's Hütte liegt still und finster, von dem gastlichen fuss keines Freundes betreten, im funkelnden Schnee. Die Haustür ist verschneit, kein Weg gebahnt zur Verbindungsstrasse des Arbeiterdorfes. In der Wohnstube brennt kein geschmückter Tannenbaum, um auf den fröhlichen jubel der beschenkten Kinder herabzulächeln mit seinen Flammenaugen, ein spärliches Reissigfeuer nur knistert im Ofen, das nicht hinreicht, um die luftige, schlecht verwahrte stube zu durchwärmen. Dem Verlöschen nahe glimmt die Lampe über Lore's Webstuhle und wirft mit ihren gaukelnden blauen Flämmchen ein unsicheres Licht auf Todtes und Lebendes. heller noch scheint der Mond durch die kleinen gefrorenen Fenster, an denen sich die Schatten eines entlaubten Ahornbaumes, vom Nordwinde geschüttelt, rastlos bewegen.
Die Familie des Arbeiters ist vollzählig versammelt, da wegen des morgenden Festes die Arbeit eingestellt worden ist. Auch der arme soll ruhen von seiner Arbeit an diesem hohen segensreichen Freudenfeste; auch er soll Zeit und Musse haben, teil zu nehmen an dem allgemeinen jubel, der die halbe Welt zu Brüdern und Schwestern macht. Darum feiern seit Mittag schon die Maschinen. Darum sieht man nicht die ewigen Rauchsäulen aus den Riesenschornsteinen aufwirbeln; darum liegen die hochstockigen, fensterreichen Gebäude auf den Granitfelsen der Insel heute finster und verlassen.
Warum mag es so still, so freudlos sein in Martells Hütte? Warum rinnen einzelne grosse Tränenperlen über die zarten, von kränklichem Rot angehauchten Wangen Dorels, der funfzehnzährigen hübschen Tochter des Spinners? Warum hält Lore, die Mutter Dorels, ihre magern hände über dem Knie gefaltet, und sieht so stier und geisterhaft auf das Schattenspiel der Aeste am Fenster, dessen blinde Scheiben der hämische Winter hohneckend mit dem Pflanzenwuchs heisser Länder so üppig verziert hat? – Sollte sie an ihren verstorbenen Knaben denken, der draussen in der Haide schlummert, dessen Grabstätte sie kaum finden wird unter den hochaufgewehten Schneehügeln? Und gilt diesem entrissenen kind etwa auch das dumpfe Stöhnen Martells, der am leeren Tische sitzt und seinen wüsten Kopf unbeweglich in beide hände stützt?
Horch! Traugott, der alte gottgläubige Vater spricht. Neben seinem Spinnrade ist er niedergesunken auf die unebene, schmutzige Diele. Der Wiederschein des Mondes und ein zitternder Strahl des flimmernden Lämpchens liegt auf seinem runzelvollen, eingefallenen Gesicht. Mit einem Seufzer erhebt der Greis die hände und spricht:
"sechs Uhr! Das ist die Stunde, wo sie allerorten in Haide und auf Fluren die Christnacht einläuten mit denselben Glocken, die mein kindliches Ohr von nunmehr sieben und siebenzig Jahren zum ersten Male vernahm. Gnädiger, gütiger, allbarmherziger Gott, sieben und siebenzig Jahre. Wird es der letzte Geburtstag sein, den ich begehe? An dem ich dankend im Gebet meine Hand zu Dir erhebe, mein Vater und Heiland? O Du hast es gewiss gut mit mir vorgehabt, dass Du mich liessest geboren werden am Tage, wo Dein eingeborener Sohn zum Wohl und Heil der Menschheit auf Erden erschien! Nimm dafür meinen Dank, Allbarmherziger, und wenn es Dir gefällt und zu meinem Frieden dient, so lass mich bald eingehen in die Wohnungen der Gerechten, die bei Dir sind und bleiben ewiglich! – Des Menschen Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen!"
Während Traugott so im Gebet sein Herz beruhigte, erhob Martell langsam seinen Kopf, heftete seine düstern brennenden Augen fest auf den alten Mann und horchte genau auf dessen Worte.
"Mühe und Arbeit," wiederholte der unglückliche Spinner, "Mühe und Arbeit und Verzweiflung in jeder Minute! Ja, ja, die Bibel hat Recht, aus Mühe und Arbeit besteht unser Leben und köstlich ist's, wenn es immer bloss daraus besteht, kommt noch etwas mehr dazu, so wird es sehr hässlich und widerwärtig, und es ist dann schon vom Uebel, wenn es vierzig Jahre dauert! Meinst Du nicht auch, Lore?"
Die arme Frau antwortete nur durch einen unsäglich wehmütigen blick, der sanft bittend auf dem convulsivisch zuckenden Antlitze Martells haftete. Dieser jedoch achtete nicht darauf, sondern fuhr fort, indem er seinen Platz verliess und die enge stube kreuz und quer nach allen Richtungen durchschritt:
"Es leuchtet mir stündlich mehr ein, dass die Armut den Menschen schlecht, grausam, ja zum Cannibalen machen kann, wenn er nicht immer an das Wort des Heilandes denkt: Selig sind die Armen, denn das Himmelreich ist ihr. – Ach das Himmelreich!" fuhr der Spinner mit bebender stimme fort. "Wer von uns wünscht nicht je eher je lieber unter seiner Sonnendecke auszuruhen, ohne Schuld auszuruhen vom Jammer dieser Welt? Aber wie hinüberschlummern ohne Fehl? Wie aus dem Leben scheiden, ohne zuvor mit einem einzigen sündhaften Wort oder Gedanken das ewige Heil verscherzt zu haben? – Das ist das los des Armen, das sind seine Freuden am heiligen Weihnachtsabend!"
"Ja, Lore," rief er mit grimmiger Miene seinem
weib zu, indem er vor ihr stehen blieb. "Du kannst es glauben, dass mich, den Hungernden, heute ein Gedanke nicht rasten und nicht ruhen lässt, vor dem ich selbst mich entsetze!"
"Geduld, Geduld, Armer, es wird besser werden,"
tröstete Lore. "Besser? Vielleicht. Bewahre mich nur Gott vor den bösen Träumen, in denen ich mich immer und immer als – Menschenfresser sehe! – Nun, 's ist ein krankhafter Gedanke."
"Ein Gedanke, der