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unten mit sehr breiten übersponnenen Knöpfen besetzt war, über der Brust aber bloss durch zwei silberne Heftchen zusammengehalten wurde und eine bis an den Hals zugeknöpfte Weste von hellerem Tuch sehen liess. Ein niedriger runder Hut mit sehr breiter muldenartig aufwärts gebogener Krempe bedeckte sein schneeweisses starkes Hauptaar. Als er diesen an der Schwelle des Hauses abnahm, musste ein fingerbreiter Riemen von schwarzem Glanzleder, den der Alte um das Haar gelegt und vorn auf der Stirn mittelst einer Silberschnalle befestigt hatte, die einen auffliegenden Habicht darstellte, Jedermann auffallen. Dieser Riemen hielt die reiche Haarfülle des Greises fest zusammen und gab dem stramm Einherschreitenden eine überraschende Aehnlichkeit mit irgend einem Helden des Altertums, wie wir sie aus Abbildungen auf antiken Münzen kennen.

Schon von dem Waldhügel herab hatte der Greis die am Wiesenrande liegende Schenke an ihrer ganzen Bauart, noch mehr an dem leuchtenden Heerd- oder Kaminfeuer für einen der vielen gastlichen Haidekretschame erkannt, die in den endlosen Wäldern zerstreut liegen. Er schien darüber sehr erfreut zu sein und seine strengen, tief gefurchten Züge, die in einem Zeitraume von mehr als achtzig Jahren vielen Kummer und schweres Herzeleid erfahren haben mochten, heiterten sich etwas auf, als er in die Schenkstube trat. Es kam ihm Alles darin so bekannt vor, dass er den Arm seines jungen Begleiters drückte und auf der Türschwelle stehen bleibend mit leiser stimme zu ihm sagte: "Sieh, Paul, das ist die Heimat Deiner Väter!"

Der Wirt stutzte, als er diese obwohl in deutscher Sprache gemachte Bemerkung hörte und rückte mit grösserer Eile, als er sonst zu tun pflegte, ein paar Schemel an den grossen in der südlichen Stubenecke befindlichen Tisch. Inzwischen sah der Jüngling sich neugierig im Zimmer um, wo der umfangreiche Kachelofen mit dem grossen hellpolirten kupfernen Ofentopfe, und daneben der in die Wand eingemauerte Kamin, auf dem ein knisterndes Kienfeuer hochauf loderte und die dämmernde stube mit grellem Lichtschein beleuchtete, besonders seine Aufmerksamkeit zu fesseln schienen. Auf der Ofenbank dem Kaminfeuer zunächst sass eine bejahrte Frau mit hagerm, bleichem Gesicht und drehte rastlos beim Schein der Flamme die Spindel. Sie war in schwarze Stoffe gekleidet, nur um das ergrauende Haar, die Stirn mehr als zur Hälfte bedeckend, hatte sie ein zwei hände breites weisses Tuch geschlungen, das am Hinterkopf in zwei steif auslaufende ohrenähnliche Zipfel zu einem Knoten verknüpft war. Sie sah die Fremden mit grossen neugierigen Augen an, ohne sie zu grüssen oder ihren Gruss zu erwiedern, und drehte dann emsig die Spindel fort, dann und wann leise mit sich selbst redend. Ihr ganzes Benehmen liess erraten, dass sie geistesschwach oder vor Alter kindisch geworden sein musste.

"Ich bitte um Nachtquartier für mich und meine Leute," sagte jetzt der ernste Greis, am Tische Platz nehmend. "Eine gute Streu und ein Gericht Kartoffeln oder Haidegrütze werdet Ihr wohl für uns haben."

"Für Euch gäb's wohl auch noch ein Stück geräuchertes Fleisch und frisches Sauerkraut," fiel der Wirt ein, "und dazu möchte' ich Euch raten, damit Euer Knecht nicht Hunger leiden darf. Mit erlaubnis, Ihr kommt aus Polen?"

"Tief aus Polen!"

"Nun ich will hoffen, dass Ihr nicht zu den Rebellen gehört und Eure Papiere in Richtigkeit sind. Die Gensdarmen sind jetzt wachsamer und strenger als vor Jahr und Tag; denn die Haiden stecken voll verlaufenen Gesindels, das sich heimlich über die Grenzen geschlichen hat."

"Mein Pass steht Euch zu Diensten."

"Dass mich Gott bewahre! Meinetalb frag' ich nicht, es geschieht bloss der Sicherheit der Reisenden wegen. Gäb's nicht Gensdarmerie, mir zu Gefallen brauchten die Pässe, weiss Gott, nicht erfunden worden zu sein! Ihr seid kein Pole scheint mir?"

"Von Geburt nicht."

"Sah's Euch gleich an, alter Vater! So ehrlich und treuherzig wie Ihr, sieht kein polnischer Bauer aus."

"Muss ich denn gerade ein Bauer sein?" versetzte der Fremde. "heute zu Tage trägt mancher einen Rock, der nicht auf seinen Leib gemacht ist."

"Das trifft sich wohl, alter Vater, indess wer so viel mit Menschen verschiedenen Schlages umgehen muss, wie der Wirt eines Haidekretschams, der bekommt ein scharfes Auge, glaubt mir's, und so leicht ist ihm nicht etwas weiss zu machen! Ja, ich wollte wetten, dass mehr altwendisches als deutsches Blut in Euren Adern fliesst!"

Der Greis sah den Wirt nach dieser Bemerkung mit seinen hellen dunkelblauen Augen scharf an, und da er einen ehrlichen Mann in ihm zu entdecken glaubte, nickte er und rief ihm den wendischen Gruss "Bomhai boh!" zu, denn bisher war das Gespräch deutsch geführt worden. Schnell und heiter entgegnete der Wirt "Wersh bomhasi!" schüttelte beiden Gästen die Hand und setzte mit Lebhaftigkeit und jener traulichen Freundlichkeit und sorglos-heitern Laune, die den Wenden eigen ist, die Unterhaltung fort.

Inzwischen war auch der jüdische Knecht mit seinem Sohne in das Zimmer getreten und hatte sich abseits vom Schenktische, dem Ofen gegenüber, an einen besonderen Tisch gesetzt. Sie verlangten Schnaps und trockenes Brod mit Salz, das ihnen nebst einem Glase Bier ein junges Mädchen vorsetzte. Das Mädchen war stark und kräftig, strotzte von Gesundheit und schien sich um Druck und Not der Zeit keine sorge zu machen. Es richtete einige fragen an die emsige Spinnerin, erhielt aber keine Antwort. Erst, als sie