1845_Willkomm_143_219.txt

tanzt und schwelgt, ihr reiches Lumpengesindelmich ficht das nicht an! In vier Wochen tu' ichs Euch Allen zuvor, bade mich in Burgunder, spüle mir den Mund mit Champagner aus und esse nie unter sechs Gerichten! Heidi, das soll ein Leben geben, wie ehedem zu Babel, als die Narren anfingen den grossen Turm zu bauen! – Sardanapal soll ein Hundejunge sein mit seinen Schwelgereien und verprassten Nächten gegen das Leben, das ich führen werde! – Ho, ho! hab ich doch Geld, Geld die Hülle und Fülle!"

Und johlend schlug der Trödler an seine tasche, dass die blanken Gold- und Silberstücken zusammenklirrten und sein gemeines Ohr mit dieser lieblichen Musik ergetztenDann sang er wieder:

"Ich hab' mein sache' auf nichts gestellt,

Juchhe!"

unterbrach sich aber sogleich und stimmte dafür den ihm geläufigeren Gassenhauer an:

"Ich bin liederlich, Du bist liederlich etc."

den er auch glücklich zu Ende brachte.

Ohne Murren bezahlte Klütken-Hannes den teuern Torschilling, was er für gewöhnlich nicht zu tun pflegte, und taumelte dann, des eisigen Nordostwindes nicht achtend, dem bekannten Tavernenlabyrint zu. Schon aus ziemlicher Ferne vernahm man das lärmende Toben und dumpfe Brüllen der Tausende, die Verwilderung sich wälzend, das neue Jahr mit dem alten vermählten. Dem Trödler waren diese vertrauten Töne Genuss. Er musste sich Gewalt antun, um nicht von ihnen verführt, in eine jener besuchten Tanz- und Trunkhallen gelockt zu werden, mit denen wir früher unsere Leser bekannt zu machen suchten. Mit einiger Ueberwindung gelang es ihm, sie ungefährdet zu passiren. Er ging nun abwärts dem Strande der Elbe entgegen und erreichte unweit des Altonaer Hafens ein schlecht gebautes Häuschen. An die wackelige Tür desselben donnerte er mit seinen gewaltigen warzenbedeckten Händen, dass nicht bloss die Fenster, sondern selbst das Balkenwerk zitterte. Sogleich liess sich im inneren des Häuschens ein heiseres Grunzen hören mit einzelnen Flüchen und pfeifendem lachen gemischt. Schlürfende Schritte näherten sich der Tür und eine tappende Hand schob den Riegel zurück. Im Scheine einer flackernd brennenden Lampe grinste dem Trödler das unbeschreiblich abschreckende, in teuflischem lachen die spitzen langen Zähne fletschende Gaunergesicht Blutrüssels entgegen.

"Da bin ich," sagte Klütken-Hannes. "Teufel noch 'mal, beisst heute die Luft! Ich glaube, Du hast gegen eine Bowle guten Punsch dem verfluchten Windmacher Deine Zähne versetzt, alte Seele!"

Blutrüssel belachte den rohen Scherz seines Freundes und führte ihn in ein geheiztes Zimmer. Vor dem rotglühenden eisernen Ofen stand ein Kohlenbecken und über diesem schwebte in gehöriger Entfernung ein kupfernes kesselartiges bauchiges Gefäss an einer eisernen Stange. Das Gefäss war bedeckt, aber der brodelnde Dampf, der zischend und singend aus dem schadhaften Deckel hervordrang, verriet dem Trödler durch sein einladendes Duften, dass er hier finden sollte, was er suchte.

Blutrüssel schob sofort geschäftig zwei hohe Gläser auf den Tisch, der am Ofen gegenüber an der Ziegelwand stand, hob den Kessel herab und stellte ihn neben die Gläser. Dann langte er einen verzinnt gewesenen bleiernen Vorlegelöffel aus dem Tischkasten, hob den Deckel der heissen Terrine damit ab und schenkte die Gläser voll.

"Stoss' an, borstige Kellerratte!" rief er dem Trödler zu und hob das dampfende Glas. "Dem weisses Püppchen soll leben! Es ist, glaube' ich, heute ihr Geburtstag; mög' es auch der Entstehungstag oder vielmehr die Nacht eines Dinges sein, das ihr 'mal gleich wird, der blanken Hexe!"

Und der rüde Mensch belachte seinen unzarten Witz so anhaltend, dass er gar nicht mehr zu sich kommen konnte und das heisse scharfe Getränk ihn fast erstickt hätte. –

Klütken-Hannes stiess auf diesen Toast zwar an, mit grossem Beifall nahm er ihn aber nicht auf. Er runzelte drohend die Stirn, drückte seine geröteten stechenden Augen halb zu, dass nur die funkelnden Pupillen sichtbar blieben, und erwiderte:

"eigentlich ist das eine beleidigende Gesundheit, mordverbrannte Seele; denn sie heisst mein schmuckes Mädel im Gedanken zur –"

"Still!" fiel Blutrüssel ein. "Was es heisst, wenn ich einen Witz mache, das brauchst Du mir nicht auf der Tafel zu erklären! Dem Scharfsinn wie Dein Gedächtniss haben gelitten im Zugwinde, sonst würdest Du Dich erinnern, dass es immer Dein Wunsch war, das schlanke Kind einem oder einigen Männern an den Hals zu werfen, wenn sich jeder Kuss, den sie ihm gäben, mit einen Goldfuchs bezahlt machte. Und ich fand, guter Junge, dass Du damals als ein vernünftiger Mann und ein weiser Vater dachtest. – Und hast Du etwa nicht genau nach meinen Anleitungen gehandelt, Griesgram? Oder meinst Du, solch ein grossmäuliger Laffe, wie Jener es war, der Dir den schönen Nichtsnutz für ein hübsches Stück Geld abkaufte, hätte das getan aus purer dummer Menschenliebe und werde sich das warme lebendige Püppchen bloss so zum Augenverdrehen in einen Glasschrank setzen? Wär' er so dumm, bei meinen Sünden, dann wollt' ich, seine Mutter wär' als alte Jungfer gestorben!"

"Keinen Groll deswegen! Weiss ich doch, wie Du's meinst. Deine Kralle her, verwitterter Graukopf, und Freundschaft für heute' und immer!"

Blutrüssel schlug ein. Die Gläser wurden aufs neue gefüllt und fast eben so schnell wieder gelehrt.

"Weisst Du, dass ich noch nie ein Jahr so sorgenlos beschlossen habe?" sagte Klütken