," sagte Adrian, "dass Sie über dem Eingangstore einer Spinnfabrik ein gräfliches Wappen von uralter Herkunft erblicken. Andere zeiten, andere Sitten, meine Herren, könnte man hier sagen! Ehemals stand hier ein stattliches Feudalschloss, deren Besitzer mächtige Herren waren und sich rühmen durften, es an Reichtum jedem Fürsten gleich zu tun. Unglückliche Ereignisse, Stürme der Zeit, die Niemand voraussehen, Niemand abwenden kann, brachen die festen Mauern auch dieses Schlosses, und damit wenigstens sein unzerstörbar fester Grund etwas nütze, ward vor mehreren Jahren auf die Trümmer der alten Burg die Fabrik erbaut, die besser, als die früheren Bewohner des Schlosses, wasser, Wald und Sumpf, welche sie rings umgeben, sich auf nutzbare Weise zinsbar zu machen versteht."
"So etwas kommt häufig vor in unsern Tagen," versetzte der Maulwurffänger. "Es scheint überhaupt die Aufgabe der neuen Zeit zu sein, alle Ungleichheiten, an denen die Vergangenheit krankte, nach und nach auszugleichen und dadurch gewissermassen die Verbrechen der geschichte bessernd zu bestrafen."
"Nicht übel!" meinte Adrian. "Ihr macht demnach die Zeit zum Zuchtmeister, was sie freilich von jeher gewesen ist, nur dass sie jetzt ihre strafende Hand gegen andere Personen und Geschlechter erhebt, wie früher."
"Das ist eine sehr weise Einrichtung, Herr am Stein," bemerkte Sloboda, der bisher unverwandt das steinerne Wappen betrachtet hatte. "Ist die Familie ausgestorben, die früher hier herrschte?"
"Noch nicht, mein Herr!"
"Aber vermutlich ward sie arm durch die Kriegsunruhen?"
"Auch das nicht, Gott Lob! Sie befindet sich vielmehr in den besten Verhältnissen ist noch mächtig, wie in den zeiten ihres grössten Glanzes, nur in zeitgemässiger Umgestaltung, und sie hofft, noch lange zu blühen und zu herrschen."
"Sie waren bekannt mit ihr?"
"Sehr genau, mein Herr! Doch beliebt es Ihnen nicht, einzutreten?"
"Mich dünkt, auch ich kannte die Herren dieser Burg," sagte Sloboda nachdenkend, indem er unter dem Tore hinweg in den geräumigen Hof schritt, den jetzt die unermesslich hohen Fabrikgebäude umgaben.
"Wie?" sagte Adrian. "Sie kannten die Herren dieser Inselburg? Das muss wohl ein Irrtum sein!"
"Ich will es nicht bestimmt behaupten, nur so viel unterliegt keinem Zweifel, dass jenes Wappen Zier und Helmschmuck der Grafen von Boberstein entält. O, die Grafen von Boberstein, gottseligen Angedenkens, wer, der sie kannte, möchte sie und ihr Schild je vergessen!"
"Ganz recht, es ist das Wappen der Grafen von Boberstein," sagte der Maulwurffänger trocken, "und das hier war ehedem gräflich Boberstein'scher Grund und Boden."
Adrian wechselte die Farbe. Es ärgerte ihn sichtlich, dass der alte Mann im Bauerkittel so entschieden sein Eigentum als ihm nicht mehr gehörig betrachtete, er hielt jedoch an sich, und als hätte er die Bemerkung des Maulwurffängers nicht gehört, wendete er sich gleichgiltig fragend an den Wenden.
"Standen Sie in so naher Verbindung mit den Grafen von Boberstein?"
"In sehr naher Verbindung! Doch das ist schon lange her, fast ein halbes Jahrhundert!"
Adrian schwieg und führte die Besuchenden quer über den fünfeckigen Hof nach einer schmalen Tür, deren rotbraune Sandsteinumkleidung und spitze Bogenwölbung ihr hohes Alter verriet. über dieser Tür in einem Stück alten Gemäuers, auf welchem der leichtere schlanke Neubau der Fabrik ruhte, sah man abermals das gräflich Boberstein'sche Wappen. Wenige Schritte links im stumpfen Winkel der hier zusammenstossenden Gebäude erhob sich einer der beiden turmhohen Schornsteine und die unmittelbare Nähe der Maschinenkammer, die in einer Abteilung des ehemaligen Erdgeschosses von der Burg angelegt war, erfüllte die Luft mit dumpfem Rauschen und machte ringsum den Felsengrund leis erbeben. Aus dem inneren scholl das Klirren, Schrillen, Sausen,