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" versetzte lächelnd der abenteuerlustige Gilbert. "Da es ganz den Anschein hat, als sollten wir hier noch lange vor Anker liegen, so wollte ich bloss einen Versuch machen, um nicht ganz aus der Uebung zu kommen, Herr Kapitän. Die beiden schönen Prisen, die sich spät Abends am Horizont zeigten forderten mich dazu auf, und wie ich mit Vergnügen gewahre, sind Sie mir mit gutem Beispiele bereits vorangegangen." Der kecke Matrose wollte an seinem Gebieter vorüberschlüpfen, Aurel erfasste aber sein Ohrläppchen, und indem er dies tüchtig schüttelte und so heftig presste, dass der nächtliche Kreuzer einige sehr unharmonische Laute von sich gab, sagte er gelassen: "In Hamburg oder London, mein Junge, würde ich Deinen Eroberungszug belachen, hier aber muss ich Dich ernstlich bedeuten, für künftig jeden Gedanken daran aufzugeben, wenn Du mich ferner noch zum Freunde haben willst. Die beiden Prisen habe ich in's Schlepptau genommen! – Gute Nacht!"

Gilbert rieb sich sein blau und braun gedrücktes Ohr und murmelte etwas von unglücklichem Philisterleben. Dann suchte er geräuschlos seine kammer.

Fünftes Kapitel.

Zwei Kinder des Lasters.

Wir überspringen einige Tage, in denen nichts Merkwürdiges vorfiel, und bitten den Leser, uns auf kurze Zeit nach Hamburg zu begleiten.

Es ist Silvesterabend. Auf allen Strassen erschallt gedämpfte Musik. Die langen Reihen der reichen Kaufmannshäuser mit ihren glänzenden polirten Spiegelscheiben schimmern von tausend Lichtern und werfen ihren strahlenden Widerschein auf die weissgetünchten Wände oder die mit Schnee bedeckten Dächer der gegenüberstehenden Häuser. Die hüpfenden Schatten, die schnell vorüberschweben an den leisbewegten Gardinen, verraten den jubelnden Frohsinn, das lachende Glück, den sichern Uebermut der Versammelten, die kaum die Stunde erwarten können, deren dumpfe Glockentöne über das Grab eines versinkenden Jahres den Segen läuten und ein neues mit unverstandenem Gruss über die Schwelle der Zeit geleiten. Noch wimmeln die breiten Strassen von geschäftigen, schauenden oder auf verbotenen Erwerb ausgehenden Menschen; denn der Winter hat streng begonnen, das Leben ist teuer und der Verdienst karg! Und die Jugend will geniessen, will fröhlich sein mit den Fröhlichen, ausschweifend mit den Ausschweifenden! – Seit langer Zeit hüpften nicht so viele geschmückte, lächelnde Kinder der Sünde durch Hamburgs Strassen, wie an diesem sternenhellen, eiskalten Sylvesterabende.

Die Glocken von den Haupttürmen verkündeten die eilfte Stunde der Nacht. Die beiden Glockenspiele auf St. Nicolai und St. Petri sangen weitschallend über Stadt und Strom und Land ihre ernsten, mahnenden Choräle. Aber Niemand von den Bewohnern Hamburgs achtete auf die ehernen Stimmen, die wie ein Chor vorüberschwebender Geister aus dem Himmel herabklangen. Die Reichen tanzten, jubelten und schwelgten in den Prunkgemächern ihrer Paläste, die Armen hungerten, weinten, beteten oder fluchten in feuchten Spelunken tief unter der Erde oder in versteckten, von keinem reinigenden Luftauch wohltätig berührten Kammern. Sie konnten das Abschiedslied der dumpfen Glocken nicht hören. Sie vernahmen nur den Groll ihres gefolterten Herzens und den Verzweiflungsschrei, der wie Schakalsgeheul in der trostleeren Wüste ihrer ausgebrannten Seele verhallte.

Mit den letzten Accorden der schrillend auszitternden Töne des Glockenspiels trat Klütken Hannes aus seinem Keller, hob die trüb brennende Lampe von dem halbverfaulten Eichpfahle, auf dem sie befestigt war, um spät Vorübergehenden den Eingang in die dunstige Höhle zu zeigen, und schloss mit doppeltem Riegel die mit dem schlechten Pflaster in gleicher Höhe angebrachte, aus zwei gleichen Bretern von starkem Fichtenholz bestehende Tür. Dann löschte er die Lampe aus, stellte sie in eine Vertiefung der zerbröckelnden Ziegelwand und schlurrte mit schweren Schritten durch den engen gang, der jetzt mit beinahe fusshohem Schnee und Eise bedeckt und hie und da von grossen Löchern, die man durch Ausschütten von Spühlicht in den Schnee gegossen hatte, in eine halsbrecherische Strasse verwandelt worden war.

Gewöhnt an solche Fährlichkeiten, hinderten sie Klütken-Hannes nicht im geringsten. Zwar stolperte der schon längst nicht mehr ganz nüchterne Trödler häufig, immer aber wusste er mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit im Gleichgewicht zu bleiben. Um den fatalen kalten Wind, der mit schneidender Schärfe sein bläulich-rotes Gesicht traf, zu verscheuchen, stimmte er ein lustiges Lied an, das er überlaut vor sich hinkrähte. Das erwärmte ihn etwas und ernüchterte zugleich auch seine von häufigem Genuss des schlechtesten Branntweins befangenen Sinne.

Auf den gangbaren Strassen schritt Klütken-Hannes rascher aus. Er hatte noch einen weiten Weg zurückzulegen bis auf den Hamburger Berg. Dortin hatte ihn ein Freund beschieden, um unter gemeinschaftlichem Gespräch bei voller Flasche das alte Jahr in glückseliger Vergessenheit zu beschliessen, das neue in wüstem Taumel anzutreten. Solche Einladungen schlug der herabgekommene Trödler niemals aus, er wünschte vielmehr, dass sie sich alle Tage wiederholen möchten, denn ohne berauschenden Trunk, ohne Spiel und rohen Scherz beschlich ihn eine so unbehagliche Stimmung, dass er Furcht vor sich selbst empfand.

heute jedoch war er überaus lustig und zu den tollsten Unternehmungen aufgeregt. Er hatte Geld, viel Geld, er konnte mitin spielen, im Spiele wagen und noch mehr gewinnen, und überdies schwindelten ihm die exaltirtesten Gedanken durch sein erhitztes Gehirn und ein Bild der glänzendsten Zukunft hob sich gleich einem Feenpalast aus dem brodelnden Sumpf seiner verpesteten Einbildungskraft.

Bald eine Strophe seines wüsten Liedes singend, bald hellauf lachend, hob er von Zeit zu Zeit den trüben blick zu den glänzenden Häusern empor, aus deren geschmückten Sälen die sanften oder rauschenden Weisen heiterer Tänze erklangen.

"Ha, ha, ha!" rief Klütken-Hannes verächtlich lachend und drohte mit geballter Faust hinauf nach den verhüllten Spiegelfenstern. "Immer