unsrer Ankunft in diesem verborgenen Haideorte mit ihnen in eines der Nachbarhäuser und blieb mehrere Stunden mit ihnen im vertrauten Gespräch beisammen."
"Gegen Abend kamen Alle in grosser Verstimmung wieder zurück, namentlich liess jener mir Furcht und Entsetzen einflössende Hässliche mit dem Wolfsgebiss fortwährend fürchterliche, unverständliche Drohungen hören, auf die jedoch mein Vater nicht achtete. Die beiden Andern blieben mit düstern Blicken und gerunzelten Stirnen still neben einander sitzen."
"Liebe Tante," unterbrach hier Aurel die Erzählende, "können Sie sich nicht auf den Namen des erwähnten Hässlichen besinnen?"
"Keiner der Männer nannte ihn bei'm Namen," erwiderte Herta, "abwechselnd hörte ich ihn nur bald Lugauge, bald Wolfszahn rufen."
"Kein Zweifel, er ist es!" sagte Aurel und verdoppelte wo möglich noch seine Aufmerksamkeit.
"Wer?" fragte Herta. "Den Schrecklichen, in dessen Hand mein unglückliches Leben geriet, können Sie nie erblickt haben!"
"Davon später, gnädige Tante. Bitte fahren Sie fort, wenn es Ihnen genehm ist."
"Lugauge oder Wolfszahn, wie ich ihn nennen will, warf meinem Vater Treulosigkeit, Wortbruch und Egoismus vor und liess nicht undeutlich merken, dass ich ihm verhasst sei. Die kalte Ruhe Johannes erbitterte ihn immer mehr und verleitete ihn zuletzt Hand an ihn zu legen, indem er wütend an seine geladene Büchse schlug. Verächtlich stiess Johannes den Rasenden von sich, rief ihm barsch zu, dass er sein teil erhalten habe und ihn fortan ungestört lassen solle! Er sei Herr seines Willens und könne tun, was er wolle, nur auf seinen (Johannes) Wegen solle er sich nicht mehr blicken lassen!"
"Schon gut," versetzte Wolfszahn nach dieser eben so kurzen als heftigen Scene, die ich, an Emmas Brust geschmiegt, zitternd und zagend mit angehört hatte, "es wird schon Tag und Stunde kommen, Herr Johannes, wo wir zusammen Abrechnung halten können. Hoffentlich sind wir dann ohne Zeugen und mitin ungestört und weigert sich der gewissenhafte Herr dann abermals, mir gerecht zu werden, so kenne ich ein untrügliches Mittel, mir auf eigne Faust Gerechtigkeit zu verschaffen!"
"Johannes lächelte bloss zu dieser Drohung, Lugauge winkte den beiden Schweigsamen und verliess mit ihnen das Bauerhaus. Im Fortgehen schleuderte er mir noch unter grinsendem lachen einen boshaften blick zu, der mich lange im Traume noch erschreckte und mir ein namenloses Entsetzen einflösste."
"Als diese drei Männer endlich im finstern Föhrenwalde verschwanden," atmete mein Vater erst frei auf. "Gott Lob und Dank," rief er mich zärtlich umarmend aus, "jetzt erst bist Du vollkommen mein, teures, heissgeliebtes Kind; von nun an kann ich wieder ganz Dein sorgender treuer Vater sein! Keine Gewalt auf Erden soll uns wieder scheiden, als der Tod!"
"In diesem Augenblick klirrte neben uns eine Scheibe, dass die Stücken zur Erde fielen und pfeifend schlug eine Büchsenkugel in den geschwärzten Tragbalken der Decke, dass einige braune Splitter umherflogen." Ich schrie entsetzt laut auf und barg mein Gesicht an der Brust des Vaters. Dieser tat, als sei nichts geschehen. "Unvorsichtigkeit eines Jägerburschen," sagte er, "der mit Schiessgewehr noch nicht umzugehen weiss!" – Ich ahnte aber wohl, aus wessen Büchse diese mahnende Kugel ausgesendet worden war.
"Ohne die traurigen Erinnerungen an grauenvolle hirnverrückende Momente der Vergangenheit hätte ich jetzt ein zufriedenes, ja glückliches Leben führen können. Die völlige Abgeschiedenheit, die rauschende Waldeinsamkeit, der Harzduft der Kiefern und Tannen, die zauberischen Sonnenuntergänge, welche die unabsehbare Waldung in goldenes, funkenflimmerndes Aeterlicht tauchten – das Brausen der nächtlichen Stürme, in denen die Geisterstimme der Haide erklang – dies Alles entsprach meinen Neigungen und sympatisirte mit meiner traurig-feierlichen Stimmung. Auch Altgewohntes fehlte nicht ganz, da ich ausser dem kleinen Eichhörnchen, das mich immer mit seinen zierlichen Sprüngen erheiterte, auch einige meiner geliebten Bücher aus dem brennenden schloss gerettet hatte."
"Von den Folgen dieses Brandes hörten wir nichts. Wir waren weit genug von dem Schauplatz des furchtbaren Ereignisses entfernt, um in grösster Ruhe auch die ausserordentlichsten Ereignisse abwarten zu können. Zeitungen und fliegende Blätter verirrten sich nicht zu uns, nur von ab- und zugehenden Köhlern oder Kienrusshändlern drang bisweilen eine Neuigkeit aus der bewegten Welt des bewohnten Landes in unsre Einsamkeit."
"Johannes trieb mit einer gewissen leidenschaft Vieh- und Bienenzucht. Er hatte, wie er mir später sagte, das von uns bewohnte und bequem mit städtischem Luxus eingerichtete Haidehaus käuflich an sich gebracht und lebte von dem nicht unbedeutenden Ertrage desselben. Ein ansehnlicher Strich Wald mit guter Torfgräberei gehörte dazu und gab ausreichenden Gewinn."
"Sehr lebhaft interessirte mich die Bienenzucht, an der ich schon früher, durch die Bekanntschaft mit Gregor, dem drolligen Schulmeister, Gefallen gefunden hatte. Ich fürchtete mich zwar noch immer vor den schwärmenden kleinen Tieren, liess mich aber doch von Johannes überreden, ihn einigemale in den Wald zu begleiten und der Pflege der wilden Bienen zuzusehen. Diese bauen in schlanke Baumstämme ihre durchsichtigen zarten Zellen und gewähren einen sonderbaren Anblick. Oft siedelten mehrere Schwärme in ein und demselben Stamme stockwerkartig über einander, oder es standen in weitem Halbkreise eine Menge hoher Föhren beisammen, die von Millionen Bienen bewohnt waren. In solche Hecken wilder Bienen einzudringen war nicht immer gefahrlos. Der Bienenvater, der Zeidler, wie man ihn hier nennt, musste vertraut sein mit den Gewohnheiten dieser fleissigen