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mich frieren macht," flüsterte

Lore dem Gatten zu. "Ein entsetzlicher Scherz!"

"So scherzt die Verzweiflung," sagte Martell trok

ken und setzte seine Wanderung durch die kälter werdende stube fort, denn das Reisigfeuer war längst niedergebrannt und die letzte Kohle davon dem Erlöschen nahe.

"Morgen ist Christtag," fuhr der unglückliche Ar

beiter fort, und dem Anscheine nach gibt es starken Frost. Unser Holzvorrat ist zu Ende, unser Beutel so leer wie unsere Magen. Erst in acht Tagen haben wir auf einige Pfennige zu hoffen. Bis dahin müssen wir hungern und frieren, wenn wir's aushalten und nicht etwa darüber sterben, was beiläufig sehr gescheidt von uns wäre. – Was mich nun betrifft, so bekenne ich unverholen, das ich für diesmal gar keine Stimmung habe, dies hochheilige fest, das der Welt einen Heiland und Erlöser schenkte, wie die Bibel sagt, hungernd und frierend zu verleben. Mich sehnt wieder einmal nach menschlicher Existenz oder nach schleuniger gänzlicher Auflösung und darum spreche ich mit Festigkeit: Brod oder Tod! Weisst Du Rat, Lore?

"Vertraue auf ihn, Martell!"

"Auf ihn? Auf den, der oben über den Wolken die Welt beherrscht, lenkt und regiert? – Ich weiss nicht, Lore, ob er mich nicht verstossen und versäumen wird, wenn ich selbst nicht Kraft genug habe, mich ihm zu nähern! Dazu braucht man Zeit und ich habe keine Zeit zu verlieren."

"Wenn Du beten wolltest, Martell!"

"Seit uns der Hans gestorben ist, kann und will ich nicht mehr beten," versetzte der Arbeiter mit trotzigem Stirnrunzeln. "Ich habe ein Gelübde getan am grab unseres Kindes, das ich halten muss, und dies erfordert bloss trotzige Kraft, kein Gebet. Meine Seele schwimmt in einem Meer von Hass, sie lechzt und schreit nach Rache. Habe ich mich gerächt und somit meinen Hass gesühnt, dann will ich Gott um Verzeihung bitten und wieder ein stiller, frommer, demütiger Mensch zu werden versuchen. Früher aber nicht, bei allen Strafen der Verdammniss!"

"Gott hat ihn schon gestraft, überlass ihm auch die Rache, ihm ganz allein!"

"Ich kann nicht!"

"So wir vergeben; wird auch uns vergeben werden!" sagte Traugott.

"Es mag edel und grossmütig sein, Vater, wenn's nur auch so recht einfach menschlich wäre!"

"Du hast Dein Herz verhärtet, darum fühlst Du nicht mehr rein und lauter. Bete, ach bete, mein Sohn, damit Du nicht in Anfechtung fällst und uns verloren gehst!"

"So Gott mir und den Meinigen Rettung sendet bis zum neuen Jahre, so will ich wieder beten, Vater; wenn nicht, dann fahre dahin, Menschlichkeit, und der Böse rüste mich aus mit der Kraft, die ich bedarf zu meinem Werke!"

Martell riss die Pelzmütze von der Wand und zog seine ärmliche, mit zahllosen Flicken besetzte Winterjacke an.

"Willst Du noch ausgehen so spät?" sagte Lore, indem sie mit einer Stecknadel den kaum noch glimmenden Docht der Lampe ein wenig ausspreitete und aus einem zerbrochenen Töpfchen die letzten paar Oeltropfen darauf träufeln liess. heller schoss das Flämchen empor und beleuchtete die bekümmerten, bestürzten und vergrämten Gesichter der unglücklichen Familie.

"Es wird mir zu eng und zu heiss in meinen vier Pfählen," versetzte Martell mit der fürchterlichen Ironie, die ihm seit seines Knaben tod zur andern natur geworden war. "Ihr braucht nicht auf mich zu warten," fügte er hinzu, "denn wenn mir der heilige Christ in den Weg läuft, wie ich vermute, so biet' ich mich ihm zum Begleiter an, wandere mit ihm von Haus zu Haus und ergetze mich an Anderer Freuden. Darum gute Nacht, ihr Lieben. Auf ein frohes Wiedersehen morgen früh!"

Ohne der bittenden Blicke und Worte zu achten, womit Frau und Kinder den verzweifelten Vater zu halten suchten, stürzte Martell aus seiner frostigen öden Behausung, setzte mit grossen Schritten durch den hohen Schnee und verlor sich auf der etwas betreteneren Fahrstrasse in's Dorf.

Wohin Martell auch seine Blicke richtete, nirgends gewahrte er ein Zeichen fröhlicher Weihnachtszeit. Still und traurig lagen die einzelnen Häuser im Schnee vergraben. Hie und da schimmerte Licht durch die geschlossenen Fensterladen, auch das Klappern einzelner Webstühle liess sich da und dort vernehmen. Aus den Wohnungen alter Leute schollen dem hasserfüllten Martell Töne kirchlichen Gesanges entgegen. Die Armen in grauem Haar sangen Buss-, Bet- und Weihnachtslieder und vergassen darüber ihren Kummer, ihre irdischen Leiden.

Diese unbedingte Ergebung in ein kaum zu ertragendes Schicksal erbitterte Martell noch mehr. Er fand es feig, unmännlich, charakterlos, ja gemein, für die Qualen des Lebens Dem Dank zu sagen, der anscheinend nichts zu Erleichterung Notleidender tut. Verwünschungen zwischen den Zähnen murmelnd, schritt der arme Spinner über den knisternden Schnee bis an's Ende des Dorfes. Hier, wo es die Haide mit schattigem Arm umfing, lag ein Schenkhaus. Der Schein vieler Lichter glänzte Martell schon von weitem aus diesem entgegen, und als er näher kam, konnte er aus dem lebhaften Geräusch auf zahlreichen Besuch schliessen.

Zaudernd blieb Martell einige Secunden unfern des Hauses stehen. Seine linke Hand vergrub sich unwillkürlich in die tasche seiner Beinkleider und suchte mit krampfhaft gebogenem Finger nach Geld. Allein die tasche war leer. Kalter Schweiss trat auf die