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, wenn es ihr nicht erlaubt wäre, neue Mittel zu erproben, an einzelnen Patienten zu experimentiren? Die Armen, welche nur um Gotteswillen behandelt werden müssen, sind die wahre Goldsaat der ärzte und Wundärzte. An ihnen rankt sich die Wissenschaft empor, wie die Rebe am Stock. Gehen sie dabei zu grund, so ist der Gewinn auf beiden Seiten. Der Leidende wird seiner Qual entoben, und der Experimentator geht klüger von dem Sterbebett des Geopferten, ohne die geringste Verantwortung befürchten zu dürfen. über den Tod eines Armen, wäre er auch noch so auffallend, kräht kein Hahn. Gott erhalte die Armut!"

Während Adrian diesen Sermon seines gewissenlosen Fabrikchirurgen zu seinem eigenen Ergetzen sich wiederholte, hatte er sämmtliche mit dem Postboten empfangene Briefe durchlesen und sich einzelne Notizen an den Rand derselben gemacht. Ein neuer Transport Waaren war inzwischen über den See geschafft worden, ohne dass Adrian darauf achtete. Es war ihm daher ein vornehm gekleideter Herr entgangen, der eine junge schöne Dame am Arm auf der Fähre aufund nieder schritt. Daher überraschte ihn die frohe Meldung des Bedienten, dass Graf Adalbert von Boberstein so eben mit seiner Gemahlin auf der Insel gelandet sei und den gnädigen Herrn zu begrüssen wünsche.

Adrian kleidete sich zum Empfange seiner Schwägerin mit grösster Eleganz schleunigst an und eilte nach dem Salon, wo er die heiss Ersehnten seiner bereits warten fand. Die Begrüssung beider Brüder war warm und herzlich, und trug den Charakter wirklicher Aufrichtigkeit und verwandtschaftlicher Zuneigung.

Von den drei Gebrüdern Boberstein war Adalbert der vornehmste. Aus überzeugung und Neigung Aristokrat achtete er gleich seinem Vater Magnus das Volk nicht. Er vermied mit ihm zusammenzukommen, hatte aber nichts dawider, dass man es klug und mit Vorsicht benutze, um sich zu bereichern und das in grösster Fülle zu verschaffen, was neuerdings dem Adel allein noch Glanz und Nachdruck verleihen kann, nämlich Geld! Deshalb willigte er auch in die speculativen Pläne seines älteren Bruders, doch nur unter der Bedingung, dass er selbst mit Arbeitern und ähnlichem Volk nicht das Mindeste zu schaffen habe. Weil es ihm nicht an Kenntniss und Scharfsinn gebrach, ja eine gewisse vornehme List ihm zu Gebote stand, die fast den Namen Instinct verdiente wegen der eigentümlichen Weise, in der sie sich geltend machte, so übernahm er gern das erheiternde Geschäft eines im Interesse ihrer grossartigen Speculation reisenden Kaufherrn. Reisen war Adalberts leidenschaft und dieser konnte er auf bequemere Weise nicht fröhnen. Was ihn persönlich anekelte, wusste er stets mit unnachahmlicher Gewandteit brieflich oder durch Unterhändler abzumachen, die seinen aristokratischen Launen nicht anstössig erschienen.

Adalbert war seit zwei Jahren mit Beatrice, einer sehr schönen jungen Dame aus fürstlichem Geblüt, vermählt, und hatte aus dieser Ehe ein blühendes Töchterlein, der einzige legitime Sprössling, dessen sich zur Zeit das Haus Boberstein rühmen konnte. Beatrice, nicht weniger vornehm und adelstolz, dabei anmutig und in hohem Grade liebenswürdig, beglückte ihren Gatten wahrhaft. Dieses Paar lebte, wie bereits andeutet wurde, für gewöhnlich auf seinem Edelsitz in Schlesien, einer einträglichen herrschaft, zu welcher auch das Dorf gehörte, wo Leberecht mit Frau und Sohn unter sorge und Kummer sein sauer erworbenes Brod ass.

Wer diese drei Brüder neben einander sah, würde Adalbert für keinen Boberstein gehalten haben. Er ähnelte weder Adrian noch Aurel, noch erinnerte irgend ein Zug an Magnus. Nur wenn er sich mit einer Dame unterhielt, die seine Phantasie beschäftigte, zeigte sich ein flüchtiges Zucken um seinen Mund, das eben so seinem ausschweifenden Vater eigentümlich gewesen war und das in Aurels Gesicht bei jedem Lächeln zum Vorschein kam.

Graf Adalbert war gross und schlank, hatte durchaus die Tournüre eines vornehmen Mannes und trug sich stets nach der neuesten Mode, ohne sich ängstlich an ihre gesetz zu binden. Auch der Schnitt seiner Kleidung war aristokratisch zu nennen, zugleich elegant und graziös ungenirt.

Diesen Mann mit den grossen hellgrauen Augen drückte Adrian wiederholt an sein Herz, nachdem er zuvor seine Schwägerin ehrfurchtsvoll begrüsst hatte. Adalbert erwiderte Handschlag und Umarmung mit gleicher Herzlichkeit und zeigte sich hoch erfreut, endlich nach sehr langer Zeit wieder einmal den Stammboden ihrer Familie betreten zu können.

"Ich habe mich eingerichtet, lieber Bruder, nötigenfalls ein paar Wochen bei Dir zu bleiben," sagte Adalbert, "leider unter der traurigen Bedingung, den beglückenden Umgang meiner Beatrice alsdann längere Zeit entbehren zu müssen. Sie reist zu ihren älteren und wird sich demnach bloss zwei bis drei Tage hier verweilen können."

"Vielleicht gelingt es mir oder unserm vielgereisten Bruder Aurel, der stündlich eintreffen kann, diesen Entschluss der gnädigen Frau wankend zu machen," versetzte Adrian, indem er Beatrice die Hand küsste. "Ich habe hier freilich nicht die rauschenden Zerstreuungen der Residenz, dafür aber ein lustiges und unterhaltendes Waldleben. Und die Eigentümlichkeiten eines Fabrikvölkchens, die Gräfin Beatrice noch gar nicht kennt, werden kleine Reize genug darbieten, um einige Zeit meiner schönen Schwägerin eine angenehme Unterhaltung zu gewähren."

"Ich verstehe nur so wenig von Industrie und was mit ihr zusammenhängt," fiel Beatrice ein, "dass ich zu viel Zeit brauchen würde, um nur einen Begriff davon und mit dem Begriffe den Sinn dafür zu erhalten."

"Ueberlassen Sie mir das ganz allein, gnädige Frau. Ich schmeichle mir, von Ihnen das zeugnis eines geschickten Lehrers zu erhalten."

"Nun denn," erwiderte Beatrice, "auf diese Bedingungen hin will ich über meine Zeit noch nicht verfügen. Es wird von Ihrem Erfindungsgeist, von Ihrer