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fast behaupten zu können, dass jener Ihnen so furchtbare Mensch, jener Wolfszahn noch lebt."

Herta liess einen langen blick voll Angst und Erwartung auf ihren Neffen fallen.

"Ich kenne ihn, wenn mich nicht Alles täuscht, teure Tante, und seiner Bekanntschaft allein habe ich es zu danken, dass ich Sie wiederfand und Sie den unwürdigen Verhältnissen glücklich entriss, in welche Sie langjähriges Unglück gebracht hatte. Man nannte ihn damals Blutrüssel, aber die Beschreibung seines Aussehens, sein Wolfsgebiss, sein glotzendes boshaftes Auge charakterisiren ihn zu deutlich, als dass ich Ihren Wolfszahn mit einem Andern verwechseln könnte."

"Und gesetzt, dieser widerliche und vielleicht verbrecherische Mensch lebte wirklich noch," entgegnete Herta, "was kann uns dies jetzt interessiren?"

"Sind Sie nie wieder mit ihm zusammengetroffen in Ihrem spätern Leben?" fragte Aurel sie unterbrechend.

"Nein," sagte Herta, "ich selbst sah ihn niemals wieder, Emma aber behauptete, noch einmal mit ihm verkehrt zu haben."

"Damals, als Sie aus Mangel diesen Siegelring an den Trödler verkauften oder verkaufen liessen!" rief Aurel lebhaft und zog eine Kapsel aus seiner Brusttasche, in der er das ihm so teure Kleinod jetzt aufbewahrte.

Herta empfing die Kapsel mit dem feingearbeiteten Ringe.

Sie betrachtete ihn lange mit bewegten Zügen und untersuchte genau, ob er echt sei. Als sie ihn dafür erkennen musste, presste sie die hände an ihre Brust und sagte mit zitternder stimme: "Gott im Himmel, es ist wirklich sein Ring!"

"Und Sie liessen ihn durch Emma an jenen betrügerischen Menschen verkaufen?" fragte Aurel abermals.

"Diesen Ring? o nie, nie! Diesen Ring, ein Geschenk meiner Mutter, schob ich an den Finger meines Kindes, als es das dritte Jahr zurückgelegt hatte!"

"Ha, so bin ich belogen worden!" rief Aurel aus. "Belogen um schlimmern Verdacht abzuleiten! – "

"Es will mir vorkommen," sagte der Maulwurffänger in seiner trocknen Manier, "als wären wir auf die blutigen Fussstapfen eines Verbrechers gestossen, der mir in einer verhängnissvollen Nacht einst das Licht gehalten hat, damit ich nicht Hals und Beine brechen sollte. Lassen Sie uns doch, wenn's gefällig ist, diese Fussstapfen etwas genauer betrachten."

"Gnädige Tante," nahm Aurel abermals das Wort, "es sind jetzt zwei Möglichkeiten vorhanden hinsichtlich des kleinen nach Auffindung seines ermordeten Grossvaters verlorenen Johannes. Entweder hauchte auch er unter Mörder- und Räuberhand sein junges schuldloses Leben aus, oder –"

"– Oder?" fiel Herta erwartungsvoll ein.

"Oder man entführte ihn auf Anstiften und Befehl eines Dritten, eines Mächtigeren, der vielleichtmein eigner Vater war!"

"Was veranlasst Sie zu so gewagten Vermutungen?"

"Gewagt, gnädige Tante? Im Gegenteil, ich finde, dass es kaum anders sein kann! Magnus vermählte sich ungefähr zwei Jahre nach der Zerstörung Bobersteins mit einer reichen stolzen Erbin. Es musste ihm Alles daran gelegen sein, einen undurchdringlichen Schleier über die unheilvolle Vergangenheit, über sein ganzes beflecktes Leben zu werfen. Nichts war natürlicher, als dass er Ihre Ansprüche, wenn nicht an seine person, doch an sein Vermögen fürchtete, vielleicht sogar erwartete. Diese konnten kaum unterbleiben, wenn Ihr Sohn am Leben blieb. Tod oder Entfernung desselben war mitin sein Wunsch, der nie in Magnus Seele erlöschen durfte."

"Wir wissen bereits wie dieser unbändige Mann bei Sloboda's Schwiegertochter verfuhr, und wie nur durch die grössere Weichherzigkeit seines Helfershelfers Martell einem qualvollen Leben erhalten ward. Verbindungen mit Personen anzuknüpfen, die früher Ihren Vater ergeben waren, die seine Verhältnisse, seineich muss es aussprechen, – Vergehungen gegen die sittliche Ordnung des Staates und gegen die menschliche Gesellschaft kannten, musste ihm ebenfalls leicht fallen. Als Johannes seine Getreuen verabschiedete, und die Hartnäckigsten im Groll ihn verliessen, konnten sie da nicht die Angeber spielen, um ihn stets zu quälen und in ihren Händen zu haben? Sie ahnten selbst etwas der Art! Mir wird dies mehr als wahrscheinlich, wenn ich der Briefe und des Geldes gedenke, womit Johannes sich das Schweigen Nichtswürdiger zu erkaufen glaubte. Gewiss kein Anderer als jener Wolfszahn oder Blutrüssel war der gefährlichste Feind Ihres unglücklichen Vaters, war später, als er kein Geld mehr von ihm erpressen konnte, sein Angeber bei Magnus, und entführte nachdem er ihn getödtet, den kleinen Johannes, um ihn, Gott mag wissen, wo und wie, unschädlich zu machen! So fiel der Ring, den der Knabe trug, von selbst in seine hände und blieb es, bis er ihn im Spiel an – "

Plötzlich versagte dem lebhaft Sprechenden die stimme und eine dunkle Röte überflammte sein geistreiches Gesicht.

Ein furchtbarer Gedanke, der zündend mit blendender Helle, einem Blitze gleich in seine Seele schlug, machte ihn schwindeln. Er wagte nicht auszusprechen, was er dachte, was er schaudernd fürchtete.

"O nein doch, nein!" sagte er beschwichtigend zu sich selbst. "Dies kann nicht sein, dies wäre ein zu grässliches Unglück!"

Und als wollte er um jeden Preis den ihn peinigenden Gedanken aus seiner Seele verscheuchen, bat er seine Tante freundlich um Beendigung ihrer Lebensskizze.

"Meine späteren Schicksale lassen sich in wenigen Worten charakterisiren," sagte Herta. "Als sich mein Herz still in sich verblutet hatte, verliess ich mit meiner treuen Emma, die