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und an sich harmlosen Tiere und die Zeit abpassen, wo die Sonne zu Rüste ging, oder ihre Strahlen doch nicht gerade den wimmelnden Zellenbau trafen. Denn im vollen Schein dieses Gestirns flogen die summenden Tiere sammelnd zu Tausenden ab und zu, und wer dann ihre Wege kreuzte, der konnte den empfindlichsten Stichen trotz aller Vorsicht nicht entgehen."

"Mein Vater besass auf seinem Heideanteil über hundert 'Beuten' wilder Bienen, die er mit grosser Aufmerksamkeit pflegte und beim Schwärmen durch Anlegung neuer 'Beuten' zu mehren suchte. Der Ertrag an Honig war bedeutend und um so gewinnreicher, als er süsser und von Geschmack aromatischer vom Kenner gefunden wurde, als der der zahmen Bienen. Ich erwähne dieser Bienenzucht so ausführlich, weil das Schicksal meines Vaters durch sie eine tragische Wendung erlitt."

"Zwischen Lectüre, Handarbeit und Erholung meine Zeit einteilend, kam der Späterbst heran und nötigte mich, im haus zu bleiben. Johannes ging fleissig auf die Jagd, meistenteils allein, nur zuweilen von einem stämmigen Burschen begleitet, der sich in Emmas rosiges Gesicht verliebt hatte und halbe Tage lang, die Pelzmütze in der Hand, neben dem Wandheerde stehen und stumm und stier die Flamme anglotzen konnte. Mit ihr gesprochen hat der Bursche meines Wissens niemals. Oder doch, Emma?"

Die gefragte, jetzt mit Runzeln bedeckte treue Dienerin bestätigte die Wahrheit des Gesagten durch ein freundliches Lächeln. Herta fuhr fort:

"Ungeachtet des Abscheues, den ich bei der blossen Erinnerung an meinen Vetter Magnus empfand, drängte es mich doch, Johannes zu fragen: ob er nichts mehr von ihm und den Seinen gehört habe? Johannes behauptete ohne Nachricht zu sein, doch hatte ich Grund, die Wahrheit dieser Behauptung zu bezweifeln. Mein Vater schrieb und empfing Briefe, an wen und von wem? konnte ich nicht erfahren. Sie mussten aber nicht immer erfreulichen Inhaltes sein, denn oft ward Johannes so davon verstimmt oder gar erschüttert, dass er seine Bewegung mit aller Kraft des Willens nicht verbergen konnte und häufig noch des Nachts seufzend in seiner kammer auf- und niederging. Ich vermute, dass Wolfszahn sich mit Magnus in Verbindung gesetzt und ihm Johannes in einem Licht dargestellt hatte, das ihm gefährlich werden, vielleicht gar seine persönliche Sicherheit gefährden konnte."

"Es blieb indess bei diesen momentanen Aufregungen. Johannes ging nach solchen beunruhigenden Briefen, wie ich bemerkte, jedesmal am nächsten Tage sehr frühzeitig aus, mochte das Wetter gut oder schlecht sein." Selten kehrte er vor Abend zurück, dann aber erheitert, wo möglich mit vermehrter Zärtlichkeit und Vaterliebe gegen mich. Einmal hörte ich, dass er tief in der Nacht vor einem solchen frühen Morgenspaziergange Geld zählte und es dann in einen Beutel schüttete, wobei ich deutlich die Worte vernahm: "Endlich wird sein Gelddurst doch wohl gestillt sein! Es ist das Letzte, was ich Herta hinterlassen wollte!" – "Ich dankte Gott, dass ich den Vater für beruhigt halten durfte, dachte nicht an mich und meine unsichere Zukunft und entschlief mit einem Seufzer des aufrichtigsten, innigsten Dankes zu Gott."

"Tief im Winter ward ich Mutter, Mutter eines muntern braunen Knaben, dessen kindliche Gesichtszüge mich schaudernd an seinen entsetzlichen Vater erinnerten. Nichts desto weniger liebte ich das Kind zärtlich, weidete mich an seinem Lächeln und küsste ihm die trotzigen kleinen Lippen mit namenloser Wonne. Ich gelobte an der Wiege des schlummernden Knaben durch seine Erziehung die Vergehungen des herzlosen Vaters zu sühnen. Nach meinem Vater nannte ich ihn Johannes."

"Der Knabe gedieh sichtlich, entwickelte ungewöhnlich zeitig gelenke Körperkraft und geistige Schärfe, lernte sehr bald sprechen und war mit zwei Jahren ein prächtiger Junge. Mein Vater nannte ihn scherzweise den Haidekönig und war nahe daran, ihm zu Liebe dem grausamen Magnus zu verzeihen."

"In dieser Zeit trug sich nichts Bemerkenswertes zu. Unser Waldleben war einsam, eintönig, wie das eines Einsiedlers, und würde mir lästig geworden sein, hätten wir uns nicht auf mancherlei Weise nützlich und angenehm zu beschäftigen gewusst. Ueberdies unterhielt mich die eigentümliche Poesie der Haide, auf deren stimme zu lauschen ich nie müde ward. Kein Tag, ja keine Stunde verging, wo ich nicht ein neues Phänomen entdecken und bewundern konnte. Ich ward ein Kind der natur und lebte mich so tief und innig ein in ihre wunderbaren Geheimnisse, dass mir Alles andere schaal dagegen erschien. Im nickenden Grase, im Spiel der Käfer und Insecten auf krauslockigen Moosen, in den phantastischen Schlachten der Wasserspinnen und Fliegen auf braunroten Wassertümpeln in Moor und Sumpf; überall entdeckte ich ein Atom göttlichen Daseins ein heiliges Fortatmen der schaffenden und welterhaltenden Allmacht. Und Abends in herbstlicher Kühle, welch' bezauberndes Schauspiel gewährte dann die ruhende Haide! Oft blau und klar wie eine kristallene Kuppel stieg das Himmelsgewölbe über der Waldung empor. Anfangs blieb Alles still und öde, bis der Goldrauch der Sonne am rand der Kuppel verdampfte und dunklere Tinten, wie Nachtgedanken des Weltgeistes, an ihren glänzenden Ribben heraufliefen. Nun bewegten sich in regellosem Spiele die heimkehrenden Waldvögel, bald zitternd schwebend, bald in welligem Fluge auf und abstürzend, bald im jähen Falle niedersinkend in die flüsternden Wipfel der zusammengeneigten Föhren, durch die dunkelnde, von blassem Sternenlicht neu sich entzündende Kuppel. Später glitten mit schwirrendem Echoschall breite Geschwader wandernder Staare über die Waldung, oder einzelne Störche ruderten schwerfällig mit lang gestrecktem Halse und klapperndem Schnabel durch die dunkle Luftflut, oder ein Habicht kreiste wie ein von unsichtbarer Kraft bewegter Bohrer lange lange