Kammerdiener.
"Ich will es aber jetzt, will es sogleich wissen und ohne Vorbehalt!" fiel Adrian heftig ein, da ihn der, obwohl gutgemeinte, Widerspruch seines Kammerdieners ärgerte. "Rede oder ich jage Dich noch heute fort, ohne Lohn und Christbescheerung!"
Fragend sah der Diener seinen ältern gefährten an und da ihm dieser achselzuckend zuwinkte, sagte er:
"Ich wollte bloss bemerken, Ew. Gnaden, dass die Mehrzahl der Spinner sehr traurige Feiertage halten wird, da wie Sie wissen, das fest in die Woche fällt und auf Ihren ausdrücklichen Befehl die Lohnauszahlung erst am Tage nach Neujahr erfolgen soll. Die Meisten sind nun ohne Brod, ohne Holz, ohne Winterkleider und die Kälte ist seit heute Morgen um viele Grade gestiegen!"
Adrian bewegte teilnehmend und bejahend den Kopf, ohne, wie der Kammerdiener gefürchtet hatte, im Geringsten deshalb aufzubrausen, was doch in gesunden Tagen seine Art war.
"Freilich," sagte er, "das ist sehr schlimm für die guten Leute, allein es wird auch das Gute haben, sie in Zukunft vorsichtiger und sparsamer zu machen. Ich konnte es nicht wissen, dass sie die paar Groschen so gar nötig brauchten, – ich phantasirte ja! Vielleicht habe ich gar diesen Befehl in der Fieberhitze gegeben, denn ich kann mich durchaus nicht mehr auf ihn besinnen."
"Befehlen vielleicht Ew. Gnaden, dass Herr Vollbrecht jetzt noch – es ist sechs Uhr vorüber –"
"Nein, nein, nein, keine Störung, kein Widerruf! Ein Herrenwort muss heilig sein, sonst sinkt der Respect. Die guten Leute werden sich behelfen, wie sie können, werden einander borgen und recht sparsam leben. Sie verderben sich nicht die Magen im Christbrod, was sie gern tun, wenn sie's haben, und so stiftet mein Fieberbefehl noch eine gute Tat!"
Wieder flog jenes teuflische Hohnlächeln über die Züge des kraftlosen Kranken. Adrian wusste sehr wohl, was er getan hatte. Er wollte keinen seiner Arbeiter entlassen, was nur möglich war, wenn er die Ablohnung verzögerte. Nach dem Neujahr waren sie abermals sein unter jeder Bedingung, denn bis dahin konnte das Ergebniss der Leipziger Messe ein Vorwand werden, den Lohn auf der bisher beliebten niedrigen Taxe zu erhalten. Und dies war Adrians Absicht.
"Geh," sagte er nach einer langen Pause zu seinem Kammerdiener, "geh und bitte Herrn Vollbrecht, wenn es ihm gefällig sei, mich bald mit seinem Besuche zu beehren."
Nach diesem Befehl legte sich der Kranke bequem in den Lehnstuhl zurück, schloss die Augen und schien zu schlafen. Der Bediente entfernte sich, um den Gebieter nicht zu stören, und so gewann dieser Zeit und Ruhe, im Stillen über die mancherlei wichtigen Angelegenheiten, die ihn beschäftigten, mit sich zu Rate zu gehen.
Nach Verlauf einer Viertelstunde, während dem Adrian kein Zeichen des Lebens von sich gegeben hatte, liess sich Vollbrecht melden und ward angenommen.
Nie hatte Herr am Stein seinen Buchhalter und Geschäftsführer mit grösserer Innigkeit empfangen, als an diesem Abende. Von schnöder Entlassung, von rachsüchtigen Drohungen, wie Adrian sie vor wenig Wochen gegen den freimütigen Mann ausgestossen, war nicht mehr die Rede. Adrian hatte das entweder wirklich vergessen, oder ignorirte es aus geheimen Beweggründen geflissentlich. Dass er Vollbrecht fein volles Vertrauen noch immer schenken sollte, war bei seinem misstrauischen und versteckten Charakter, der alles gerade Wesen hasste, nicht anzunehmen.
Der Buchhalter beglückwünschte den Grafen kühl zu seiner Besserung und überreichte ihm zwei Briefe von Adalbert und dessen Gattin. Ein paar Packete, die zugleich mit angekommen waren, legte er auf den Tisch.
"Mein lieber Herr Vollbrecht," begann Adrian, mit den Briefen spielend, "ich habe Ihnen grosses Unrecht abzubitten. heute, wo ich mich zum ersten Male als einen zum Leben Erwachten ansehen darf, fühle ich mich unwiderstehlich zu solcher Abbitte gedrungen; denn ich sehe wohl ein, dass ich nur Ihrer Umsicht, Vorsorge, Treue und Anstrengung den gesegneten Fortgang meines umfangreichen und verwickelten Geschäftes zu verdanken habe, und ganz allein durch Ihr ernstes und zugleich mildes Wesen, durch Ihre anhänglichkeit an mich und Ihre Herablasung gegen die unruhige Masse der Arbeiter grosser Gefahr entgangen bin. Sie haben mich gerettet, mich mir selbst erhalten und feurige Kohlen auf mein Haupt gesammelt. Empfangen Sie für so uneigennützige Liebesdienste den aufrichtigen Dank eines kranken Mannes, der Sie beleidigte, als er schon nicht mehr bei voller Besinnung war."
Vollbrecht konnte die dargebotene Hand nicht ausschlagen. Adrian drückte und schüttelte seine Rechte wie ein wahrer Freund.
"Mit diesem Händedruck lassen Sie das Vorgefallene vergessen, für immer aus unserm Gedächtniss verschwunden sein!" fuhr Adrian fort. "Gern möchte ich Ihnen meine Erkenntlichkeit an den Tag legen, allein ich weiss schon, dass Sie ein hartnäckig edelmütiger Mann sind, dem schwer beizukommen ist. Sie nehmen keine Geschenke an, nicht einmal an Festen, wie das heutige, wo sich die halbe Welt beschenkt. Wie, Herr Vollbrecht, soll man es denn anfangen um es Ihnen zu beweisen, dass man Ihnen Dank schuldig ist? Darf ich Ihnen eine Gehaltszulage anbieten, ohne Sie zu beleidigen?"
"Ich würde mich wahrhaft freuen, ja im Innersten beglückt fühlen, Herr am Stein, wenn Sie das Wohlwollen, welches Sie unverdienterweise mir schenken, auf Diejenigen übertragen wollten, die es in weit höherem Grade verdienen und dessen weit mehr bedürftig sind, als ich