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ersparen, um so mehr, als ich nächstens eine dritte Dampfmaschine zu stellen genötigt bin, um den Anforderungen der Zeit zu genügen."

"Es sind Waisen, Herr am Stein!" sagte Vollbrecht bedeutungsvoll. "Keines dieser armen Mädchen besitzt mehr als einen Anzug, nicht einmal an Sonn- und Feiertagen können sie sich, wie ihre glücklicheren Schwestern, das Haar mit einem bunten Tuche umwinden. Sie müssen von ihrem Verdienste all' ihre Bedürfnisse bestreiten und Eine oder die Andere teilt wohl auch noch einer kränkelnden, hinfälligen Mutter etwas davon mit!"

"Lieber Vollbrecht," versetzte Adrian ruhig, "wenn ich mich um den häuslichen Kummer meiner mehr als tausend Arbeiter kümmern und ihn heilen wollte, so müsste ich die Schätze des Krösus besitzen. Ich bin selbst nicht reich, wie Sie wissen, ich suche nur die mir verliehenen Mittel auf eine unserer Zeit angemessene Weise anzulegen und zum Besten der Menschheit zu vermehren. Wem mein Lohn nicht behagt, den will ich nicht halten. Er mag gehen und wo anders sein Unterkommen suchen. Was ich zahlen kann, das gebe ich, und junge Mädchen gedeihen am besten, wenn sie frugal leben. Das macht sie nicht üppig."

Der Buchhalter las seufzend weiter:

"Achtig Spindelknaben, jedem Einzelnen zehn Silbergroschen."

"eigentlich sollte ich diesen Lohn ebenfalls verringern, indess mag er für die nächsten Wochen noch fortbestehen, da in letzter Zeit mehrere Unglücksfälle vorgekommen sind. Ich will nicht unbillig sein und die Gefahr der Beschäftigung so gut wie die Beschäftigung selbst bezahlen. Fahren Sie fort, Vollbrecht."

"Den Käutchenschlingern, jedem Einzelnen zwanzig Silbergroschen."

"Setzen Sie 15 für die Zukunft! Diese Arbeit wird vom nächsten Montage an eine blosse spasshafte Unterhaltung sein, sobald die Käutchenmaschinen aufgestellt sind!"

"Ich erlaube mir, Ihnen zu widersprechen, Herr am Stein. Die Arbeit wird durch die Maschine erschwert, da der Arbeiter beinahe noch ein Mal so viel Käutchen liefern muss, als früher, wo er bloss mit seinen eigenen Händen arbeitete! Legen Sie den armen Menschen, die ohnehin meistenteils in Ihrer Fabrik Verunglückte sind, lieber einige Groschen zu, da sie einen bedeutenden Vorteil durch die Maschinen gewinnen."

"Vom Gewinn lebt der Kaufmann, für den Gewinn speculirt er. Die Maschinen kosten Geld, viel Geld, und ehe die Arbeiter das Käuteln auf denselben lernen, werden sie mir manches Schock Garn verderben. Schreiben Sie 15 statt 20 und halten Sie mich nicht länger durch Ihre humanistischen und kosmopolitischen Einwürfe auf."

Nach dieser, in spöttischem Tone vorgebrachten Bemerkung entielt sich Vollbrecht jedes neuen Einwurfes bei den noch häufigen Lohnverkürzungen, die Herr am Stein zu besserm Gedeihen seiner Fabrik anordnete. Der reiche Mann tat dies mit dem heitersten Gleichmut, ohne eine Miene zu verziehen oder nur seine bequeme Lage im prächtigen Polsterstuhle zu ändern. Er wusste, dass er ungestraft so verfahren durfte, da er längst vielleicht noch genauer von dem Zustande seiner Arbeiter unterrichtet war, als der menschenfreundliche, an fremdem Unglück innig Anteil nehmende Vollbrecht. Adrian gründete eine mit diplomatischer Schlauheit berechnete Speculation auf diese Lohnverkürzung, die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht missglücken konnte. Es lag nämlich in seinem Plane, während des Winterhalbjahres bei heruntergesetztem Lohne noch einige hundert Arbeiter mehr anzunehmen und deshalb eine dritte Maschine zu stellen. Durch so viele hände hoffte er binnen sechs Monaten so viel Waare zu liefern, dass er andern Concurrenten damit den Rang ablaufen und durch billigere Preise sie nicht allein für kurze Zeit völlig beseitigen, sondern sie auch zwingen könnte, ihren Arbeitern ebenfalls geringeren Lohn zu geben, was dann seinerseits eine abermalige Lohnverkürzung zur Folge haben musste. Durch diese doppelte Betrügerei oder fein angelegte Speculation musste Adrian über hunderttausend Taler rein verdienen. Sie machte ihn ferner zum ersten in seinem Fache und lieferte alle Arbeiter, die ihm früher die Zähne gewiesen hatten, so ganz in seine Gewalt, dass sie völlig von seiner Gnade abhängig wurden. Mit dem Ueberschuss des neu gewonnenen Kapitals wollte Adrian einen teil der Güter wieder an sich bringen, die sein wilder sittenloser Vater durch schlechte Wirtschaft, verbunden mit den lang dauernden Kriegsstürmen und den gewaltigen Umwälzungen in allen Verhältnissen, verloren hatte.

Inzwischen setzte sich die Fähre vom Seeufer her nach der Insel zu in Bewegung, beladen mit einer Menge Ballen und vielen Menschen. Adrian sah dies aus den Fenstern seines Arbeitszimmers, achtete jedoch wenig oder gar nicht darauf, da sich das nämliche Schauspiel täglich mehrmals wiederholte. Der Buchhalter packte seine Bücher zusammen und entfernte sich, doch kehrte er schon nach einigen Minuten wieder zurück, um dem Herrn am Stein zu melden, dass zwei Fremde ihn zu sprechen und die Fabrik zu sehen begehrten.

Adrian hatte es gern, wenn man im Auslande von seinem Etablissement sprach. Er wies daher Niemand zurück, der Interesse für Maschinenwesen und Industrie zeigte, vielmehr liess er sich meistenteils herab, Fremde selbst herumzuführen und mit grosser Zuvorkommenheit alle ihre fragen zu beantworten. Er bat also auch jetzt, die fremden Ankömmlinge vorzulassen, damit er sich mit ihnen unterhalte und nach dem Grade ihrer Bildung sein eigenes Betragen abmesse.

Gewohnt, immer nur Personen aus den vornehmen oder den vorzugsweise so genannten gebildeten Ständen unter den wissbegierigen Besuchern zu finden, war er überrascht jetzt auf ein Mal zwei Männer des niedern Volkes zu erblicken, die noch dazu ihrer veralteten Tracht nach mit der Zeit wenig fortgeschritten zu sein schienen. Diese Fremden waren, wie unsere Leser schon erraten haben, der Wende Sloboda und sein