lebte etwas sparsamer, weil es nichts besass und noch weniger erübrigen konnte, und war zufrieden!" –
"Später wiederholte ich meine Lohnverkürzungen, aber immer bei schicklichen Gelegenheiten, ich verlängerte zugleich die Arbeitszeit – weil die lieben Leute Genuss im arbeiten finden – und erreichte mehr und mehr meinen Zweck. Das alte Haus Boberstein erhielt wieder den Besitz, verdrängte später aufgeschossene Glückspilze, brachte alle baare Capitale an sich und entwand das Geld vollständig dem arbeitenden volk. Ich liess ihm lebensgern das Bewusstsein, sich als freie Männer zu fühlen, ich rief es ihnen, wo ich nur konnte, ins Gedächtniss, doch je mehr ich die Freiheit pries, desto enger umschnürte ich sie mit unzerreissbaren Ketten. Ehe sie es ahnten, waren sie meine Sclaven geworden, deren Leben an einem Zukken meines Auges hing."
"Ich blieb nicht auf halbem Wege stehen, mein biederer Bruder. – Da ich weiss, was Bildung, was sogenannter Fortschritt der Zeit und Volksaufklärung vermag, und wie grade ihre grössere, immer zunehmende Verbreitung unser allergefährlichster Feind ist, so gab ich mir Mühe, dieselbe zu beschränken. Bei meinem System war dies eine leichte Aufgabe. Die Arbeiter konnten bald nur zur höchsten Not auskommen, sie mussten dabei Vermehrung des Verdienstes wünschen und erstreben, aber sie durften von mir nicht verlangen, dass ich sie auf meine Kosten bereichern sollte. Meine Vorkehrungen waren so getroffen, dass kein Verdacht in ihnen aufsteigen konnte. So geschah, was ich voraus berechnet hatte. Diese armen Teufel kamen bittweise bei mir um Verkürzung der Schulstunden ein, damit ihre Kinder ihnen zur Hand sein und auch etwas erwerben möchten! – Sollte ich den Tyrannen spielen? Ich hätte mich nicht beruhigen können! – Ich beschränkte also die Schulstunden, gab auch den Kindern Arbeit und bereite nunmehr eine consequente Verwilderung der Nachkommenschaft vor, die man am besten durch Furcht und Strenge wird erziehen können. Dieses Geschlecht wird in doppelter Hinsicht Sclav sein, Sclav der Freiheit, die es nicht wünschen darf, und Sclav der eigenen Lasterhaftigkeit, in die es rettungslos versinken muss ohne Bildung, ohne Besitz und ohne Hoffnung auf solchen."
"Noch bin ich nicht am Ziele, aber ich nähere mich ihm. Der heutige Morgen hat mir gezeigt, dass ich diese freie Arbeiterschaar nicht mehr zu fürchten habe. Ungeachtet des Lärms, den sie machten, und trotz der heftigen Drohungen Einzelner bin ich doch überzeugt, dass sie eher neben meinen Maschinen den Geist aufgeben, als mir die Arbeit aufkündigen. Nur die fatale geschichte mit dem Wenden und die schmählichen Gerüchte, die unsere Ehre compromittiren, macht mir einiges Bedenken und hat auch diesen schon halb bewusstlosen Maschinenmenschen eine Art Selbsttätigkeit eingeimpft, die ich ihnen kaum zugetraut hätte. Auf welche Weise wir auch diese unterdrücken und das von uns abhängige Volk für immer uns wieder untertänig, ja vollkommen leib- und seeleneigen machen können, das wollen wir Brüder, sobald Aurel angekommen sein wird, reiflich überlegen."
"Herr Aurel am Stein," meldete der Bediente. Im Feuer des Gesprächs hatte Adrian nicht auf die Fähre geachtet, die einigemale von der Insel ans Land und von diesem wieder nach der Insel gekommen war.
"Sehr willkommen!" rief Adrian, indem er lebhaft aufsprang, um den teuern Bruder zu empfangen.
Aurel stand schon auf der Schwelle. Adrian ging ihm mit offenen Armen entgegen, drückte ihn jubelnd an sich und küsste ihn wiederholt. Auch Adalbert gab seine Freude in gleicher Weise, nur weniger stürmisch zu erkennen.
"Was hast Du denn für wunderliche Begleiter?" fragte Adrian, da er im Vorzimmer einige verhüllte Gestalten bemerkte, die einzutreten zögerten.
"Sehr liebe, werte Gäste, teure Brüder," versetzte Aurel mit strahlendem Auge und bat die Harrenden durch leisen Wink, näher zu treten. Ein paar Frauen, von Kopf zu Fuss in feine schwarzseidene Kleider gehüllt und dicht verschleiert, verbeugten sich tief und Aurel ergriff die grössere der Frauen bei der Hand, "Deinem wiederholten Drängen, lieber Adrian, un"Herta?" schrie Adrian laut auf und klammerte sich "Fassung!" flüsterte der kältere Adalbert dem Ent"Herta!" wiederholte Adrian tonlos, dann sank er
Ende des dritten Teils.
Vierter teil
Siebentes Buch
Erstes Kapitel.
Des Armen Weihnachten.
sechs heisere Glockenschläge verhallen langsam in der eiskalten Luft. Auf den wundervoll zarten Gebilden des Frostes, auf Palmzweigen, Orchideen und Lotosblumen an den Fensterscheiben der Hütten und Paläste flimmert das Silberlicht des Mondes. Der frisch gefallene Schnee knirscht unter den Fusstritten Vorüberwandelnder, schreit und wehklagt unter dem Räderdruck beschwerter Lastwagen.
Es ist Weihnachten, Weihnachten, das Freudenfest für Kinder und Erwachsene, der gemeinsame Jubeltag im Jahre für Reiche und arme! In Städten und Dörfern entzünden sich die geschmückten Christbäume, um die erwartungsvoll harrenden Kinder zu begrüssen. Fern und nah, auf allen Seiten, bald laut bald leise erklingen die Glocken, welche zur Christmesse rufen, und wo auf kahler Höhe im blendend weissen, mit Millionen Eisdiamanten geschmückten Flachfelde ein Kirchlein sich erhebt, da ist es jetzt erleuchtet von tausend Kerzen, um die Geburt des Heilandes, des Welterlösers, zu feiern.
Wie begeht Martell, der tiefgebeugte arme Arbeiter diesen glückverheissenden Jubeltag der gesammten gläubigen Christenheit? Sehen wir uns um nach ihm und den Seinen, betreten wir nochmals die wohnung des Mittellosen, um zu erfahren, ob er den Schmerz überwunden hat, der sein geängstigtes Vaterherz zerriss über den unverschuldeten Tod seines lieben Knaben.
Martell