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den festen Entschluss des Täters, den Unglücklichen tödten zu wollen."

"Eine spätere genauere Besichtigung des Ortes, wo die Tat wahrscheinlich in den ersten Nachmittagsstunden geschehen war, führte zu mancherlei Vermutungen, aber durchaus zu keiner Gewissheit. Man fand den Ermordeten kaum zwanzig Schritte von seinem Beuteplatze. Weitere zwanzig Schritte jenseits des ihm zugehörenden Reviers steckte seine eigene Zeidelaxt fest in dem schlanken Stamme einer jungen Fichte auf der, wie man deutlich bemerken konnte, ein Bienenschwarm sich niedergelassen hatte. Unstreitig war dieser Schwarm durch Spurbienen verlockt auf nachbarliches Gebiet geraten und Johannes hatte ihn nach den bestehenden Zeidler gesetzen für seine 'Beuten' einfangen wollen. Es geschah dies mittelst der Zeidelaxt, indem der Zeidler dieselbe, auf der Grenze seines Reviers stehend, rücklings unter dem linken arme nach dem Baume schleudert, den sich der Schwarm zum Rastorte auserkoren hat. Die Zeidlergesetze erlaubten die Wegnahme des Schwarms, wenn der werfende Zeidler mit der Axt den Stamm traf, wogegen der Schwarm im entgegengesetzten Falle verloren ging und der Werfende auch noch in Strafe verfiel."

"Bei diesem Wurf der Axt auf das Gebiet des Nachbars mochte sich ein Streit zwischen Johannes und seinem Gegner entsponnen haben. Wer dieser Gegner gewesen, – denn der Nachbar konnte sich von allem Verdachte aufs gnügendste reinigenblieb unermittelt und wird wohl nie ans Tageslicht kommen. Noch an dem getroffenen Stamme hatte ein Faustkampf stattgefunden, wie das zerstampfte Moos am Boden bewies. Man gewahrte Blutspuren, die sich in das Gebiet des Nachbars verloren, woraus man schloss, dass Johannes seinen Gegner überwunden und mit einem tüchtigen Denkzettel heimgeschickt habe. dafür sprach noch mehr die fast zur Gewissheit erhobene Annahme, dass Johannes den durch Axtwurf nach Zeidlerrecht erworbenen Schwarm eingefangen und in die bereitgehaltene 'Beute' gebracht hatte. Gerade bei Einbeutung des Schwarmes musste ihm die Axt des Mörders den Schädel gespalten haben, denn der tödtlich Verwundete war mehrere Schritte rückwärts getaumelt und gegen einen Baumstamm niedergestürzt, wo dann der feige Mörder Zeit hatte, ihn vollends zu tödten. Die neu ausgehauene 'Beute' stand offen, der Schwarm war wieder entflohenan dem starken Blutfleck dicht daneben war der Standort des Unglücklichen, als die Mordaxt ihn traf, zu erkennen."

"Mein armer Kleiner blieb von stunde' an verschwunden! Kein noch so anhaltendes Rufen und aufmerksames Durchsuchen der Haide mit allen ihren Bächen, Teichen und Morästen zeigte die geringste Spur des Verlorenen. Niemand vermochte zu ermitteln, ob der arme schuldlose Knabe sich in der Haide verlaufen, oder ob der Mörder seines Grossvaters ihn ebenfalls getödtet und in irgend einen versteckten Winkel des Waldes verscharrt hatte. Einzelne Stimmen behaupteten, der Knabe sei entführt worden, doch konnten sie für solche Annahme keine triftigen Gründe anführen."

"Was ich in diesen Schreckenstagen litt darüber lassen Sie mich schweigen," fuhr Herta mit tränenden Augen fort. "Ich hatte Alles verloren, was mich noch an die Erde kettete! Ich stand jetzt einsam, verlassen, eine trostlose Waise unter fremden Menschen. Oft wünschte ich in diesen fürchterlichen Schmerzenstagen unter den Trümmern Bobersteins, neben den Gebeinen meines Oheims begraben zu liegen. Aber ich erlag nicht dem Jammer, ich ward nicht einmal krank! Mein schwacher Körper schien unzerstörbar zu sein, meine Nerven empfanden nur den Schmerz, das namenlose Seelenweh, aber ihre Kraft und Elastizität spottete meiner Leiden."

Tief erschüttert von der blossen Rückerinnerung an so vernichtende Lebensstürme, unterbrach sich Herta, um ihre schmerzlichen Gefühle zu bemeistern. Aurel Benutzte diesen Augenblick um eine Frage an sie zu richten, zu der es ihn schon längst drängte.

"Glaubten Sie an den Tod Ihres Kindes, gnädigste Tante," sprach er, "oder neigten Sie sich zu der Ansicht einiger Ihrer Freunde, dass es in den endlosen Wäldern in die Irre geraten sein könne?"

"Mein Mutterherz wünschte das Letztere weil es dann hoffen durfte, den Verschwundenen doch einmal wiederzufinden."

"Und ein anderer schrecklicher Gedanke beschlich Sie nicht?"

"Welcher andere Gedanke hätte mich ängstigen sollen?"

"Sie erwähnten einer Drohung des Menschen, den Sie Wolfszahn oder Lugauge nanntenSie sprachen von Briefen, die Ihren Vater empörten, ihm die Ruhe raubtenSie hörten ihn endlich eines Nachts Geld zählen und dabei Worte äussern, die auf einen teuer erkauften Frieden, auf einen unersättlichen Dränger schliessen lassen! Wie, gnädigste Tante, wenn unter diesen uns und Ihnen unbekannten Vorfällen und dem tod Ihres Vaters, wie dem Verschwinden Ihres Sohnes ein geheimnissvoller Zusammenhang stattgefunden hätte?"

"O mein Gott, Aurel, quälen Sie mich nicht!" bat Herta mit flehendem blick und legte beide zarte hände an ihre Stirn. "Mit Gewalt unterdrückte ich solche Vermutungen, die ja doch zu keinem Ziele führen könntenich will ihnen jetzt nach fast einem halben Jahrhunderte nicht noch einmal frische Nahrung zufliessen lassen!"

"Und dennoch, verehrte Gräfin," fiel Sloboda ein, "dennoch wird es fast nötig sein, dass wir Ihnen den Schmerz gewagter Vermutungen zufügen."

"Ein glückliches Ungefähr hat schon so Vieles entüllt," sagte Aurel, "dass wir uns selbst der Feigheit anklagen müssten, verabsäumten wir auf den aufgespürten Pfaden rüstig weiter zu schreiten. Adrians Aufforderungen an mich, mit Ernst zu forschen, ob ich Spuren entdecken könnte, die auf Bestätigung der Erzählung unserer wackern Freunde hinleiteten, machte mich achtsam und scharfblickend, und darf ich einer Ahnung des Herzens trauen, einer inneren prophetischen stimme des Geistes lauschen, so glaube ich