."
"Sie meinen die Arbeiter?"
"Ihre darbenden Arbeiter!"
Adrian schloss auf einige Secunden die Augen, dann sagte er: "Verurteilen Sie mich nicht, lieber Herr Vollbrecht, der Schein trügt häufig und Handlungen, die ursprünglich von der edelsten Gesinnung dictirt werden, können sich, oberflächlich betrachtet, als verbrecherisch darstellen. Fast scheint es mir, als geschähe dies mit dem Verfahren, das ich seit längerer Zeit gegen meine Arbeiter beobachte. Läugnen will ich zwar nicht, dass ich von ihrer Aufsätzigkeit erbittert, einigemale härter mit ihnen umgegangen bin, als es vielleicht vom christlich-humanen Standpunkte aus erlaubt war, allein das muss man auf Rechnung der Gereizteit setzen, wo auch der beste Mensch sich schlimmen Neigungen und bösen Einflüsterungen überlässt. Ich habe dies vielmals beklagt, um so mehr beklagt, als mich Klugheit und Selbsterhaltung nötigen, mir keine Blösse zu geben. Das begreifen Sie so gut, wo nicht besser als ich, Sie wissen wie schwierig eine so grosse Menge immer zu übertriebenen Forderungen aufgelegter Arbeiter zu lenken und zu befriedigen ist. Die Güte des Arbeitgebers wird von solchen Leuten regelmässig gemissbraucht, zuvorkommende Behandlung, freigebige Anerkennung ihrer Dienstleistungen nie dankbar aufgenommen. Das Herz des Arbeiters ist dem Arbeitgeber stets feindlich gesinnt, weil er sich immer bevorteilt und den Herrn im Vorzuge glaubt. Alle Fabrikbesitzer haben diese Erfahrungen gemacht und sind durch sie zur erkenntnis sowohl ihres eignen wie des Vorteils ihrer Arbeiter gekommen. Hoher Lohn, mein lieber Herr Vollbrecht, verdirbt jeden, auch den allerbesten Arbeiter. Er macht ihn hochmütig, üppig, verschwenderisch, ungehorsam und unverträglich. Statt zu sparen und auf die Zukunft zu denken, schwelgt, prasst, spielt und wettet er, und statt dem Herrn treu und ergeben zu bleiben, verleumdet er ihn und sinnt nur darauf, wie er sich in seinem Sinne noch verbessern kann. Nie, lieber Volbrecht, wird die Arbeit schlechter verrichtet, als wenn der Lohn ein verhältnissmässig hoher, der Verdienst mitin ein leichter ist! Dies erkennend, schlug ich einen andern Weg ein und gedenke diesen, mit Gottes Hilfe, auch fernerhin beizubehalten. Ein gewisser Grad von Dürftigkeit ist ein wahres Glück für den Arbeiter, wie für die Arbeit! Jener wird williger, fleissiger und genügsamer, diese besser und mitin vom Käufer begehrter! Wenn der Arbeiter sich abhängig fühlt, begründet er von selbst sei Glück! Es ist also nicht Härte, nicht Grausamkeit und Eigennutz von mir, wenn ich die häufigen Klagen meiner Arbeiter nicht beachtete, vielmehr stellte ich mich hart und unerbittlich zu ihrem eignen Besten. Was ich ihnen an Ueberfluss abgehen liess, behielt ich für sie und ihre Kinder zurück, damit ihnen im Fall der Not, bei wirklich eintretendem Mangel und ausbrechender Teuerung ein Kapital gesichert bleiben möge. Freilich musste das heimlich und ohne ihr Mitwissen geschehen, weil sie mich sonst auf der Stelle ermordet oder doch geplündert haben würden; aber mein Testament wird dereinst zeugnis ablegen von meiner Rechtlichkeit und väterlichen Fürsorge für Diejenigen, die ihr Leben meinem Dienst geweiht haben. Ihre Kinder werden mein Grab noch mit Tränen benetzen und die unverdienten Flüche und Verwünschungen damit auszulöschen suchen, die ihre kurzsichtigen älteren auf meinen Namen gehäuft haben in blindem Wüten!"
Adrian verstand es vortrefflich, eine Rührung zu heucheln, von der sein Herz nichts wusste. Dennoch ward Vollbrecht von diesem scheinbar ehrlichen und offenen Bekenntnisse doch überrascht. Genau mit den Neigungen der Fabrikarbeiter vertraut, musste er Adrian in vielen Behauptungen Recht geben; tausend Beispiele bestätigten den Hang dieser Leute leicht und schnell Erworbenes eben so schnell wieder zu verwüsten! Ihre Neigung zu sinnlich verschwenderischem Leben, zu hochmütiger und prunkvoller Tracht liess sich nicht verleugnen, und dass sie die Herren gern tyrannisirten, wenn sie die Macht dazu besassen, war einer der hässlichsten Züge in ihrem Charakter. Eine gewisse Beschränkung konnte daher wirklich nötig und zu ihrer sittlichen Veredlung dienlich sein, nur durfte eine solche nicht die äussersten Grenzen des Erlaubten überschreiten und den freien Menschen zu einem nach Brod winselnden Hunde herabwürdigen! So weit aber hatte Adrian urkundlich sein sogenanntes Wohlwollen und seine väterliche Fürsorge getrieben. Vollbrecht selbst glaubte übrigens nicht an die Versicherungen des Grafen, er hielt sie nur für eine neue, zu völligem Verderben der Wehrlosen lockend ausgeworfene Schlinge.
"Wenn dies wirklich Ihre höchst ehrenwerte Absicht ist, Herr am Stein," versetzte der Buchhalter, "so würden Sie sich mit einemmale die Herzen aller Ihrer Arbeiter gewinnen durch ein Weihnachtsgeschenk, das Sie ihnen verabreichen liessen. Sie dürfen nicht besorgen, dass ein solches Ihre Untergebenen übermütig machen würde! Dazu besitzen sie sammt und sonders zu wenig; wohl aber würde es viele Tränen trocknen, viele Gemüter beruhigen und einer Bevölkerung von einigen Tausenden den Uebergang aus einem alten Jahre in ein neues versüssen."
"So glauben Sie in Ihrer Menschenfreundlichkeit, lieber Vollbrecht," entgegnete Adrian, "ich aber weiss, dass der Eindruck einer solchen Handlung gerade jetzt ganz andere Folgen haben würde! Das Sprüchwort vom Löwen, der, wenn er Blut geleckt hat, lüstern wird nach dem Fleische, würde sich in erschreckende Wahrheit verwandeln! Ein solches Geschenk sagte diesen unersättlichen, mir feindlich gesinnten Menschen, dass meine Behauptung von geringer Einnahme nicht streng wahr gewesen sei, sie würden gierig mehr verlangen, und im Weigerungsfalle voll Wut und Raserei mein Besitztum überfallen. Damit dies unterbleibe, ich selbst aber die Feiertage ruhig verleben und mich etwas erholen kann, mögen sie noch bis Neujahr schmale Kost geniessen. Sie sind daran gewöhnt