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"und dass er diejenigen züchtiget, die er lieb hat. Du weisst, dass Dein und jedes Rechtlichen Feind, Graf Adrian von Boberstein, krank darniederliegt ob des Schreckens, den der Abfall seines Bruders Aurel von ihm und seiner ungerechten Sache ihm verursacht hat; Du weisst ferner, dass der gegen ihn angehängte Prozess schwerlich zu seinen Gunsten entschieden werden kann; Du weisst endlich, dass seine Besitzungen in andere hände übergehen werden und ihm selbst vielleicht nur ein geringer teil der grossen herrschaft zufällt! Oder wusstest Du dies nicht?"

"Ich weiss es," sagte Martell.

"Und dennoch verzweifelst Du? Dennoch wirfst Du Dich dem Laster des Trunkes in die arme? Dennoch sinnst Du auf kannibalische Rache?"

"Die Not hat mein Herz verbrannt. Rache würde die Flammen kühlen, die ich in mir lohen fühle!"

"Ich bringe Dir Rache zum Weihnachtsgeschenk."

"Rache? Ist Adrian tot oder wahnsinnig?"

"Adrian lebt und wird hoffentlich noch lange leben, Du aber Martell, Du bist –"

Der Maulwurffänger hielt inne und heftete fest sein klares Auge auf den aufgeregten Spinner.

"Ich bin ein armer Mann," sagte Martell, "das weiss ich, das fühle ich in diesem Augenblick mehr als je; mit einem Reichen würdet Ihr Euch keinen solchen Scherz erlauben."

Schwer fiel die Hand des Maulwurffängers auf Martells Schulter. Er schüttelte ihn heftig. "Ungestümer," sprach er, "gleichst Du doch ihm, dem Du verwandt bist, in allen Dingen, nur nicht in der kalten Ruhe der Entschlossenheit! Martell, die stimme des Gerichts nennt Dich einen nahen Verwandten Paul Sloboda's und Adrians am Stein! Zu Deinen Gunsten wird der Prozess gewonnen!"

Bei diesen Worten fiel der bestürzte Arbeiter wie vom Schlage getroffen rückwärts auf seinen Schemel, sein Gesicht rötete sich, er röchelte krampfhaft und ein Strom schwarzen Blutes entströmte seinem mund.

"Ich dachte es, dass es ihn fürchterlich erschüttern würde," murmelte der Maulwurffänger für sich, "Gott Lob, dass ich ihn nicht die volle Wahrheit sagte! Sie hätte ihn getödtet."

Fussnoten

1 In den englischen Kattundruckereien wendet man wirklich diese grausamen Mittel an, um die 'Zieher,' wozu selbst die kleinsten Kinder benutzt werden, während ihrer vier und zwanzigstündigen Arbeit wach zu erhalten.

Zweites Kapitel.

Ein Genesender.

Adrian war schwer, doch nicht lebensgefährlich erkrankt. Er hatte sich von dem geistigen Schwindel, der ihn bei Herta's Ankunft befallen, nicht wieder vollständig erholt. Vermehrte Sorgen, gehäufte feindliche Bewegungen unter seinen nächsten Umgebungen, endlich ein heftiger erschütternder Zwist mit Aurel, dem ein vollkommener Bruch folgte, hatten seine an sich starke und elastische natur doch untergraben. Ein Nervenfieber warf ihn nieder und hielt ihn noch jetzt ans Lager gefesselt.

In der Zwischenzeit hatte der Maulwurffänger all seine Schlauheit aufgeboten, um für die Sache seiner Freunde festen Boden zu gewinnen. Er machte riesige Fortschritte, da Adrian nicht Gegenminen graben und den gefährlichen Feind in die Luft sprengen konnte. Etwas hätte der Leidende wohl tun können durch geschickte Bevollmächtigte, allein er nahm Anstand, in so verwickelten und delikaten Angelegenheiten einen Dritten für sich und in seinem Namen handeln zu lassen. Lieber wollte er den nunmehr unvermeidlichen Prozess auf ungewisse Zeit hinaus verlängert sehen, als Familiengeheimnisse, die er nicht einmal selbst klar durchschaute, Andern rücksichtslos Preis geben.

An dem schon in den ersten Tagen nach Herta's Ankunft auf Boberstein ausbrechenden Bruderzwiste war Aurels herbe Geradheit Schuld. Adrian, bekannt mit seines Bruders schroffem und leicht erregbaren Charakter, schlug von Anfang an die glatten Wege sanft streichelnder und freundlich lächelnder Politik ein. Er glaubte Aurel durch gleissnerische Ueberredungskünste für seine Pläne gewinnen zu können. Auch gab er nur Andeutungen, nichts Ausgeführtes. Allein bei Aurel verfing Alles nicht. Er blieb mit seemännischer Festigkeit bei seinem Ausspruche: da man vor langen langen Jahren verübtes Unrecht entdeckt habe, sei es ihre Pflicht, dasselbe möglichst wieder gut zu machen. Man müsse daher nicht allein Tante Herta einen anmutigen Wittwensitz geben, sondern allen denen, die rechtmässige Forderungen an ihre Familie zu machen hätten, nach Kräften genügen. Zum Glück sei dies jetzt möglich, ohne dass sie selbst im strengen Sinne des Wortes zu leiden hätten. Ehe man jedoch einen solchen Schritt tue, sei es nötig, durch öffentlichen Aufruf jedes etwa zerstreut oder verschollen im In- oder Auslande lebende Glied der gräflichen Familie Boberstein zu schleunigster Rückkehr in seine ursprüngliche Heimat aufzufordern. Nur so würde man jedem Prozess entgehen und die achtung des gesammten deutschen Publicums sich für immer erwerben. –

Diese Vorschläge und Zumutungen liefen nun freilich den eigennützigen Plänen Adrians schnurstracks entgegen. Ihm war daran gelegen, jede Spur seines Vaters, der ein Boberstein sich zu schämen oder richtiger die er zu fürchten hatte, für immer zu vertilgen, auf ewig in die Nacht der Vergessenheit zu stürzen. Er wollte die verstreuten Reste verhasster Verwandten nur kennen lernen, um sie in der Stille, unvermerkt, ja, wenn es nötig sein sollte, durch neue heimliche Verbrechen auszutilgen. In diesem Sinne hatte er den uns bekannten Brief an Aurel geschrieben; diesem Zwecke entsprechend, hatte er in jeder Hinsicht gehandelt; für die notwendigkeit dieses Verfahrens hatte er ohne Mühe seinen jüngsten Bruder Adalbert gewonnen. Seine Meinung aufgeben und Aurels rechtlichen Forderungen beitreten hiess den festen Unterbau seines kaum begründeten irdischen Glückes vernichten. Seiner Charakteranlage nach konnte er sich dazu nicht entschliessen. Lieber würde er