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gestorben sein als Märtyrer des Gelderwerbes, der jedes andere Interesse bei ihm überwog, weil er im Besitz möglichst grossen Reichtumes die mächtige gebietende Gewalt erkannte, welche die Welt beherrscht, leitet, regiert und knechtet.

Mehrere Tage lang fielen unter den drei Brüdern viele harte Kämpfe vor, ohne dass Einer den Andern zum Uebertritt auf seine Seite bewegen konnte. Es war an Einigung, an friedliche Ausgleichung nicht zu denken, da sich fester Gerechtigkeitssinn und christlicher Humanismus an jesuitischer Schlauheit und aller sittlichen Unterlage gänzlich entbehrendem einseitig modernen Speculationsgeiste rieben.

Unter keiner Bedingung wollte Adrian gestatten, dass Herta als Familienglied betrachtet werde. Er drang hartnäckig in Aurel, dass er die unheimliche Matrone mit einem tüchtigen Geldgeschenk, welches ihr ein sorgenfreies Leben gewähre, entlassen und ihr einen bestimmten Wohnort anweisen solle, mit der Bedingung, über ihre Vergangenheit gegen Jedermann unverbrüchlich zu schweigen. Diesem Verlangen trat Adalbert sehr energisch bei, indem er nachzuweisen suchte, dass die Ehre ihres Hauses ein solches an sich ganz ehrenwertes und lobenswürdiges Verfahren erheische. Eine Menge Beispiele aus der geschichte grosser Fürstengeschlechter sollten dem Kapitän beweisen, wie rechtmässig oder doch wenigstens erlaubt und weltklug solche Handlungsweise sei.

Aurel gab aber nur sarkastische und nichts weniger als beistimmende oder beruhigende Antworten. Je länger und lebhafter die Unterhandlungen gepflogen wurden, desto mehr überzeugte sich der schlichte Seemann von der tiefen Verderbteit seiner Brüder. Gewohnt, seinen Gedanken Worte zu leihen, erklärte er sie für ehrlos, ihr Handeln für infam und kündigte ihnen Krieg auf Leben und Tod an. Der vornehme Adalbert wollte sich darauf mit dem rücksichtslosen Bruder schlagen, stand jedoch auf Adrians Zureden von seinem Vorhaben ab. Die Brüder trennten sich in grösster Erbitterung und Aurel verliess sechs Tage nach seiner Heimkehr Boberstein, um sich unvermerkt mit Herta und Emma nebst Gilbert auf den Zeiselhof zu übersiedeln. Entschlossen, den feindlichen Brüdern die Spitze von jetzt an zu bieten, gab er seine Reise nach Amerika und Westindien auf, übertrug die Führung des bereits befrachteten Schiffes einem zuverlässigen ihm befreundeten Kapitän und suchte sich unverweilt mit denjenigen Personen in Verbindung zu setzen, die er von nun an als Freunde und Bundesgenossen begrüssen musste.

Das konnte ihm bei seiner Umsicht und erlangten Vorkenntniss nicht schwer fallen. Gilberts Gewandteit unterstützte ihn ausserdem vortrefflich und in Zeit von kaum acht Tagen war er in das Gewebe, welches der Maulwurffänger zu Adrians Verderben angezettelt hatte, so tief eingeweiht, dass er rüstig mit daran arbeiten und in verwandtem Sinne fortwirken konnte.

So gross diese Störungen waren, einen sichtbaren Einfluss auf die Geschäftstätigkeit in der Fabrik äusserten sie nicht. Hier blieben alle von Adrian getroffene Anordnungen in Kraft und erlitten während der ganzen Dauer seiner Krankheit nicht die geringste Abänderung. Ohne Vollbrechts milde Verwaltung und Oberaufsicht wäre diese kritische Zeit wohl kaum so gänlich ungestört vorübergegangen, doch diesem mann gelang es durch väterliches Ermahnen und durch Hindeuten auf die nahe Zukunft die Murrenden immer wieder zu beschwichtigen. Aurel nebst seinen bäurischen Verbündeten musste freilich an Aufrechtaltung der Ruhe und strengster Gesetzlichkeit jetzt Alles gelegen sein, wenn der Prozess für alle daran Beteiligte einen glücklichen Ausgang haben sollte. Er fürchtete für seinen namenlos erbitterten, in allen Gefühlen tiefgekränkten natürlichen Bruder und doch wünschte er vor Allem gerade diesen gerettet, vor dem Gesetz gerechtfertigt zu sehen. Vollbrecht, auf dessen Verschwiegenheit man bauen konnte, ward in das geheimnis gezogen und entledigte sich des schwierigen Auftrags zu Aller Zufriedenheit. Als er dennoch einen ungesetzlichen Schritt von Martell befürchtete und keinen Weg zur Beruhigung des bis zum Wahnwitz erbitterten Spinners mehr einzuschlagen wusste, meldete er diese bedenkliche Stimmung dem Kapitän, worauf dieser den vermittelnden und immer dienstbereiten Maulwurffänger abschickte, um durch Mitteilung des Geheimnisses, das man aus Vorsicht noch nicht laut aussprechen durfte, den unglücklichen Armen zu beruhigen und mit neuem Hoffnungsatem zu beleben. Wir haben gesehen, dass diese Vorsicht nicht unnötig war, wenn Martell nicht geistig und körperlich untergehen, vielleicht gar in wilder Raserei, brennend und mordend, sterben sollte.

Am Weihnachtsabende verliess Adrian zum ersten Male wieder sein Bett. Er war äusserst schwach geworden und konnte nur mit Hilfe zweier Diener über das Zimmer gehen. Gebückt, mit zitternden Gliedmassen, hustend, bleichen Angesichts und mit tiefen, noch krankhaft lodernden Augen liess er sich von Sessel zu Sessel gängeln, bald ans Fenster tragen, um sein brennendes Auge an dem reinen silbergestickten Winterkleide zu laben, mit dem sich die natur zum Feste geschmückt hatte, bald wieder zum Kamine geleiten, damit er die wohltätige Wärme des stillglimmenden Kohlenfeuers einsaugen könne.

"Hat Vollbrecht die arbeiten einstellen lassen?" fragte er matt. "Es ist mein Wille, dass alle Arbeiter die Feiertage über freie Zeit haben, damit sie sich erholen und Gott danken können für alles Gute, das er an ihnen getan hat."

Obwohl Adrian seine abgemagerten Finger dabei faltete, zuckte doch ein flüchtiger Zug grausamen Hohnes um den eingekniffenen Mund, der zeugnis gab von des Kranken zur Gewohnheit gewordenen Heuchelei.

"Seit heute Morgen stehen die Maschinen still, gnädigster Herr," versetzte der Kammerdiener.

"Das ist Recht, das freut mich! Wie zufrieden werden meine Arbeiter mit dieser Einrichtung sein!"

"Ew. Gnaden," sagte der Bediente, unterbrach sich jedoch selbst, da ihn der Kammerdiener unsanft anstiess.

"Nun?" fragte Adrian, als er die Verlegenheit des jungen Menschen und sein Erröten bemerkte. "Warum schweigst Du, wenn Du mir eine Mitteilung zu machen hast?"

"Es hat Zeit damit bis nach dem Feste," bemerkte der