Stirn des verarmten Arbeiters, er stöhnte unter unaussprechlichen Qualen. Kummer und Hunger schlugen gemeinschaftlich ihre zerfleischenden Krallen in sein gequältes Herz. Er schwang in ohnmächtigem Zorn den Stock, sein Auge rollte, seine grimme Seele lechzte nach einem Opfer, das sie zermalmen könnte! Hell glänzend, blauschwarz, unermesslich sah der klare Winterhimmel auf ihn nieder mit seinen zahllosen funkelnden Sternen. Ihr Flimmern und Sprühen kam Martell vor, als wollten sie ihn verspotten, als lächelten sie schadenfroh über sein Elend, und ergrimmt wirbelte er den Knotenstock um sein Haupt und schleuderte ihn sausend in die Luft, während sich ein grässlicher Fluch über seine bebenden Lippen drängte. Als der Stock klappernd wieder niederfiel und dabei seine aufwärts gekehrte Stirne hart streifte, kam er wieder zur Besinnung. Er schämte sich jetzt seiner sinnlosen Wut, murmelte etwas von Verzeihung und trat in das Schenkhaus.
Trauriges, fast unvermeidliches los der Armut, die aller Hilfe bar sich von Gott und Menschen verlassen glauben muss und Vergessenheit ihres Elendes in wüster Betäubung sucht! – Martell, einst so still, ordnungsliebend, häuslich, arbeitsam und zufrieden, war seit dem tod seines einzigen Knaben ein anderer Mensch geworden. Es litt ihn nicht mehr im stillen haus, unter den traurigen Gesichtern. So oft er konnte, floh er sein Haus, suchte Gesellschaft und ergab sich dem Trunke. Der letzte Pfennig wurde aufgespart, um das schleichende Gift des Branntweins in reichlichem Masse geniessen, um sich in seinem narkotischen Dunst bis zur vollkommensten geistigen Dumpfheit betäuben zu können! Sein armes Weib, seine beklagenswerten Kinder, sein frommer Schwiegervater wussten und sahen dies Versinken ihres geliebten Martell und konnten ihm doch nicht zürnen, noch weniger helfen. Bei seinem heftigen aufbrausenden Charakter musste der unglückliche Spinner diesen traurigen Abweg betreten.
Die Gäste der Schenke, ebenfalls herabgekommene und verzweifelte Familienväter, begrüssten Martell mit heiterm Zutrunk.
"Auf gesunde Feiertage!" – "Auf fröhliches Weihnachten!" – "Auf bessere Tage im neuen Jahr!" – "Auf baldigen Untergang unserer Feinde!" – "Auf ewige Verdammniss des Herrn am Stein!" – "Verflucht sei er, verflucht tausend Jahre über die Ewigkeit hinaus!" Mit solchem Zuruf, Einer den Andern überschreiend, reichten die Gäste Martell ihre kleinen Spitzgläschen zum Willkommen. Hergebrachterweise tat dieser Bescheid, warf sich ermattet auf einen Schemel und trank mit fieberhafter Hast zwei Gläschen aus dem zinnernen Viertelmass, das ihm der gefällige Wirt unverweilt darreichte. Nun erst holte er beruhigter Atem und musterte die Gesichter seiner Umgebung. Es waren lauter Bekannte, Fabrikarbeiter wie er, verarmt wie er, auf dem Punkte, unrettbar unterzugehen in wüstem Trunk durch Adrians Unmenschlichkeit.
"Hast Du Nachricht?" fragte ihn sein Nachbar zur Rechten, ein langer schlanker Mensch mit schmaler Brust, dem die hellroten Flecke auf seinen Wangen ein baldiges Ende prophezeiten. "heute Morgen soll er dem tod nahe gewesen sein."
"Pah, er stirbt nicht!" entgegnete Martell. "Wäre auch ein Unglück, wenn er so plötzlich von hinnen ginge. Gott selber könnte das nicht verantworten vor seinem Gewissen! Nein, er muss und soll leben, soll leben so lange, bis er durch uns und seine Schuld verarmt ist, bis er vor uns liegt als ohnmächtig Flehender, und bis wir ihn wie einen Hund treten, stossen, in's Angesicht speien können! Ha, wäre doch diese Zeit der süssesten Rache schon da! Schade nur, dass er keine Kinder hat!"
"Warum? Wolltest Du sie ihm tödten?"
"Tödten? – Nein," sagte Martell mit entsetzlichem Lächeln. "Der Tod ist eine Wohltat, keine Strafe; nur das Leben ist Strafe, wenn es recht tief in Elend eingewickelt wird. Und das, Freunde, glaubt mir, das wollte ich schon besorgen!"
"Wie denn?" fragte der Hektische, ein Gläschen des berauschenden Getränkes hinunterstürzend.
"Hätte der Adrian Jungen, so steckte ich sie unter die Maschinen, grade an Orten, wo die geringste unzeitige Bewegung unheilbringend ist. Dort müssten sie herumkrabbeln, bis ihnen nach und nach hände und Füsse zerquetscht würden, wie meinem Hans, Gott hab' ihn selig und wären sie so recht metodisch zu Krüppeln gesponnen und gehaspelt worden, dann müssten sie bettelnd am Wege sitzen, alle Tage harte Worte hören und in einer Stunde tausendmal sterben! über solcher Rache könnte ich vielleicht all' das Elend vergessen, das ich mein Lebetag habe ertragen müssen."
"Nicht doch," fiel ein Anderer ein, "solche Rache wäre grausam und unmenschlich! Warum unschuldige Kinder mutwillig verstümmeln? Ihn selbst müsste man unter die Kämme stossen, und die scharfen Kanten und Zangen ein paarmal über ihn hinrasseln lassen, dass sein Körper wie ein gepflügtes Ackerland aussähe. Das wäre ihm gesund und würde ihn von Grund aus heilen."
"Du bist im Irrtum, Anton!" erwiderte Martell mit seinem unheimlichen kalten Lächeln. "Gesetzt, Adrian hätte Kinder, so müsste er seine Missetaten schlechterdings in der Qual seiner Kinder büssen. Nichts schmerzt heftiger, länger und tiefer, als die Leiden geliebter Kinder; nichts überwindet ein Vater schwerer, als die Qualen, die Zufall oder Menschen seinen Kindern zufügen. Folter ist Genuss gegen solche Pein, und eben weil ich das weiss aus eigener Erfahrung, müssten mir die Kinder, die Jungen daran! Das würde ihn schon weich machen!"
"Und die Mädchen?" fragte der