sich durchaus nicht von mir trennen wollte, die Haide, indem ich einem der freundlichen Nachbarn das Besitztum meines Vaters in Pacht gab. Von dem Ertrage dieses Pachtes lebte ich zurückgezogen in einem kleinen Landstädtchen als witwe. Für die Welt war ich tot, wollte ich tot sein. Sie hatte mir, ich ihr nichts mehr zu bieten. Zehn Jahre und darüber traf mich kein neues Leid, erst die Unterjochung Deutschlands durch Napoleon, wobei mein Haidebauergut abbrannte und mir verloren ging, stürzte mich in ein Elend, das ich bis dahin noch nicht gekannt hatte. Ich verarmte, verarmte so gänzlich, dass Emma mehrmals für mich bitten ging!"
"Nur die grösste Sparsamkeit und unsäglicher Fleiss retteten uns Beide vom Hungertode. Um mehr zu verdienen, übersiedelte ich mich endlich nach Leipzig. Wie ich dort lebte, wie sich Emma entschloss, die Wahrsagerin zu spielen, weil sie es nicht mehr ertragen konnte, mich an dem Nötigsten Mangel leiden zu sehen, das habe ich Ihnen schon unterwegs mitgeteilt. Und so stünde ich denn nunmehr am Ende eines vielbewegten, traurigen und dennoch nicht ohne allen Segen gebliebenen Lebens. Wäre mir nur vor meinem tod auch vergönnt, klar in all' die Dunkelheiten zu schauen, die es zum teil noch erfüllen und meinen Geist nicht selten tief darnieder beugen!"
Unter lautem Schellengeläut fuhr jetzt ein Schlitten in den Hof, der Kutscher knallte heftig, die Hunde schlugen an.
"Es kommt noch Besuch," sagte der Maulwurffänger. "Wäre doch ein hellsehender Geist mit darunter, der mit klarem blick das lügenhafte Gewebe unserer Feinde durchschaute und sagen könnte: hier packt an und zerreisst es, so findet Ihr, was Ihr begehrt!"
"Klütken-Hannes!" murmelte Aurel dumpf vor sich hin. "Es wäre entsetzlich!"
Der Bediente meldete dem Grafen, dass so eben ein Herr und zwei Damen angekommen wären und ihn zu sprechen wünschten. Aurel beurlaubte sich, trat in's Nebenzimmer und – stand Elvire und Bianka gegenüber. Ihr Begleiter war der alte gutmütige pedantische Schulmeister Gregor, der ehrliche Bruder des Maulwurffängers.
Fussnoten
1 zu jener Zeit.
Viertes Kapitel.
Fingerzeige.
Wir haben die beiden eben genannten Ankömmlinge so lange aus dem Gesicht verloren, dass es jetzt höchste Zeit ist, die Aufmerksamkeit unserer Leser wieder auf sie zu lenken.
Die Ergebnisse, welche Aurels Besuch in der Mohrentaverne gehabt und seine unmittelbar darauf folgende eilige Abreise hatten ihm keine Zeit vergönnt, sich persönlich seiner Schützlinge anzunehmen. Er glaubte Beide für den Augenblick geborgen und gerettet. Auch bestätigte ein Brief von Madame Oehler, den er schon in Leipzig erhielt, die mütterliche Freundlichkeit dieser sanften, zartfühlenden Frau und erfreute ihn durch die Nachricht, dass Elwire bis auf Weiteres eine zweite Mutter an ihr finden solle. Bianca's minder gesicherten Lage suchte er durch Uebersendung einer ansehnlichen Geldsumme, der ein sehr freundschaftliches Schreiben beigefügt war, einen festen Halt zu geben, und so glaubte er unter den obwaltenden Umständen wenigstens seine Pflicht als redlicher Mann ehrlich getan zu haben.
Später setzte er sich mit beiden jungen Mädchen wieder durch Briefe in Verbindung, die mit überströmendem Dank erwiedert wurden. Es tröstete den Kapitän in seiner vielfach zerrütteten Stimmung, dass zwei ihm vollkommen fremde junge und schöne Geschöpfe durch eine natürliche Handlung einfachster Menschlichkeit so fest und dauernd an ihn gekettet waren, dass sie mit unbedingtem Vertrauen sich ihm anschlossen und seinen Befehlen gern und willig gehorchten.
Herta's körperliche Hinfälligkeit bedurfte liebevoller, zarter Pflege, und obwohl Emma das Muster einer vollkommen treuen und aufopfernden Dienerin genannt werden konnte, so erlaubte ihr zunehmendes Alter ihr doch nicht mehr, die verehrte Gebieterin mit gebührender Aufmerksamkeit zu bedienen. Nun war aber Aurel der Ansicht, dass Herta von Elwire mit kindlicher anhänglichkeit und Liebe behütet und gepflegt werden und Elwire in dieser hartgeprüften und aus so vielen schweren Versuchungen immer geläuterter hervorgegangenen sanften und hochgebildeten Matrone die mildeste Lehrerin und feinste Erzieherin finden dürfte. Dies bewog ihn, seinem schönen Findlinge vorzuschlagen, zum Neujahr auf den Zeiselhof zu kommen, um fortan in Herta's Umgebung zu bleiben. Dass eine geheime sehnsucht seines Herzens bei diesem Vorschlage mit beteiligt war, gestand er sich selbst nicht zu, obwohl er ein freudiges Herzklopfen fühlte, als Elwire's Zusage einlief mit einem freundlichen Begleitschreiben von Madame Oehler, die seine Anordnungen wohlwollend billigte. Damit nun Bianca in ihrer Einsamkeit nicht aufs Neue gefahrvollen Versuchungen ausgesetzt werde und bei dem Mangel an wahrer Bildung und ächtem Charakter solchen nicht schimpflich unterliege, erwählte er diese arme Gerettete, der es übrigens an einer gewissen Entschlossenheit und männlicher Energie nicht fehlte, zu Elwiren's Begleiterin. Auch dieses gesunkene Mädchen, dieser schöne gefallene Engel musste seiner überzeugung nach durch Herta's Nähe und Umgang wieder aufgerichtet und gänzlich auf den Pfad der Tugend zurückgeführt werden. Die gute witwe in Hamburg musste auch diesmal die Vermittlerin und Ordnerin der Vorschläge des wunderlichen Kapitäns sein und sie unterzog sich diesem Geschäft mit der ganzen Liebenswürdigkeit ihrer natur. Clara erlaubte sich freilich deshalb mit der Mutter zu schmollen. Sie zürnte im Herzen dem flatterhaften Aurel, der so weit her an ein paar unbedeutende, wenn auch hübsche Mädchen schrieb und für ihre Zukunft besorgt war, ihrer aber, die sie ihn doch so häufig gesehen und immer mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt hatte, nicht einmal mit kühlem Gruss gedachte. Es schmerzte sie dies schnelle Vergessen und indem sie sich gestehen musste, dass Aurel sie nicht liebe, sie nie geliebt habe, zerdrückte