" erwiderte Elwire. "Haben Sie nicht mehr als ich je erwarten durfte, getan, um mein Vertrauen zu Ihnen zu rechtfertigen?"
"Ich danke Ihnen, holdes Kind! Aber Ihr Vater? Lebt er noch? Sahen Sie ihn wieder?"
"Es war Ihr Wunsch, Herr Kapitän, die Wege sorgfältig zu vermeiden, die mich ihm wieder zuführen könnten. Ach und mein eigenes Herz warnte mich vor ihm!"
Elwire schauderte, dass Aurel das Erbeben ihrer schönen Glieder durch die wallenden Falten ihres weissen Nachtgewandes bemerken konnte.
"Aber er lebt?"
"Er lebt!" hauchte das bewegte Mädchen und Tränen des bittersten Schmerzes perlten an ihren langen dunkeln Wimpern. "Er lebt – entsetzlich, entwürdigend, wie seit Jahren!" setzte sie schluchzend hinzu.
"Sie erhielten also Nachricht von ihm und seinem Tun?"
"O, ich sah ihn, ohne dass ich es wollte, ohne dass er selbst es ahnte! Inmitten eines Trosses trunkener Matrosen begegnete ich ihm auf einer Fahrt nach Altona. Ich vernahm sein trunkenes Geheul, womit er den Gesang seiner Genossen begleitete; ich sah das Drohen seiner geballten Fäuste, die er gegen Himmel hob; ich erbebte vor seinem heisern lachen, vor seinen Flüchen! O ich war sehr, unaussprechlich unglücklich!"
"Kannten Sie den Armen nie anders?"
"Doch, Herr Kapitän! Als kleines Mädchen, erinnere ich mich, schaukelte er mich kosend auf seinen Knieen. Damals lebte die Mutter noch, obwobl sie schon sehr krank und hinfällig war. Wir wohnten noch nicht in einem Keller, sondern in luftigen, kleinen, aber hübschen Zimmern. Aus den Fenstern konnten wir den breiten Strom mit den weissbeschwingten zahllosen Schiffen überblicken. Abends weidete ich mein Auge an dem Glänzen und Schimmern der Flut und zählte die Sterne, die mit den schäumenden Wogen bald kamen, bald gingen. Der Vater war damals immer fleissig, fröhlich und guten Muts. Er ging früh aus und kam meist erst Nachmittags wieder. Dann klimperte er mit vielen blanken Silberstücken und liess es geschehen, dass ich mit meinen kleinen Händen gierig darnach griff und sie lachend im Zimmer herumkollerte. Er trieb Mäklergeschäfte und nährte sich gut. Da starb die Mutter. Zur Erhaltung des Hausstandes bedurfte der Vater einer Wirtschafterin, die zugleich auch mich beaufsichtigte. Seine Wahl war keine glückliche. Die stämmige, eigennützige, herrschsüchtige und betrügerische Dirne behandelte mich hart und lieblos, wusste sich aber mit abgefeimter Schlauheit bei dem Vater einzuschmeicheln und mich, wenn ich über sie klagte, als ein kleines ungezogenes und höchst verläumderisches Wesen zu schildern. Anfangs strafte mich der Vater bloss durch missbilligende Blicke, später aber, als sich meine Klagen und mitin auch die Verläumdung unserer Haustyrannin wiederholten, erhielt ich viele und harte Schläge. Inzwischen hatte sich die betrügerische person ganz des Vaters zu bemächtigen gewusst. Sie plünderte ihn metodisch, was zur Folge hatte, dass Klütken, als er den Krebsgang seines Geschäftes vor Augen sah, immer nachlässiger, liebloser und unordentlicher wurde, die Gesellschaft lustiger Brüder suchte und bald in wüstem Leben mehr und mehr unterging. Dadurch verlor er nicht nur seine früheren gönner und Freunde, er geriet auch in manche ärgerliche Händel, die seinen Credit gänzlich untergruben. Um nur leben zu können, legte er mit Hilfe eines Menschen, den ich zu allem Bösen fähig hielt, einen Trödelkram an, mietete den Keller, welchen Sie kennen, und es begann nun jenes Leben, aus dem mich Ihr menschenfreundlicher Sinn grossmütig rettete!"
Elwire drückte hier die Hand des Kapitäns leidenschaftlich und musste offenbar mit sich kämpfen, um sie nicht in überwallendem Gefühl aufrichtigen Dankes an ihre feuchten Lippen zu führen.
"Erinnern Sie sich noch jenes gefährten Ihres Vaters?" fragte Aurel.
"Leider werde ich ihn nie vergessen können! Zwar kam er nur selten zu uns und immer nur dann, wenn er dem Vater heimliche Mitteilungen zu machen hatte, die sich wohl meistenteils auf den Trödel und etwaige vorteilhafte Einkäufe beziehen mochten. Ich ging, wenn es irgend möglich war, dem Verhassten stets aus dem Wege, denn ich ahnte und wusste, dass er Abscheuliches mit mir beabsichtigte und dem leicht zu überredenden Vater deshalb beständig in den Ohren lag. Seinen Namen kennen Sie."
"Blutrüssel?" sagte Aurel.
Elwire bejahte durch stilles Kopfnicken.
"Lernte Klütken diesen Unhold erst nach dem tod Ihrer Mutter kennen?"
"Gesehen und oberflächlich mit ihm verkehrt musste er schon früher haben," versetzte Elwire. "Manche Aeusserung in ihren Gesprächen liess mich dies vermuten; zu einem vertrauten und häufigen Umgange konnte es aber nicht kommen, da Blutrüssel zu jener Zeit nicht in Hamburg oder dessen Umgegend lebte."
"Stammte Klütken aus Hamburg?" fiel Aurel rasch fragend ein.
"Nein, Herr Kapitän! Wie so viele, die später in der grossen reichen Handelsstadt ihr Glück machten, war er als zwölfjähriger Knabe in zerrissenen Kleidern und halb verhungert nach Hamburg gekommen. Sein freundliches Wesen erweckte das Mitleid eines wohlhabenden Handelsherrn. Er nahm ihn als Laufburschen an und nannte ihn, da er bloss seinen Taufnamen Johannes wusste, nach dem Besitzer des Hauses, vor dessen Schwelle er ihn in stürmischer Herbstnacht wimmernd und frierend fand. Seine älteren hatte Johannes nicht gekannt. Er schien überhaupt ein sehr ruheloses Herumstreicherleben geführt zu haben und bald von Diesem, bald von Jenem aus Barmherzigkeit eine Zeit lang mit durchgeschleppt worden zu sein. Ehe sein Hamburger Wohltäter ihn fand