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um sich selbst, bis er plötzlich gleich einer schwarzen Flamme niederschoss in den Waldein Schmerzensschrei hallte wieder in der Oede und die Stille des Todes breitete sich abermals über die schlummernde Waldung! Sie betete zu Nachtdann rieselten silberne Lichtwellen über die nickenden schwarzen Föhrenhäupter, grauweisse Schleier sanken auf ihre Schultern und die ewige Lampe der Welt brannte still und mild im dunkeln Osten."

"Ich fühlte mich glücklich in dieser hehren Abgeschiedenheit; ich vergass mehr und mehr den erlittenen Kummer, das mir zugefügte Unrecht und ich zweifle nicht, dass mich ein fortgesetzter Aufentalt in dieser waldigen Einöde mit der Zeit gänzlich den Menschen wieder versöhnt haben würde. Aber es scheint, als sei es Gottes Wille, die Kräfte seiner Geschöpfe und ihre Geduld bis zum äussersten Grad der Anspannung zu versuchen und in dieser Versuchung gleichsam die probe auf sein Schöpfungsexempel zu machen. Wer in ihr erliegt, der ist vielleicht noch nicht würdig gewesen in wahrem Sinne sein Kind zu heissen, es sei denn, dass dem Schwachen die ewige Liebe ihre milde, versöhnende Hand reiche! –"

"Es war die Zeit, wo die Bienen zu schwärmen beginnen. Mein Knabe stand im vierten Jahre und konnte kaum den Tag erwarten, wo er den Grossvater in den Wald begleiten sollte, um das unterhaltende Schauspiel mit anzusehen und die Behandlung dieser nützlichem Tiere zu erlernen. Johannes hatte ihm eine 'Beute' zu stellen versprochen, wenn sich ein gesunder, neuer Schwarm auf seinem Revier anlegte."

"Um einer glücklichen Bienenärndte versichert zu sein, hatte Johannes schon vorsorglich die leeren 'Beuten' mit sogenannter Bienenschminke bestrichen, eine aus vielen wohlriechenden Kräutern unter mancherlei Heimlichkeiten zusammengesetzte Salbe. Diese dient den Spurbienen zum Köder, welche gleichsam als Herolde den Schwärmen vorausfliegen und sich auf den, ihnen am meisten zusagenden, Beutebäumen niederlassen."

"Endlich erschienen die Bienen. Die ganze Haide summte von den schwärmenden Tieren und lockte überall die Zeidler auf ihre Standorte zu den 'Beuten'. Auch Johannes, bewaffnet mit seiner Zeidelart, meinen Sohn an der Hand brach zeitig auf. Der alberne Nachbarsbursche, der sich in Emma's Schelmenaugen vergafft hatte, wollte als Beistand mitgehen, allein Johannes gestattete dies nicht und wies den in seinem Vornehmen etwas Hartnäckigen barsch zurück. Der Zeidler duldet nie Uneingeweihte in seinem Revier, am wenigsten zur Zeit des Schwärmens, da ihre Gegenwart, dem Volksglauben zufolge, den neu eingefassten Schwärmen Unglück bringen soll."

"So ging mein Vater mit dem kleinen lachenden braunlockigen Johannes, der mir noch von weitem manches Kusshändchen zuwarf, allein in die Haide. Was bis zum späten Abend im öden Dickicht geschehen sein mag an jenem unheilvollen Tage, weiss nur Gott allein! Wir armen Zurückgebliebenen, die wir sorglos der Heimkehrenden warteten, wir haben über das Geschehene nur Vermutungen zusammenstellen können. Wir ahnten nichts Böses, wir sassen arbeitend am blumengeschmückten Fenster und freuten uns der warmen hellen Luft, des sonnigen windstillen Tages. Bis in die sinkende Nacht beschlich uns kein ängstlicher Gedanke, da Johannes in der Haide eben so heimisch war, wie auf seinem hof. Erst als die Schatten erloschen waren und die Nacht ihre grauen Dämmerungen in trüben Nebeln über die Wälder breitete, begann mein Herz ängstlich zu schlagen, und unruhig nach Vater und Sohn zu verlangen."

"Noch immer hoffte ich, dass die Zögernden unversehrt heimkehren würden, denn ich kannte die Gewohnheiten meines Vaters, in Folge deren er oft sogar ganze Nächte hindurch bei einem Köhler übernachtete, oder in warmen Sommernächten unter freiem Himmel den jungen Tag erwartete. Eine sonderbare Unruhe, die ihn nie ganz verliess, schien ihn von Zeit zu Zeit in solchen einsamen Nachtspaziergängen im finstern wald zu nötigen. Darum liess ich auch diesmal Mitternacht herankommen, als aber immer noch kein laut aus der Ferne hörbar ward, der Nebel immer dichter und feuchter wurde und ich für die Gesundheit meines Knaben fürchten musste, brachen unaufgefordert die Nachbarn mit Laternen und Kienfakkeln auf, um zuvörderst die Beutestände mit ihren Umgebungen zu durchsuchen und sodann bei den nächsten Köhlerwohnungen einzusprechen."

"In der zweiten Nachtstunde kamen die Suchenden zurück. Ich hörte von weitem ihre Stimmen, die Angst der Mutter trieb mich ans Fenster. Der Nebel war dünner, durchsichtiger geworden und verschwebte um Moorsumpf und hohe Föhrenkronen, die mittlere Luftschicht frei lassend von jeglichem Dunst. Da sah ich die Männer mit ihren Laternen und Kienbränden über die Wiese schreiten nach der Waldbeschirmten Hinterseite des Hauses, ich sah, dass zwei von ihnen etwas Unbewegliches auf Tannenzweigen trugen! – Mein Herz stand still, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Doch raffte ich mich zusammen. Die Angst gab mir Kräfteauf Emma's Arm gestützt, eilte ich an die Tür und erwartete bleich, atemlos, einer Bildsäule ähnlich, die Ankunft der Männer."

"Sie traten aus dem finstern Dickicht: das knisternde Licht der Kienfackeln fiel rötlich und fahl auf eine kunstlose Tragbahre, auf welcher der blutige Leichnam eines Mannes ausgestreckt lag. Ich erkannte schaudernd meinen Vater! – 'Und Johannes, Johannes, mein Sohn!' schrie ich, händeringendn an der Bahre niederstürzend. – 'Wir haben keine Spur von ihm gesehen!' lautete die dumpfe einstimmige Antwort der erschütterten Männer."

"Johannes war unstreitig meuchelmörderisch erschlagen worden. Eine klaffende Wunde am Hinterkopfe deutete auf feigen, verruchten Ueberfall. Sie schien von einer Art herzurühren. Mehrere minder tiefe und kaum unmittelbar tödtliche Wunden im Gesicht und auf der Brust sprachen deutlich für