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und werden also nicht sehr davon belästigt werden, am wenigsten aber verhungern. Meinen Sie dies nicht auch, Herr Vollbrecht?"

"Ihre Massregeln zu beurteilen, gnädiger Herr, erlaube ich mir nicht, da ich Sie in Ihren Entschliessungen so fest und unwandelbar finde."

"Das heisst mit andern Worten: Sie missbilligen mein Verfahren."

"Ich billige es nicht, Herr am Stein!"

"Aus Philantropismus?"

"Auch aus Klugheit."

"Fürchten Sie neue Ausbrüche der Unzufriedenheit?"

"Das nicht, Herr am Stein. Es gibt keine Unzufriedenen mehr, es gibt bloss noch Verzweifelnde und diese verlangen keine Unterredungen."

"Sondern? Sie verheimlichen mir noch einen Gedanken!"

"Wenn ich es tue, so geschieht es aus Schonung und Rücksicht für Ihren Gesundheitszustand, Herr am Stein."

"Dennoch bitte ich Sie, ehrlich mit mir zu verfahren, wie ich es mit Ihnen getan habe! Was fürchten Sie?"

"Den Wahnsinn Martells!"

"Wahnsinn?" wiederholte Adrian und sein Auge loderte heftiger auf. "Martell ist wahnsinnig? Wahnsinnig über den Tod seines Kindes?"

"Man besorgt allgemein, dass seine Vernunft dem namenlosen Seelenschmerz und der grenzenlosen Not, die in seiner Familie herrscht, ehestens unterliegen wird. Die Folgen eines solchen Unglücks wage ich nicht voraus zu bestimmen."

"Hat Martell die Arbeit eingestellt?"

"Immer bis auf den heutigen Tag war er der Erste an der Maschine und der Letzte, welcher den Saal verliess. Er arbeitete stets unverdrossen, aber mit einem blick, mit einem Lächeln, die das Entsetzliche, das in ihm vorgeht, oder sich vorbereitet, verraten. Man sagt, er betäube seinen Gram durch Branntwein!"

"Ich begreife nicht, was mich an diesem wilden Menschen anzieht," sagte Adrian nach kurzem Schweigen,"was mich wünschen lässt, dass er in eine bessere Lage versetzt werden möge, ohne dass ich selbst die Hand dazu reichen darf. Ein unerklärliches Etwas, eine dunkle Warnungsstimme hält mich ab, dass ich es nicht tue! Aber verderben, ganz elend, wohl gar wahnsinnig werden aus Mangel an dem Allernotwendigsten mag ich ihn doch nicht sehen! geben Sie daher Befehl, lieber Herr Vollbrecht, dass morgen früh der rückständige Lohn nebst dem auf die erste Arbeitswoche im neuen Jahr fallenden Martell ins Haus geschickt werde! Sie werden mir morgen Bericht erstatten, wie der Spinner diese Aufmerksamkeit aufgenommen hat und wie sein geistiges Befinden ist. Gesunde Feiertage!"

Vollbrecht verabschiedete sich. "Also doch noch eine Regung von Menschlichkeit?" sagte er im Fortgehen. "Oder wäre es das unerklärliche, geheimnissvolle Band des Blutes, das den herzlosen Egoisten zu einem Schritte des Mitleids zwingt, den er aus freiem Willen niemals getan hätte? – Wahrlich, mich verlangt zu wissen, mit welchem Blicke Martell das Geld empfangen wird! – "

Adrian öffnete jetzt die erhaltenen Briefe. Sie entielten höflich gefasste, glatte und süsse Glückwünsche zum fest und nahenden Jahreswechsel, und waren ausserdem noch von sehr reichen und kostbaren Geschenken begleitet, die Adalbert nebst Gattin dem lieben, kranken Bruder zum Andenken überschickten. Der Kranke freute sich wirklich einen Augenblick darüber, liess in einem Anfall kindischer Laune die Geschenke vor sich auf dem Tische ausbreiten, an Ermangelung eines Tannenbaums die goldnen Kronleuchter anzünden und weidete sich an dieser stillen kalten Christbescheerung in dem reich meublirten, von würzigem Duft und behaglicher Wärme erfüllten Zimmer.

Um dieselbe Zeit ruhten Martells Töchter, ihre Blösse kaum mit Lumpen bedeckt, Brust an Brust auf dem kalten Lager. Der Frost schüttelte sie, dass der Schlummer ihre verweinten brennenden Augenlider nicht schloss. Pfeifend fuhr der Wind durch die zerknickten Scheiben und trieb den Staub auf von dem rohen Estrich der unwirtlichen kammer. Lore weinte die bittersten Tränen über ihr grenzenloses Elend, Traugott suchte, wie immer, Trost und Erhebung im Gebet. über ihn breitete zuerst der Engel des Schlafes seine schirmenden Fittiche.

Gegen Mitternacht schwankte der halbtrunkene Martell am arme des Maulwurffängers in seine wohnung und bettete sich für diese verhängnissvolle Nacht auf der Bank hinter dem Ofen. Heinrich rückte die Pelzmütze in die Stirn, verschlang die arme über die Brust und schlief fest und tief bis an den Morgen.

Nach Tische liess Vollbrecht dem Herrn Adrian am Stein durch seinen Kammerdiener sagen, dass Martell jede Gabe des Grafen, die nicht zugleich auch seinen Mitarbeitern zu teil werde, mit Stolz und Verachtung zurückweise!

Adrian zuckte die Achseln, strich das Geld wieder ein und sagte verächtlich: "So mag er verhungern, der Trotzkopf, oder wahnsinnig werden! Mir alleins, wenn er nur zu grund geht!"

Dabei flog der Glanz eines leuchtenden Gedankens über sein krankhaft bleiches Gesicht. Er griff nach Papier und Feder, blätterte in seinem Taschenbuche, um sich einige Notizen darin aufzusuchen, und schrieb dann eiligst einen Brief nach Hamburg, den er seinem Kammerdiener zu schneller Besorgung übergab.

Drittes Kapitel.

Rückblicke.

Lange Jahre hatte der Zeiselhof keine so heitern Tage gesehen, als das diesmalige Weihnachtsfest. Ein anderer, ein guter Geist, war mit Aurel und seinen Begleitern eingezogen und hatte bald wieder Leben und Frische in die bis dahin verödeten Gemächer gebracht. Der Kapitän, fest entschlossen, das Vaterland vor Ausgang des Prozesses nicht mehr zu verlassen, nahm sich der inneren Verwaltung des bedeutenden Rittersitzes mit Eifer an, und obwohl er von Oeconomie wenig verstand, wusste er sich doch mit Hilfe des gegenwärtigen Verwalters schnell so weit