Hektische. "Sollten die zarten kleinen Dinger auch so gequetscht und zerrissen werden?"
"Mit ihnen würde ich etwas glimpflicher verfahren," versetzte Martell. "Damit sie einen Begriff bekämen von den Lasten und Mühen ihrer armen gedrückten Mitschwestern und in späteren Jahren, wenn sie nicht mehr Lust hätten, auf Liebschaften auszugehen, sich etwas erzählen könnten, würde ich sie in den Kattundruckereien Adalberts in England als Zieher anstellen."
"Damit sie dicke Füsse, dünne Beine und aufgetriebene Leiber kriegten?" rief ein roher, halbtrunkener Bursche mit struppigem Flachshaar. "Ha, ha, ha, das ist, mein Seel', ein teufelmässig höllisch gescheidter Einfall! Das Ziehen machte sie hässlich vor der Zeit und ungesund obendrein, und dergleichen Weibsleute sollen auch unter den Vornehmen sehr schlechten Abgang finden! Heda, Mitgenossen, die Gläser gefüllt und angestossen auf die Gesundheit Martells. Wo das Regiment einmal wechselt, soll er unser König sein! Meine stimme hat er!"
Alle Umsitzenden stiessen an auf das Wohl des zukünftigen Spinnerkönigs. Martell nahm diese Huldigung ruhig hin und fuhr dann fort:
"So scharfsinnig unser Freund und Bruder auch ist in seinen Voraussetzungen so hat er doch das Wahre nicht getroffen. Freilich werden die Zieher elend und hässlich in wenigen Jahren und manch Dutzend stirbt, ehe sie mannbar geworden sind, aber wäre das Strafe, wäre das Rache zu nennen, wie unsere Qualen sie verdient haben? Nein und abermals nein, sag' ich! Nur wenn augenblickliche Qual und späteres lebenslanges Hinsiechen sich vereinigen, nur dann könnten wir uns rühmen, hinreichende Rache geübt zu haben! Deshalb müssten Adrians Töchter – Gottes Fluch auf sein Haupt, weil er keine hat – gleich jenen unglücklichen Ziehern, vier und zwanzig Stunden ohne Unterbrechung arbeiten und, damit ihnen der Schlaf nicht die Kräfte lähmte, von Viertelstunde zu Viertelstunde Niesswurz schnupfen. Das erhält wach und peinigt grausam das ganze Nervensystem so armer Kinder. Oder man liess ihnen eiskaltes wasser tropfenweis in kurzen Zwischenräumen auf den Kopf fallen1, teils zur Abwechselung, teils zur Erfrischung, und mein Wort darauf, binnen zwei Jahren hätte man die gräfliche Nachkommenschaft in Grund und Boden ungesund, siech und elend gemacht!"
"Die eigene Not, Martell, und die bittern Erfahrungen, die Du vor Kurzem gemacht hast," meinte der besonnene Anton, "führen Dich auf Abwege und lassen Gedanken in Dir entstehen, die nichts gemein haben mit christlicher Milde. Du frevelst, Du versündigst Dich, wenn Du im Ernst solche Wünsche äussern kannst!"
Martell schoss flammende Blicke auf den zurechtweisenden Tadler. Der schnell genossene Branntwein war ihm schon zu kopf gestiegen, sein eingefallenes, bleiches Gesicht begann sich zu röten.
"Ein Hund, der vergibt, was mir geschehen ist!" rief er aus. "Er soll verfaulen auf dem Schindanger! Rache, sag' ich, Rache, für das Unrecht, das wir erlitten haben! Die Gläser voll, Elendsgenossen! Ein langes Leben für Adrian! Ein Leben voll Qual und Jammer und Armut! Der Bettelstab sei der Freund seines Alters!"
Jauchzend stiessen die Unglücklichen ihre kleinen Gläschen zusammen und stürzten sie mit wilden Blikken, mit wutgerötteten Gesichtern aus. Mitten in diesem Taumel wüster Lust hörte Martell sich mit Namen rufen.
"Wer fragt nach mir?" sagte er und wendete sich unwirsch um, denn er besorgte, seine Frau möchte ihm nachgeschlichen sein und ihn heim holen wollen. Statt dessen sah er in die offenen, ernsten und doch so schalkhaft funkelnden kleinen Augen des Maulwurffängers.
"Pink-Heinrich!" sagte er lächelnd und reichte dem Greise die Hand. "Was treibt Euch in die Haide bei solchem Frost- und Schneewetter?"
"Die sorge um Dich und Deine Familie," sagte der Maulwurffänger mit ernstem Tone.
Martell runzelte die Stirn und schlug die linke Hand in sein lockiges Haar.
"Ich hielt Dich für einen starken Mann, und sehe nun, dass Du schwach bist wie ein Weib. Schäme Dich, Martell!"
"Rechte nicht mit mir, Heinrich, rechte mit der Verzweiflung, die in meinen Adern rast, rechte mit Gott, der mich verlassen hat!"
"Er hat Dich nicht verlassen, er ist mit Dir!"
"Gott mit mir? Ha, ha, ha, ha! Wenn Gott mit mir sein soll, so muss der Teufel eine Betschwester geworden sein! – Heinrich, ich glaube, es gibt keinen Gott oder nur einen Gott für die Reichen!"
"Es gibt einen Gott für arme und Reiche, für Gute und Böse, und dieser Gott ist mit Dir, Martell, mit Dir vor tausend Andern!"
Der Spinner sah den Maulwurffänger mit ungläubigem Auge an.
"Ah so," sagte er, ironisch lächelnd, "ich erinnere mich, dass heute Weihnachten ist! Da willst Du vermutlich den heiligen Christ spielen und mir 'was schenken. Knecht Ruprecht, lieber Alter, würde Dir aber jedenfalls besser zu Gesicht gestanden haben!"
"Bin ich auch nicht der heilige Christ, so betrachte ich mich doch als seinen auserwählten Boten. Ja, Martell, ich komme, Dir ein Weihnachtsgeschenk zu überreichen. Bist Du bereit, es in Empfang zu nehmen?"
"Ein armer Mann ist immer bereit zu nehmen. Pack' also getrost aus!"
"So lerne einsehen, dass Gott mit Dir ist, Martell!" erwiderte der Maulwurffänger feurig,