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ich kurz vor dem tod meines Oheims zuweilen ebenfalls von diesem mann sprechen hören," bemerkte Herta. "Er musste ein Mann von Gewicht sein."

"Wie man's nimmt, meine gnädige Gräfin," versetzte der Maulwurffänger, die neugefüllte Tasse dankend aus Herta's schmaler Hand empfangend. "Als ich jung war, fürchtete, hasste und liebte man ihn, je nachdem Einer oder der Andere ein gutes oder böses Gewissen sich zur Nachtruhe unter den Kopf schieben konnte, denn der Johannes der Haide, wie er mit seinem richtigen Tauf- und Familiennamen hiess, war seiner Zeit ein ganz scharfer Richter, bei dem zwei mal zwei vier, und krumm immer krumm blieb und wenn ihm einer versprochen hätte, das Oel aus den Lampen aller klugen Jungfrauen für seine Nachtleuchte ihm zu verschaffen!"

"sonderbar!" fiel Herta ein. "Obwohl ich immer ein düsteres Vorgefühl und eine Scheu vor den Taten meines Vaters gehabt habe, mit Bestimmteit konnte ich doch nie erfahren, ob er und der berühmte oder berüchtigte Fürst der Haide ein und dieselbe person seien! Denn Ihr wisst, braver Alter, dass sich Johannes nach der Zerstörung des Schlosses Boberstein in die abgeschlossenste Einsamkeit zurückzog. Die Streifzüge des Fürsten der Haide wurden aber noch geraume Zeit fortgesetztwie ich nunmehr vermute, von den Tapfersten seiner gefährten. Und so erfahre ich mitin erst jetzt, dass Johannes, mein Retter und Rächer, wirklich jenen für alle vornehmen Verbrecher schrekkenvollen Namen führte."

"Es ist so, wie ich sage, meine gnädigste Gräfin," beteuerte Pink-Heinrich. "Derselbige Johannes, der in seinen guten Tagen ein Hauptschütze war und ein wahrer Mordhahn im Fechten und Reiten, und dem just wegen so vortrefflicher Eigenschaften der gnädigen Gräfin in Gott ruhende liebe Mutter zu tief in auge' und Herz geblickt hatte, derselbige Johannes legte sich später nach dem Unglück und Verdruss mit dem seligen Herrn Oheim auf das freie Kriegshandwerk. Nach Ihrer gnädigen Aeusserung hat er also ferner nicht mehr mit dem Stegreif gut' Freund sein mögen?"

Auf einen Wink Herta's trug Emma die Teemaschine nebst Tassen fort und Herta schickte sich an, in zusammenhängender Erzählung eine Skizze ihres Lebens seit ihrer gezwungenen Flucht von Boberstein den Freunden zu entwerfen.

"Ich beginne von dem Augenblicke an, wo wir von einander schieden," sprach Herta, indem sie ihre abgemagerte Hand dem neben ihr sitzenden Maulwurffänger reichte, als wolle sie ihm nach so langen Jahren nochmals für den ihr geleisteten Beistand und für die vielen Dienste und Gefälligkeiten, die er ihrer Freundin erwiesen hatte, Dank sagen. "Umgeben von den vielen Bewaffneten in Jägerkleidung, immer begleitet von dem häufig erstickenden Brandgeruch der Haide und überwölbt von einem trübrot flammenden Himmel, rollten wir in schlechter, schütternder Kalesche auf bald holprigen, bald tief in weichem Sande sich verlierenden Wegen dem verstecktesten Dickicht der Haide zu. Mein Vater rastete nur bei zerstreut liegenden Köhlerhütten, deren Bewohner staunend neben ihren knisternden und qualmenden Meilern standen und dem gespenstischen zug der finstern Rauchwolke nachsahen, die uns wie der mahnende Geist einer entsetzlichen Tat verfolgte. Ueberall bei diesen schlichten, ungebildeten, rohen, aber ehrlichen Leuten fand mein Vater zuvorkommende Aufnahme, sogar eine gewisse Ehrfurcht ward ihm erwiesen, und als er einmal auf eine an ihn gerichtete Frage mich gar seine Tochter nannte, trugen die guten Menschen das Allerbeste auf, was Küche und Keller bargen, und riefen uns tausend Segenswünsche bei unserm Aufbruche nach. Wehe mir, möchte ich noch jetzt sagen, dass sie sich nicht erfüllten, müsste ich nicht glauben, dass Gott mich zum Werkzeug seiner höheren Zwecke bestimmt und deshalb durch so grausame und lange Läuterungen führend, tüchtig dazu hat machen wollen!"

"Nach dreitägigem allerdings meist langsamem Vordringen in dem unermesslichen Waldesdickichtdes Nachts rasteten wir entweder bei Köhlern oder auf einer sogenannten Streu, wo sich dann immer einige kräftige Männer in grünen Jagdröcken und mit guten Büchsen bewaffnet einfandenerreichten wir drei Häuser, die einsam auf einer unbedeutenden Waldblösse lagen und an der freien Seite noch durch einen tiefen schwarzen Sumpf gegen unwillkommene Gäste geschützt waren. Nur vom wald her konnte man diese geräumigen, einstöckigen Bauernhäuser auf kaum sichtbaren Fusswegen betreten. Hier blieben wir, da mein Vater Geschäfte zu haben vorgab. Mir war Alles recht, wenn ich nur sicher sein konnte, das Angesicht dessen, den ich hasste, nicht mehr sehen zu dürfen. Die Bewohner der drei Häuser waren wendische Haidebauern, gutmütig, lustig und überaus gefällig, wenigstens gegen mich. Was ich wünschte, ward mir gebracht, jeder meiner unbedeutendsten Winke war ihnen Befehl. Ich ward bedient, wie nie, besser selbst, als es Emmas Gewandheit und Haideröschens Anmut je gelungen war. Man verwöhnte mich und nannte mich unverhohlen die Prinzessin der Haide, einen Titel, den ich herzlich belachte, den ich mir aber auch als höchst unschuldig gutmütig gefallen liess.

Bis zu diesem von allem Verkehr und jeder befahrenen Strasse fern gelegenen Versteck hatten wohl gegen dreissig jener grün gekleideten Männer uns unverdrossen begleitet. Hier verabschiedeten sie sich bis auf drei, von denen mir einer seiner furchtbaren Hässlichkeit und seiner boshaften, scheusslich rollenden Augen wegen immer unvergesslich bleiben wird. Diese drei noch sehr jungen Männer weigerten sich, den Uebrigen sich anzuschliessen, bestanden vielmehr darauf, bei dem Vater zu bleiben und hefteten sich buchstäblich an seine person. Johannes wollte dies nicht dulden, weil aber all' sein Zureden nichts half, ging er am Tage nach