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zu orientiren, dass er Anordnungen treffen und in streitigen Punkten ein entscheidendes Wort sprechen konnte, ohne sich eine Blösse zu geben.

Gilbert musste dem rüstigen Kapitän auch hier stets zur Hand sein und sich ausserdem bald als munterer Erzähler, bald als schnellfüssiger Bote, bald als schlauer Unterhändler gebrauchen lassen, eine Verwendung, die dem lebensfrischen Jünglinge ihrer Mannigfaltigkeit wegen ganz wohl gefiel.

Herta lebte ebenfalls mehr und mehr wieder auf. Ihr durch die unwürdigsten Verhältnisse und beklagenswertesten Schicksale so lange niedergedrückter Geist erwachte zu alter schöner Lebendigkeit in den Umgebungen, die ihren frühesten Gewohnheiten entsprachen. Sie hatte zwar nie den Zeiselhof in den Tagen ihres träumerisch-schönen Jugendglücks betreten, aber diese hohen Zimmer mit den veralteten Tapeten waren ihr lieb als Zeugen der Versuchungen, welchen Haideröschen hier so trotziglich widerstanden hatte. Das Andenken dieser unglücklichen, dieser unvergesslichen Freundin und Lebensgefährtin ehrend, erwählte sie das schmale Balconzimmer, das mit dem ehemaligen Wohnzimmer des Grafen Magnus durch die verborgene Falztüre in unmittelbarer Verbindung stand, zu ihrem Boudoir.

Später erschien auch Sloboda mit seinem Enkel auf dem Rittersitze und verkehrte tagelang mit dem redlichen Aurel, der das entsetzliche Unrecht seiner ganzen Familie durch seinen grosssinnigen Edelmut allein vergessen zu machen gesonnen schien. Auf sein Bitten liess Sloboda seinen Enkel ganz auf dem Zeiselhofe, und der Kapitän behandelte den jungen Menschen sofort mit einer Art humoristischen Respectes als rechtmässigen Besitzer desselben, obschon der Entscheid dieser Frage noch in weiter Ferne lag.

Zu den Feiertagen hatte Aurel die beiden Alten um einen Besuch auf längere Zeit gebeten. Sloboda und der Maulwurffänger trafen mehrere Tage vor dem Feste ein. Dadurch ward die Sendung des immer rüstigen Heinrich nach Boberstein möglich, die der alte Mann selbst übernehmen musste, wenn sie glücklichen Erfolg haben sollte. Schon am Abend des Christtages kam der schlaue Greis mit sehr zufriedener Miene wieder zurück und meldete den erwartungsvoll Harrenden, dass Martell vorläufig gerettet und seiner Familie notdürftig geholfen sei.

Man hatte bisher nicht hinlängliche Ruhe und geistige Sammlung gehabt, um von Herta die Erzählung ihrer Schicksale erbitten zu können. So nötig Aurel und der Maulwurffänger ein solches Aufschliessen der Vergangenheit auch hielten, immer gab es noch Dringenderes zu beschicken und zu ordnen. Erst zum Weihnachtsfeste trat ein erwünschter Ruhepunkt ein, und diesen bestimmte der Kapitän im Voraus zu einer Besprechung der Angelegenheiten seiner Tante, die ihm für den dereinstigen Ausgang des Prozesses sehr wichtig erschienen. Aus diesem grund wünschte er auch des Wenden und Heinrichs Anwesenheit.

Am Abende des zweiten Feiertages hatte sich dieser Zirkel so fremdartiger, verschiedenaltriger und doch so eng und nah verwandter Personendie Repräsentanten dreier Generationenin Hertas Zimmer am Teetische versammelt. Man zog es vor, die Diener gänzlich zu entfernen, um völlig ungestört sich der Vergangenheit und ihren Eindrücken überlassen zu können. Aurel schlug sogar vor, grösserer Sicherheit wegen die Unterhaltung französisch oder englisch zu führen, man musste indess aus Rücksicht für Sloboda und Pink-Heinrich darauf verzichten. Letzterer konnte nicht umhin bei diesem echt aristokratischen Vorschlage eine seiner trocknen Bemerkungen zu machen, die hinter drolliger und neckisch klingender Einkleidung immer einen sehr ernsten Sinn versteckten.

"Schade, mein Herr Seemann," sagte er, "dass ich dummer Dorfteufel in meinem langen müssiggängerischen Leben mein Tage nicht den gescheiten Einfall gehabt habe, das Parlez-vous zu traktiren! An gelegenheit war kein Mangel dazumal, als der Bonaparte die Welt mit Schwert und Kanonen regierte; 's wurde mir salt1 sogar von einem grossbesternten Offizier, den ich als Ordonnanz ins Oberland begleiten musste, angeboten, mir unentgeltlich in dem welterobernden Kauderwelsch Unterricht geben zu lassen, ich Narr bedankte mich aber gar schön bei selbigem Grossen. Denn, mein Herr Seemann, ich schämte mich just in meine altdeutsche Seele hinein, dass ich die Sprache eines Volkes lernen sollte, deren vermaledeites Lallen die Tugend unsrer Weiber untergrub! Ich kriegte, so zu sagen, mit Verlaub den Bittern auf die Parlez-vous und ihr Genäsele, und so bin ich denn ein altdeutscher ehrlicher Dumrjan geblieben. Beliebt es demnach den ehrenwerten Versammelten, so bitte ich und mein alter Freund um deutschen Discours. Es gilt ja dem unterdrückten volk, und da mein' ich, ist es recht und billig, dass der Hochgeborene lieber ein paar Staffeln herabsteigt, als dem armen volk die Zumutung macht, sich mühsam mit seinem schweren Geschüht zu ihm herauf zu haspeln."

Aurel nahm diese etwas derbe, aber mit listigem Augenblinzeln gehaltene Entschuldigungsrede seiner Unkenntniss mit Heiterkeit auf, scherzte selbst über sein undeutsches Ansinnen und wusste die Unterhaltung unmerklich so zu leiten, dass sich ein Gespräch über die Vergangenheit ungezwungen daran knüpfen liess. Man war heiter, traulich und fühlte sich bei dem brausenden Schneesturme, der über die Haide herantobte und Wolken staubfeinen Eises gegen die Fenster jagte, heimlich in der friedlichen Umgebung. Mit komischem Behagen und etwas täppischer Unbeholfenheit genossen Paul, Sloboda und unser Maulwurffänger das aromatische Getränk, das Herta noch mit der ganzen Zierlichkeit und Anmut ihrer Jugendjahre bereitete. Emma, die natürlich in diesem Kreise auch nicht fehlen durfte, versah das Amt einer Dienerin.

"Ich erinnere mich einer Nacht, wo es eben so stürmte," sagte der Maulwurffänger, indem er mit den Lippen schnalzte und die geleerte Tasse der teebereitenden Herta ungenirt zuschob. "Das war dazumal, als ich die Bekanntschaft des Fürsten der Haide machte, eines in seiner Art braven Mannes, weshalb ich aufrichtig bedaure, dass ich nicht weiss, was aus ihm geworden ist."

"Ist es mir doch, als hätte