1845_Willkomm_143_215.txt

sie eine stille Träne, die unwillkürlich ihr ins Auge trat.

Die unerwarteten Ankömmlinge fanden die herzlichste Aufnahme in dem versammelten Kreise; nur der Schulmeister, dessen Mitkommen man sich anfangs nicht erklären konnte, verursachte einige staunende Gesichter. Am längsten ward das seines Bruders. Dieser war auch der einzige, der seine Verwunderung in Worte kleidete und kurzab fragte, wo Gregor ein paar so schöne wie aus dem Ei geschälte Mädchen im Schnee aufgelesen habe?

"natürlich," versetzte der Schulmeister, indem er seine steifen Gliedmassen mit nicht geringer Gravität auf den weich gepolsterten Sessel niedersinken liess, den Gilbert ihm mit komischer Ehrerbietung zutrug. "natürlich! die gnädigen Fräuleins bedurften eines verlässlichen Wegweisers."

Und nun erzählte der alte seelengute Mann in seiner barocken Manier, mit unzähliger Wiederholung seines Lieblingswortes, dass die einsamen Reisenden in der Nähe seiner wohnung umgeworfen und die Deichsel zerbrochen hätten; dass er beispringend Hilfe geleistet und auf Anfrage des Kutschers, der nicht aus der Gegend gewesen, nach dem geradesten und sichersten Weg zum Zeiselhofe aus Menschenliebe und sonderbarer ZuneigungGregor liebte die altertümlichen und veralteten Sprachwendungen über Allessich freiwillig zum Geleitsmann angeboten habe.

Die "Fräuleins" wären darüber sehr erfreut gewesen, was ihm "ganz natur" scheine, und so befinde er sich denn unter so hochgeborenen Herren und Damen, wie ein Fink unter Paradiesvögeln, was jedoch seiner Meinung nach nichts Befremdliches haben könne, wenn man Veranlassung und Absicht näher betrachten wolle!

Der Maulwurffänger lachte herzinnig über den steifen Pedanten und unternahm es, ihn bei Aurel zu entschuldigen. Doch hätte es dessen nicht bedurft. Gregor ward als eine Art alter Vertrauter in dem kleinen Kreise aufgenommen und willkommen geheissen, und fühlte sich hoch beglückt, als ihm Herta die Hand reichte und sich dem jetzt alten mann als das ehemalige fräulein von Burg Boberstein vorstellte. Der gute Alte erschrak darüber dermassen, dass ihm buchstäblich der Mund offen stehen blieb und keinerlei Antwort über seine Lippen kam. Er begnügte sich, ein paar tiefe Atemzüge stöhnend von sich zu blasen, schob dann seine Rockschösse zurück, legte beide hände auf den Knopf seines langen Stockes und blieb kerzengerade, die lächelnden halbgeschlossenen Augen unverwandt auf die gealterte vornehme Dame gerichtet, vor ihr sitzen.

Zu sehr beschäftigt mit den Offenbarungen Herta's, wollte es Aurel nicht recht gelingen, den heitern, unbefangenen Umgangston wiederzufinden, der ihm doch von natur so eigen war und ihn so liebenswürdig machte. Häufig vergass er, auf die Antworten zu hören, die seine fragen hervorriefen, und so kam eine Art Missstimmung in die Gesellschaft, die sich Niemand recht erklären konnte und die doch Jedem schüchterne Zurückhaltung wider Willen zur Pflicht machte. Alle fühlten sich erst wieder frei und ungezwungen, als man sich trennte.

Aber auch auf seinem Zimmer fand Aurel keine Ruhe. Er musste immer wieder an den ermordeten Vater Herta's, an den verschwundenen Johannes denken, und wie sehr sich sein Wille auch dagegen sträubte, in seinem ahnenden Herzen vernahm er Laute, die ihn erschütterten und an die er doch schaudernd glauben musste. Nach einigem Schwanken entschloss er sich zu einem ungewöhnlichen Schritte, den er jedoch in seiner Lage rechtfertigen zu können glaubte. Er ergriff das Licht, schritt geräuschlos den Corridor entlang und klopfte an das Zimmer Elwirens. Ein sanftes "Herein" von den Lippen des achtlosen Mädchens, die eine Dienerin erwarten mochte, ermutigte ihn und verhiess ihm Glück. Er fand beide Mädchen vor dem Trumeau, beschäftigt, sich die vollen Locken ihrer schönen Haare aufzuwickeln. Errötend schraken sie auf beim Eintritt des Grafen.

"Tausend Pardons!" sagte Aurel mit seinem gewinnenden anmutigen Lächeln. "Pflicht und Teilnahme veranlassen mich, so rücksichtslos gegen alle Sitte zu verstossen und mich in Ihre Schlafzimmer zu drängen. Einem ausgewetterten Seemanne, schöne Kinder, müssen Sie dergleichen Extravaganzen schon zu Gute halten. Gewöhnt an das ungenirte Wesen und die oft allzu zutraulichen Gunstbezeigungen von Sturm und Wogen, kann ich der beliebten Kürze nicht entsagen, wo vielleicht weite Umwege und schmeichelnde Galanterien zu gleichem Ziele führen würden und den Beweis guter Erziehung abgäben. Mein Herz, mein Charakter wissen von diesen beengenden Formen nichts; und da Sie mir schon einmal vertraut haben, glaube ich auch jetzt noch derselben Gunst in Ihren Augen teilhaftig geblieben zu sein. Liebe Bianca, ich möchte Ihrer schönen Begleiterin ein kleines geheimnis verraten. Alle Mädchen sind wissbegierig; ich rechne Sie mit Ihren dunkeln Augen nicht zu den Ausnahmen, und da ich ausserdem Beweise habe von Ihrem vortrefflichen Gehör, was schon die zierliche Form Ihrer zarten Ohren verraten lässt, so fürchte ich sehr, Sie erlauschen mein geheimnis, noch ehe es in klaren Worten von meinen Lippen schwebt. Darf ich also bitten –?"

Bianca lächelte, verbeugte sich gegen den Kapitän und verliess das Zimmer. Verschüchtert blieb Elwire allein mit Aurel. Sie schlug die Augen nieder und holte beklommen Atem aus klopfender Brust.

"Teure Elwire!" flüsterte Aurel, des Mädchens Hand ergreifend und die Zaghafte neben sich auf's Sopha niederziehend. "Als ich Sie kennen lernte in trostloser Verlassenheit und es meinen Bitten und Drohungen gelang, Sie für immer den Händen eines Nichtswürdigen, eines moralisch schon Halbuntergegangenen zu entreissen, da sanken Sie dankend an meine Brust und gelobten jeden meiner Wünsche mit der Bereitwilligkeit einer dienenden Magd zu erfüllen! Denken Sie jetzt noch so wie damals, Elwire, oder gereut Sie das im moderfeuchten Keller des Elends gegebene Versprechen?"

"Wie sollte ich anders denken!